«Wer seinen Garten liebt, wird ihn auch zum Blühen bringen»
Von Ulrike Hark. Aktualisiert am 05.03.2011 11 Kommentare
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Ihr Credo lautet: «Jeder Mensch braucht einen Garten.» Ist Gärtnern ein Menschenrecht?
Unbedingt. Denn jeder Mensch braucht etwas Boden unter den Füssen, und jeder sollte wenigstens ein bisschen Salat oder ein paar Kräuter und Blumen selber ziehen können. Jeder Baum und jede wild begrünte Verkehrsinsel, jeder bepflanzte Hinterhof und jede blühende Fensterbank machen die Welt ein klein wenig besser.
Viele glauben, der grüne Daumen sei gottgegeben. Ist da etwas dran?
Natürlich nicht! Wer seinen Garten liebt, wird ihn auch zum Blühen bringen.
Warum macht das Buddeln in der Erde glücklich?
Wir leben ja jetzt alle mit einem Bein in der virtuellen Welt. Umso wichtiger ist es, mit dem anderen Bein auf dem Boden der Realität zu stehen. Die Kinder sollen erleben können, wie eine Sonnenblume wächst oder eine Kartoffel. Viele Leute in meinem Alter wissen das schon nicht mehr; sie glauben, das Essen falle bei McDonald’s durch den Kamin oder so. Im Garten zu buddeln, lässt uns die grösseren Zusammenhänge verstehen und der Nahrung, der Umwelt und letztlich auch uns selber gegenüber wieder mehr Respekt haben. Gärtnern heisst, das Glück mit offenen Augen, mit allen Sinnen zu erfahren.
In der Realität schrumpft der Traum vom Garten bei vielen Leuten schnell einmal auf die Grösse einer begrünten Terrasse oder eines Balkons mit Küchenkräutern und ein paar Begonien.
Ein Garten macht nicht unbedingt glücklicher, nur weil er grösser ist. Eine kleine, individuell gestaltete Wohlfühl-Oase kann sehr befriedigend sein. So ein Miniaturparadies macht auch weniger Arbeit, lässt mehr Zeit zum Entspannen und Geniessen, was jedenfalls ein Vorteil ist.
Beim Gärtnern kommt man nie ganz an. Vieles bleibt notgedrungen Traum. Ist es nicht auch diese Sehnsucht, die sich nie ganz erfüllt, die dem Thema Garten so viel Zulauf beschert?
Die Sehnsucht bleibt immer, auch im perfektesten Garten. Da ist immer noch eine neue Pflanze, die man haben will, eine Ecke, die man umgestalten möchte. Sonst würde es ja langweilig. Ich verschlinge auch heute noch Berge von englischen Gartenheftchen, einfach weil sie so schön sind. Ein Abend in der Badewanne, mit einem Glas Wein und dem neusten «Gardens Illustrated», das ist fast so schön wie ein Sommerabend draussen.
Sie haben einige Jahre im angelsächsischen Raum, in Irland, gelebt, wo Sie Ihren ersten eigenen Garten hatten. Welche Erfahrungen haben Sie gemacht?
Ich hatte sehr viel Platz und sehr viel Zeit. Ich habe alles ausprobiert, habe mir alles selber beigebracht. Und ich habe mich durch die englische Gartenliteratur gelesen. Ich habe auch sehr viel gelernt in der Donegal Garden Society. Der Austausch von Wissen und von Pflanzen, aber auch die Gartenreisen waren eine grosse Bereicherung. Gerade wer mit Gärtnern anfängt, sollte sich ein paar gute Gartenfreundinnen suchen, die Tipps, Stecklinge und Samen ihrer Lieblingspflanzen weitergeben.
Inzwischen gärtnern Sie daheim in Biel und auf dem Tessenberg über dem Bielersee. Zudem schreiben Gartenbücher. Was war Ihr grösster Fehler, was Ihr grösstes Glück, wenn Sie an Ihre Anfänge denken?
