Was es braucht, ist ein neuer «Contract culturel»

An der 1. Berner Kulturkonferenz trafen sich Kulturschaffende und Politiker zum «Branchenseminar».

In der Progr-Aula wurde am Donnerstag die Befindlichkeit der Berner Kulturszene ausgelotet.

In der Progr-Aula wurde am Donnerstag die Befindlichkeit der Berner Kulturszene ausgelotet. Bild: Franziska Scheidegger

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«Bern hat mich bis jetzt nicht enttäuscht»: Der dritte und letzte Referent in der Progr-Aula fungierte am Donnerstagnachmittag als Mutmacher, der in freier Rede und in druckreifen Sätzen mit Lob und Zuversicht nicht sparte. Den rund 200 Zuhörerinnen und Zuhörern der 1. Berner Kulturkonferenz erklärte Daniel Spanke, vor eineinhalb Jahren von Stuttgart nach Bern gekommen und als Kurator im Kunstmuseum Bern tätig, die Bundesstadt sei zwar der «drittkleinste Ort» seines bisherigen beruflichen Parcours, er habe jedoch in keiner anderen Stadt eine solch «enorme kulturelle Vielfalt» angetroffen.

Die Bandbreite, die von einem lebendigen, 700-jährigen Stadtpatriziat bis zur nicht minder vitalen, selbst verwalteten Reitschule reiche, sei schlichtweg ausserordentlich. Beobachtet hat Spanke allerdings auch ein sonderbares «Leiden» in Bern, das sich vor allem darin äussere, in einem Ranking-Denken anderen Schweizer Städten wie Zürich oder Basel zu attestieren, sie seien kulturell halt «schöner und grösser». In Zeiten knapper öffentlicher Kassen täten die verschiedenen Kulturakteure mit ihren unterschiedlichen Interessen indes gut daran, so Spanke, sich zu vernetzen und das Gespräch zu suchen.

Möglichst klare und transparente kulturpolitische Rahmenbedingungen seien durchaus wichtig, betonte Spanke, allerdings habe er in Deutschland auch städtische Kulturabteilungen erlebt, die sich als alles kontrollierende und inhaltlich die Linie vorgebende Intendanten verstanden hätten: «Sie können mir glauben, so machte das Arbeiten als Museumskurator nicht besonders Spass.»

«Eine Art Verfassung»

Die drei Initianten der Kulturkonferenz, Kornhausforum-Leiter Bernhard Giger, «Ensuite»-Herausgeber Lukas Vogelsang und die Kunstsammlerin Carola Ertle Ketter, haben diese öffentliche Plattform ins Leben gerufen und reagierten damit auf eine weit verbreitete Unzufriedenheit in der Berner Kulturszene: Vor dem Hintergrund der neuen Aufgabenteilung zwischen Stadt und Kanton bei der Subventionierung von Kulturinstitutionen ab 2016 wird eine Kulturstrategie vermisst, eine lediglich «verwaltende» städtische Kulturabteilung kritisiert und überhaupt ein Mangel an Debatten unter Einbezug der Kulturschaffenden moniert.

Ewa Hess, Leiterin des Kulturressorts bei der «SonntagsZeitung», referierte in ihrer Einführung über die Wandlung des Kulturbegriffs und sieht für das 21. Jahrhundert ein Kulturmodell heraufziehen, das von Kollektiven getragen werde, mit spielerisch-subversiven Eingriffen in der Tradition der Situationalisten operiere und mehr auf Herausforderung und Verunsicherung setze.

Konkreter und anschaulicher wurde Philippe Bischof, der Leiter der Abteilung Kultur der Stadt Basel. Er trat sein Amt vor drei Jahren an mit dem politischen Auftrag, ein Kulturleitbild zu entwickeln. Bischof erläuterte schlüssig, dass eine solche Arbeit vor dem Hintergrund eines epochalen Paradigmenwechsel stattfinde: Kulturpolitik finde heute in einer Gesellschaft statt, «die ihren bildungsbürgerlichen Kern verliert». Er forderte deshalb nichts weniger als einen neuen «Contract culturel», der sich auch der Frage stelle, wie in «Migrationsgesellschaften» und angesichts eines ausgetretenen Wachstumspfads die Kultur neu definiert und gefördert werden solle.

«Ohne meine Basler Erfahrungen auf Bern übertragen zu wollen», plädierte er dafür, sich an lokalen Potenzialen zu orientieren und sich nicht in einem Konkurrenzkampf mit anderen Städten zu verzetteln. Ein Kulturleitbild müsse kooperativ erarbeitet, «fragend» formuliert und immer wieder überprüft werden. «Auf das Ortsspezifische setzen, ohne provinziell zu sein»: So goss Bischof seinen Ansatz in eine griffige Formel.

Von den anwesenden Berner Stadträtinnen und Stadträten hallte das Votum des PDA-Stadtrats Rolf Zbinden nach. Die Angriffe bürgerlicher Politiker auf die Kultur würden in Zukunft ohne Zweifel zunehmen: «Wir brauchen deshalb zur Rückendeckung ein verbindliches Kulturkonzept, eine Art Verfassung, mit der wir in die Offensive gehen und Sparforderungen Paroli bieten können.»

Für Christian Pauli, Präsident von Bekult, dem Verein Berner Kulturveranstalter, ist die 1. Berner Kulturkonferenz ein wichtiger Anfang für einen «kontinuierlichen Austausch». Er warnte davor, in der kulturpolitischen Diskussion «Fronten aufzureissen zwischen grossen und kleinen Institutionen: «Wenn wir nicht geeint auftreten, spielen wir den Gegnern in die Hände und scheitern an unserem Anspruch, eine Lobby zu formieren.» (Der Bund)

Erstellt: 07.03.2014, 08:32 Uhr

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