Wenn Selbstmord in Mode kommt
Von Michèle Binswanger. Aktualisiert am 04.08.2010
Die Kunst ist frei. Und die Mode sowieso. Dennoch wirkt die neue Kampagne der südkoreanischen Kleidermarke Lewitt befremdlich. Im kunstvollen neuen Video des Modefotografen Ryan McGinley sieht man das Model Abbey Lee Kershaw, verfolgt sie, wie sie durch Korridore rennt, an Gittern rüttelt, Fötalhaltung einnimmt und sich dann, nach einigem Zögern, vom Dach eines Hochhauses stürzt – eindrücklich gefilmt mit Nahaufnahmen und Wiederholungen, das Ganze natürlich in wunderbaren Kleidern und Schuhen der Marke Lewitt.
Bis vor kurzem hätte das Video in der Modewelt wohl wenig Aufsehen erregt. Und tatsächlich ist es nicht das erste Mal, dass McGinley ein Model von einem Häuserdach fallen lässt. So liess er im August 2008 etwa Model Agyness Dean sich malerisch von einer Feuertreppe stürzen. Zu sehen war das in der Herbstausgabe des britischen «Pop Magazins». Doch seit sich die Selbstmorde bekannter Models in den vergangenen Jahren gehäuft haben – viele davon durch den Sturz aus Hotelfenstern – muss man die Botschaft des Videos hinterfragen: Wird hier nicht in Stil und Inhalt Suizid glorifiziert? Und müssten nicht gerade Exponenten der Modebranche bewusster mit der Verantwortung für die von ihnen in Videos und Werbebotschaften transportierten Inhalte umgehen?
Unverantwortlich, geschmacklos
Kommt dazu, dass nicht nur in der Modeindustrie, sondern vor allem auch in Südkorea, dem Standort des Auftraggebers Lewitt, Selbstmord ein ernstes Problem ist. Südkorea hat unter Frauen die weltweit höchste Suizidrate. Südkoreanischen Medien bezeichnen Suizid deshalb als «Nationales Problem» – gerade Leute aus dem Showbusiness werden vom Druck ihrer Branche immer wieder in den Suizid getrieben.
Ethische Appelle an die Modeindustrie sind selten sonderlich erfolgreich – und Kontroversen sind ein gutes PR-Instrument. Die Kritik liess trotzdem nicht lange auf sich warten. Verschiedene Websites bezeichneten das Video als unangebracht und unverantwortlich. «Selbstmord zu glorifizieren ist geschmacklos», so hiess es etwa auf «The daily Pedestrian». Auf verschiedenen anderen Websites wurde das Video als verstörend, schrecklich und traurig bezeichnet.
Weder McGinley noch die Marke Lewitt haben bisher Stellung zu den Vorwürfen genommen. Auch das Management von Abby Lee Kershaw wollte keinen Kommentar dazu abgeben.
Die Australierin Kershaw ist zurzeit eines der angesagtesten Models weltweit. Sie ist einer der «Engel »von Victoria’s Secret und ist ausserdem in der aktuellen internationalen H&M-Kampagne zu sehen.
(DerBund.ch/Newsnet)
Erstellt: 04.08.2010, 13:12 Uhr
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