Der grösste Fehler waren die 200 Salatsetzlinge, die ich alle auf einmal gepflanzt hatte. Und sie waren auch das grösste Erfolgserlebnis meiner Anfänge: 200 perfekte Kopfsalate, alle auf einmal, Wahnsinn! Ich habe sie dann ins Restaurant gebracht.
Viele fragen sich zu Beginn: Was mache ich wann? Was mache ich wie? Welche Pflanzen passen überhaupt zu mir?
Es gibt keine «richtigen» oder «falschen» Pflanzen. Das kommt immer auf den Standort an und ist natürlich auch eine Frage des Geschmacks, und der verändert sich, je länger man gärtnert. Ich würde mit einfachen Sachen anfangen, einjährige Sommerblumen säen, Salate und Kräuter ziehen, da ist der Verlust nicht so gross, wenn etwas schiefgeht. Und wenn es einem nicht gefällt, probiert man im nächsten Jahr etwas Neues. Aber man kauft als Anfänger auch mal irgendeine Wahnsinnspflanze, die grad so schön blüht im Gartencenter – ein bisschen Unvernunft und Übermut gehören dazu. Warum nicht eine Schneewittchen-Hochstammrose im Topf? Die blühen monatelang und passen überall.
Man sagt immer, ein Garten braucht Zeit. Doch heute möchte jeder auch beim Grün einen raschen Erfolg sehen. Ein Widerspruch.
Ein Garten kann auch im ersten Jahr schon richtig toll aussehen. Einjährige Kletterer wie Feuerbohnen, Trichterwinden, Glockenreben oder Hopfen sorgen innert Kürze für Sichtschutz. Auch Sonnenblumen, Kürbisse und Zucchini wachsen wie verrückt. Oder Dahlien und Zinnien und Kosmeen, damit hat man sofort ein Blütenmeer.
Gärtnern ist ja eine zutiefst bürgerliche Angelegenheit – man pflegt sein eigenes Stückchen Land und ist stolz darauf. Was halten Sie davon, dass es jetzt auch als politische Intervention eingesetzt wird? Stichwort Guerilla Gardening.
Wir dürfen doch nicht alles Schöne nur denen überlassen, die sich ein Eigenheim und einen Gärtner leisten können. Ich propagiere das Guerillagärtnern seit Jahren und habe in meinem «Gartenmanifest» auch dazu aufgerufen. Letztes Jahr bin ich mit Richard Reynolds zusammen aufgetreten, der als Erfinder des Guerilla Gardening gilt und der ein Facebook-Freund von mir ist.
Gibt es in Ihrem Garten so etwas wie eine Lieblingsblume? Oder finden Sie das kitschig?
Selber gezogene Blumen sind nie kitschig. Meine Lieblingspflanzen ändern mit den Jahreszeiten: Schneeglöckchen, Lenzrosen, Dichternarzissen, blauer Scheinmohn, alte und englische Rosen, Meerkohl, Königslilien, Artischocken, Dahlien. Und dann kommt immer mal die eine oder andere Entdeckung dazu, die mich gerade fasziniert. Derzeit schwöre ich auf Hirschhornsalat, der witzig aussieht und extrem robust ist. Und kleine duftende Nelken! Ich wette, die werden zum Geheimtipp dieses Sommers.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 05.03.2011, 19:30 Uhr
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11 Kommentare
Einfach super ! Ich habe einen kleinen Balkon, 4 x 1,1m und da ich eine grosse Tomatenliebhaberin bin, habe ich letztes Jahr so einen richtigen Tomatentschungel auf meinem Balkon gehabt ! ich züchte nur Hänge-Balkon-Tomätli auch in einer Ampel ein Hingucker ! Mein Hobby, einfach toll, auch wenn ich den ganzen Sommer täglich Tomatensalat esse! Hab den Samen auch im Ricardo !
E.R. ( Amedysli )
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