Kultur

«Wieso nicht auf dem aufbauen, was da ist?»

Von Ane Hebeisen. Aktualisiert am 30.03.2012

Christian Pauli und Roger Merguin haben sechs Jahre die Dampfzentrale geleitet. Nun treten sie zurück. Kann sich die Provinzstadt Bern eine Dampfzentrale leisten? Ein Gespräch.

An alter Wirkungsstätte: Christian Pauli (links) und Roger Merguin blicken zurück und nach vorne.

An alter Wirkungsstätte: Christian Pauli (links) und Roger Merguin blicken zurück und nach vorne.
Bild: Adrian Moser

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Merguin und Pauli

Sechs Jahre leiteten Roger Merguin (zuständig für den Tanz) und Christian Pauli (verantwortlich für die Musik) den Betrieb der Berner Dampfzentrale. Nun treten beide gemeinsam zurück. Merguin wechselt an das Theater an der Gessnerallee Zürich, Pauli an die Hochschule der Künste Bern. Ihre Nachfolge ist nach wie vor nicht geregelt, die Stelle wurde zum zweiten Mal neu ausgeschrieben.

Für Sie beide ist nach sechs Jahren Arbeitsschluss in der Dampfzentrale. Wie fällt der Rückblick aus?
Roger Merguin: Es war eine Art Start-up-Erfahrung. Wir durften der Dampfzentrale eine neue Struktur geben, und heute haben wir das Gefühl, der Betrieb hat eine Relevanz und eine Grösse, die für Bern spannend ist.

Sie, Herr Merguin, werden am Theater an der Gessneralleee anheuern. Was werden Sie dort tun können, was in der Dampfzentrale nicht möglich war?
Merguin: Die Gessnerallee ist ebenfalls ein Zweispartenhaus, allerdings werden dort nicht die Schnittmengen zur Musik, sondern zum Theater gesucht. Dieses Spannungsfeld vom zeitgenössischen Theater bis zum zeitgenössischen Tanz interessiert mich, und in der Dampfzentrale stand diese Suche nicht im Zentrum.

Herr Pauli, Sie haben kürzlich von einer gewissen Müdigkeit gesprochen, Kultur in einem subventionierten Umfeld zu veranstalten.
Christian Pauli: Der Job in der Dampfzentrale hat mir extrem gut gefallen. Klar, in einem subventionierten Betrieb ist man dem Druck der Politik ausgesetzt, etwas, was man als privater Veranstalter so nicht kennt. Ich habe mich dem Druck auch gerne gestellt, aber irgendwann setzt eine gewisse Müdigkeit ein, sich immer mit denselben Argumenten und Vorwürfen herumzuschlagen.

Die Dampfzentrale ist ein typisches Kind der Kulturpolitik. Sie setzte die Leitplanken, sie definierte die künstlerische Ausrichtung, und sie bestimmte, welche kulturellen Bedürfnisse die Dampfzentrale abdecken soll. War das noch ein lustvoll-unbeschwertes Programmieren?
Merguin: Die Vorgaben waren relativ offen formuliert, nämlich dass die Dampfzentrale ein Haus für zeitgenössische Formen von Tanz und Musik sein soll. Wir konnten diese Vorgabe mit Inhalten füllen, und das haben wir durchaus lustvoll getan.

In der freien Tanzszene war die Wahrnehmung so, dass wer nicht auf der avantgardistischen Linie von Merguin lag, keine Chance hatte, in Bern aufzutreten. Haben Sie in Ihrem Nischenverständnis nicht zu viel ausgeschlossen?
Merguin: Das würde ich so allgemein ganz und gar nicht stehen lassen. Es reicht ein Blick auf das Programm des letzten Heimspielfestivals, und man wird erkennen, dass ein breiter Tanzbegriff präsent ist. Es gehört zu den weniger angenehmen Seiten meines Jobs, der einen oder anderen Company absagen zu müssen. Aber ich war mir meiner grossen Verantwortung gegenüber den heimischen Choreografen sehr bewusst, deshalb habe ich die Reihe «Heimspiel» auch ins Leben gerufen, wo ich den Bernern eine Plattform bot und sich eine spannende Zusammenarbeit mit den Berner Choreografen entwickelte. Dank einer intensiven Vernetzungsarbeit wurde der Tanz aus Bern national und sogar auch international wahrgenommen.

Haben Sie diesen Eindruck auch bezüglich des Festivals Tanz in. Bern? Im Vergleich zu den Berner Tanztagen fehlte die ausländische Presse weitgehend, das neue Festival hat eine weit geringere Ausstrahlung.
Merguin: Das sehe ich gar nicht so. Tanz in. Bern wurde sowohl vom Publikum, der Fachpresse und von internationalen Häusern sehr gut wahrgenommen. Für ein junges Festival, das erst seit 2008 existiert, waren wir sehr präsent. Wir haben Erhebungen gemacht, wie sich unser Festival-Publikum zusammensetzt: Etwas mehr als die Hälfte stammte aus der Stadt Bern, der Rest aus dem übrigen Kanton, aus der Restschweiz oder aus dem Ausland.

