Wenn die Domina nervig klingelt
Von Martin Halter. Aktualisiert am 13.04.2011 3 Kommentare
Lange Zeit ein Freiheitsversprechen: Handy(-Klingeltöne).
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Kafka fühlte sich einst wehr- und hilflos dem Sirenengesang des Telefons ausgeliefert, der tiefer eindringt als «nur in das armselige Gehör». Walter Benjamin empfand das schrille Schellen als Alarmsignal, das «nicht allein die Mittagsruhe meiner Eltern, sondern auch die weltgeschichtliche Epoche störte, in der sie sich ihr ergaben». Das Telefon, so der Medientheoretiker Marshall McLuhan, nimmt keine Rücksicht auf die «Forderungen des Privatlebens, das der visuelle und gebildete Mensch so sehr schätzt». Das aggressive Geklingel des Eindringlings lässt dem Angerufenen keine Wahl: Er muss seiner Interaktionspflicht ungesäumt nachkommen, selbst wenn er dafür ein Gespräch oder einen Geschlechtsakt unterbrechen muss.
Vor allem für Teenager waren die Klingeltöne des 21. Jahrhunderts lange Zeit ein Freiheitsversprechen, ein Erkennungszeichen akustischer Abgrenzung. Was für ihn einst der Button von The Clash, klagte der alte Poptheoretiker Diedrich Diederichsen, sei heute der neueste «Deutschland sucht den Superstar»-Klingelton, ein «falsches Identischwerden», die «zwanghafte Selbstvergewisserung» einer Generation, die ihre Autonomie und Kreativität an die Popkulturindustrie verkauft hat.
Umfragen zufolge beurteilten 2007 97 Prozent der britischen Handynutzer ihre Mitmenschen nach ihren Klingeltönen. 80 Prozent hatten sich für ihre eigenen schon einmal geschämt; dennoch wechselten sie 3,4-mal pro Jahr ihre Klingel-Identität. Dabei ist es weder besonders witzig noch individuell, wenn aus dem Telefon ein Unteroffizier «Abheben!» brüllt oder eine Domina «Zieh dich aus, du geile Sau» säuselt. Allenfalls in Big-Brother-Containern kann man mit verrückten Fröschen, besoffenen Elchen oder einem O-Ton von Dieter Bohlen noch Distinktionsgewinne erzielen.
Unhöfliches Läuten
In Japan wurde bereits die Ära der therapeutischen Klingeltöne eingeläutet: Schubert hilft angeblich gegen Pickel, Babygreinen lässt Mädchenbrüste wachsen; andere Melodien sollen Krähen vergrämen oder verstopfte Nasen befreien. Aber der Gebrauchswert der Klingeltöne liegt deutlich niedriger als ihr sozialer Tauschwert. Romantiker laden sich Schnulzen auf ihr Handy, Mütter das Lachen glücklicher Kinder; pubertierende Witzbolde präferieren furzende Tiere oder Sex-Gestöhn, Bildungsbürger «Für Elise». Computerfreaks verändern ihre selbst gebastelten Klingeltöne so oft, dass sie sie gar nicht mehr erkennen, andere übernehmen einfach den voreingestellten Alarmton. Auf dem Höhepunkt der Klingelmania befürchteten Naturfreunde, Kinder würden den Gesang der Vögel bald nur noch von ihren Handys her kennen. Die Gefahr ist fürs Erste gebannt; nicht nur weil Drosseln und Stare nach Beobachtungen von Ornithologen neuerdings aufgeschnappte Klingeltöne von den Dächern pfeifen.
Der jüngste Klingeltrend heisst retro: Elektromechanisches Läuten, Bimmeln und Schellen wie zu Kafkas Zeiten. In den Klingeltoncharts liegen vertraute Geräusche wie Omas Pendeluhr oder das Modell «Altes krankes Telefon» vor Klassikern wie Pippi Langstrumpf, Walgesängen und Polizeisirenen. Etiketten-Trainer wie Hans-Michael Klein, Autor des Buches «Erfolgreich telefonieren», halten das klassische Läuten mittlerweile für nerviger und unhöflicher als «Umgebungsgeräusche» wie Vogelzwitschern oder Babylachen. Aber um die Nerven der Zeitgenossen hat sich der Klingelklüngel noch nie gekümmert. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 13.04.2011, 14:06 Uhr
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