Kultur
Wenn sie nicht gestorben wäre, ...
Von Denise Jeitziner. Aktualisiert am 01.07.2011
Monica Alis Debütroman «Brick Lane» (2003) wurde gleich für den Man Booker Prize for Fiction nominiert. Dies ist die höchste Literaturauszeichnung Grossbritanniens. Seither hat die 43-Jährige die Romane «Alentejo Blue» (2006) und «In the Kitchen» (2009) veröffentlicht. (Bild: Keystone )
Der Roman «Untold Story» von Monica Ali ist in Grossbritannien beim Doubleday-Verlag erschienen und in den USA bei Scribner.
Der Roman «Untold Story» von Monica Ali ist in Grossbritannien beim Doubleday-Verlag erschienen und in den USA bei Scribner.
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Die amerikanische «Newsweek» hat sich einen Fauxpas erlaubt. In der aktuellen Ausgabe hat die Zeitschrift die verstorbene Prinzessin Diana um 14 Jahre altern lassen, in ein modisches Kleid gesteckt und sie neben ihrer Schwiegertochter Kate Middleton aufs Titelbild gesetzt. Super sieht sie aus, Botox im Kinn sei Dank – das hat die «Newsweek» sich ausgedacht, genau wie die zwei Ehen, die Diana seit Charles geschlossen hat. Viele Leser finden dies absolut geschmacklos.
Angesehene Autorin
Doch was, wenn am Hirngespinst der Zeitung etwas dran sein könnte? Immerhin ergibt Dianas Unfalltod für Verschwörungstheoretiker überhaupt keinen Sinn, zu viele Ungereimtheiten sind ungeklärt. Für sie ist klar: Entweder wurde die frühere Prinzessin ermordet, oder sie hat ihren Tod selber inszeniert und lebt seither unerkannt. Viele würden wohl noch so gerne daran glauben. Genau diesen Ansatz hat nun Monica Ali für ihren neuen Roman «Untold Story» gewählt. Sie habe sich immer wieder gefragt, was wohl geschehen wäre, wäre der Unfall nie passiert, erklärte sie dem «Guardian». Immerhin sei Diana damals offenbar an einem Scheideweg gewesen.
Wäre Monica Ali nicht eine angesehene britische Autorin, sondern eine, die es nötig hätte, würde man ihr glatt eine geschmacklose Marketingabsicht unterstellen. «Untold Story» über Lady Di beziehungsweise Lydia, wie sie ihre Hauptfigur nennt, ist in Grossbritannien fast zeitgleich mit der Hochzeit von William und Kate erschienen und in den USA vor zwei Tagen, also fast zeitgleich mit dem 50. Geburtstag von Diana Spencer am 1. Juli. Das Timing sei Zufall gewesen, immerhin habe sie das Skript schon im vergangenen Sommer abgeliefert, also lange bevor die Verlobung bekannt gegeben wurde. Sie selber habe das Timing als unglücklich empfunden, sagte sie zum «Guardian».
Unfalltod vorgetäuscht
Das Cover des Buchs zeigt eine Schwarzweiss-Aufnahme mit der Rückenansicht einer blonden Frau im weissen, schulterlosen Kleid mit Perlenkette und Diadem. Sie sieht so typisch Diana aus, dass einen höchstens die Tatsache, dass es sich um einen Roman handelt, stutzig machen könnte. Es ist jedoch ein Roman, der mit der Realität spielt und die Gedanken vieler weiter spinnt, die an ein Mordkomplott glauben oder daran, dass Lady Diana in Wahrheit noch lebt. Klingt ziemlich billig, wie der Versuch der «Newsweek», ist es aber nicht. Darin sind sich die britischen Kritiker einig. «Die Veröffentlichung dieses Romans könnte als schäbiger Versuch angesehen werden, ans schnelle Geld zu kommen, aber es ist ein bedachtes, mitfühlendes und vollkommen wertvolles Werk», schreibt etwa die Kritikerin der «Financial Times».
Tatsächlich hat es seinen Reiz, sich vorzustellen, was wäre, wenn Diana noch leben würde. Bei Monica Ali hatte Lady Di alias Lydia ihren Tod im August 1997 – es war kein Autounfall, sondern ein Unfall auf der Jacht des Vaters ihres Freundes – nur vorgetäuscht. Ihren Ex-Mann, die Familie, die ständige Verfolgung der Paparazzi hatte sie nicht mehr ertragen können, zu klein war ihr Selbstbewusstsein. Sie stürzte über Bord, wurde später von ihrem Komplizen, einem früheren Privatsekretär, aus dem Meer gefischt und begann in einer amerikanischen Kleinstand unerkannt ein neues Leben. Wegen der gefärbten Haare, farbigen Linsen und der neuen Nase schöpft niemand Verdacht.
Monica Ali schenkt Lydia jedoch nicht einfach ein Happy End. Die Untergetauchte wird von Zweifeln geplagt. Dass sie als Gegenleistung für ihr zurückgewonnenes Leben ihre beiden Söhne William und Harry nie mehr wiedersehen kann, stürzt sie derart in die Krise, dass es immer unerträglicher für sie wird. Als dann noch ein früherer Paparazzo Dianas auftaucht und von der Dunkelhaarigen fasziniert ist, wird der Roman zum Thriller. Monica Alis Roman ist übrigens nicht der erste Versuch, das tragische Märchen wiederaufleben zu lassen, das vor 14 Jahren in einem Pariser Tunnel endete. In Andrew O'Hagan's «Personality» war Diana gemäss «Guardian» eine Figur, genau wie im Comic «The Little White Car» von Dan Rhodes.
(DerBund.ch/Newsnet)
Erstellt: 01.07.2011, 10:15 Uhr







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