Doch wir sprechen etwa von der Hälfte des Publikums der Tanztage.
Merguin: Wir hatten letztes Jahr immerhin eine Auslastung von 85 Prozent. Das ist so schlecht nicht. Und wir zeigen neben dem Festival im Jahresprogramm ein breite Palette von Tanz in der Dampfzentrale. Von lokalen und nationalen Koproduktionen und Gastspielen bis hin zu Steps. Dieses gesamte Programm wurde von mir mit dem Ziel kuratiert, dem Publikum eine Auseinandersetzung mit dem zeitgenössischen Tanz zu ermöglichen.

Zurück zur Kulturpolitik: Eine Schwierigkeit ist das Abwägen, was eine Stadt sein möchte und was sie tatsächlich ist. Bern war einst die Blues- und Rock-Hauptstadt, nach den Erfolgen der Tanztage sollte aus ihr eine Tanzstadt werden, bald wird Bern vom Stadtpräsidenten wohl als Musical-Hauptstadt ausgerufen. Was ist dieses Bern in Wirklichkeit?
Pauli:Bern ist vom Publikumsvolumen her eine Provinzstadt. Und auf die Musik bezogen können wir festhalten, dass Bern keine Hauptstadt der neuen Musik ist. Aber es war möglich, ein hoch professioneller Ort wie die Dampfzentrale für experimentelle Musik zur Verfügung zu stellen und ein Publikum dafür zu finden.

Ist denn Bern noch eine Tanzstadt?
Merguin: Ja. Betrachtet man die Grösse der Stadt, ist es natürlich fantastisch, wie der zeitgenössischen Tanz hier wahrgenommen wird.

Und nach Ihnen gibts in Bern nur noch Lindy Hop und Zumba?
Merguin: Das hoffe ich nicht, obwohl ich Lindy Hop super finde. Die Kurve der Tanzinteressierten zeigt ja nach oben. 2004 zählten wir für den Tanz in der Dampfzentrale 7800 Besucher, 2011 waren es 14 100. Das ist für Bern erstaunlich.

Das Profil der Dampfzentrale wurde von der Kulturpolitik vor sechs Jahren skizziert. Sind die kulturellen Bedürfnisse dieser Stadt denn noch dieselben wie damals? Nach der Schliessung des Sous-Soul fehlt es zum Beispiel an Auftrittsmöglichkeiten für unbekannte aufstrebende Bands. In der Dampfzentrale liegt der Musikkeller seit Jahren brach . . .
Pauli: Wir haben unzähligen jungen, unbekannten Musikern die Bühne gegeben – aber vielleicht nicht den Bands aus dem Sous-Soul. Wir sind auch nicht zwingend der richtige Ort für die grossen Partys der Stadt. Für eine grössere Musik- und Tanzproduktion müssen unsere Räume über die Tage der Aufführungen hinaus für Proben und für den Aufbau genutzt werden können. Ein regelmässiges Party-Format würde das verhindern.

Dennoch waren die bestbesuchten Veranstaltungen jene, die von Fremdveranstaltern ausgerichtet wurden. Ich denke an die Oh-Sister-Night oder die Dubquest-Partys.
Pauli: Das zeigt doch, dass wir für solche Formate stets offen waren. Obwohl wir es nie zu unserer Kernkompetenz zählten.

Ist die Dampfzentrale überhaupt der richtige Ort für zeitgenössische Musik, die in der Regel ein Publikum im zweistelligen Bereich anspricht? Sie ist akustisch problematisch, daneben hat man im Zentrum Paul Klee ein hochmodernes Auditorium gebaut, das kaum ausgelastet ist.
Pauli: Eine Patricia Kopatchinskaja sagt mir, die Dampfzentrale sei für sie akustisch und atmosphärisch einer der besten Ort zum Spielen. Viele Musiker der zeitgenössischen Musik wurden glücklich in der Dampfzentrale, weil wir anders sind als ein Kultur-Casino. Wir haben nicht den Mief eines klassischen Betriebes, es ist keine abgehobene Welt. Was man sich fragen kann, ob wir der richtige Raum sind für ein 500er-Rockpublikum.

Die Dampfzentrale wird nun für eine längere Zeit ohne Leitung dastehen. Was ist alles schiefgelaufen in der Nachfolgeregelung?
Merguin: Es war eine Mischung aus Unentschlossenheit und Pech. Man hat sich wohl zu lange mit der Frage beschäftigt, ob man mit einer Co-Leitung oder einer Einzelleitung weiterfahren will. Da ging wertvolle Zeit verloren. Und dann kam das Pech hinzu, dass die Nachfolgerin, deren Wahl ich nie ganz verstanden habe, sich so kurzfristig zurückzog.

War auch Unvermögen dabei?
Pauli: Schade ist, dass man letztlich Unsicherheit ausgelöst hat anstatt Aufbruchstimmung.

Wenn ich Sie fragen würde, was aus der Dampfzentrale werden soll, wäre die Antwort absehbar. Was soll mit der Dampfzentrale möglichst nicht geschehen?
Pauli: Wieso nicht auf dem aufbauen, was da ist? Das kann man selbstverständlich verbessern, und man kann gewisse Dinge auch durchaus hinterfragen. Doch es ist überall, auch in europäischen Grossstädten, ein Riesenkampf, so ein Haus in der Bevölkerung zu etablieren. Letzten Mai haben sich 73% für die Dampfzentrale, wie sie sich derzeit präsentiert, ausgesprochen. Darauf sollte man aufbauen. Und darauf kann man ruhig ein bisschen stolz sein.

(Der Bund)

Erstellt: 30.03.2012, 07:36 Uhr

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