Kultur

Upgegradetes Deutsch

Von Philippe Zweifel. Aktualisiert am 28.06.2010 126 Kommentare

Immer wieder laufen staatliche und private Organisationen gegen Anglizismen Sturm. Doch lassen sich Fremdwörter überhaupt aus einer Sprache verbannen?

Mann kanns auch übertreiben: Fremdwörter sind nicht immer Glückssache.

Mann kanns auch übertreiben: Fremdwörter sind nicht immer Glückssache.

Der Bund möchte vermeintlich unverständliche Anglizismen aus dem Vokabular seiner Beamten streichen. In einem Online-Glossar werden zu diesem Zweck Alternativen zu Begriffen wie «Scanner» oder «Spam» angeboten. Das Vorhaben ist gut gemeint – obwohl man wohl deutlicher zwischen sinnvollen Wörter-Importen (etwa: «Win-Win-Situation») und Anglo-Firlefanz («Facility Manager» für «Abwart») hätte unterscheiden müssen.

So oder so ist es interessant zu verfolgen, wie europäische Behörden immer wieder versuchen, der Flut von Anglizismen Herr zu werden. In Frankreich etwa versucht man seit Jahrzehnten per Gesetz dem «Franglais» einen Riegel zu schieben. Zuletzt durch die Loi Toubon, die unter anderem den Gebrauch englischer Werbesprüche ohne französische Übersetzung unter Strafe stellt. So wird die internationale Lufthansa-Werbung am Pariser Flughafen Charles-de-Gaulle «There’s no better way to fly» durch «Il n’y a pas plus belle façon de s’envoler» übersetzt. Ähnliche Sprachschutzgesetze bestehen in Lettland, Polen, Rumänien, Slowenien, Tschechien und Ungarn.

Wonnekleister und Schutzmänner

In Deutschland schiessen vor allem private Sprachhüter auf Anglizismen scharf. So verleiht der Verein Deutsche Sprache in unregelmässigen Abständen den Titel «Sprachhunzer des Monats» und jährlich den Titel «Sprachpanscher des Jahres» an Personen, die im öffentlichen Sprachgebrauch Anglizismen oder «Denglisch» verwenden. Und Sprachpapst Wolf Schneider, der ein Buch zum Thema verfasst hat, giftelt: «Sind wir nicht grossartig, wenn wir das Mögliche tun, den Zweiten Weltkrieg auch mehr als sechzig Jahre danach wenigstens sprachlich Tag für Tag aufs Neue zu verlieren?»

Apropos Zweiter Weltkrieg: Im Wahn, eine reine deutsche Sprache zu schaffen, frei von Fremdwörtern, wurde die Bezeichnung «Banane» von den Nationalsozialisten untersagt («Schlauchapfel» lautete der offizielle Terminus). Ebenso «Polizist» («Schutzmann») oder «Marmelade» («Wonnekleister»). Aber auch die Apparatschiks der DDR wollten ihren Bürgern vorschreiben, wie sie zu reden haben: Aus «Engeln» wurden «Jahresendfiguren», aus «Fotografen» «Lichtbildner». Dass eine übereifrige Sprachregelung und totalitäre Regimes Hand in Hand gehen, wusste bereits George Orwell: Seine in «1984» erfundene Sprache «Neusprech» bezeichnet eine vom herrschenden Regime vorgeschriebene Sprache, die «Gedankenverbrechen» verhindern will.

Hohes Sozialprestige

Ob Sprache überhaupt per Erlasse manipuliert werden kann – ob in totalitären oder freien Gesellschaften – bleibt umstritten. In Frankreich etwa konnten sich die Wörter «Baladeur» («Walkman») oder «Portable» («Mobiltelefon») durchsetzen - worauf sich Sprachpfleger in ihrer Arbeit bestätigt sahen. Viele andere englische Begriffe, wie «One Man Show» oder «Toast», blieben indes im Französischen haften. Eine Studie zu den polnischen Sprachschutzregeln ergab, dass diese ohne Erfolg blieben. Für viele Linguisten ist eine bewusste Regulierung der Sprache sowieso eine Illusion. Aus dem Grund, dass sich Sprachen nach der so genannten Kommunikationsökonomie richten. Will heissen, wir sagen «Sandwich», weil uns dies praktisch, angemessen oder einfacher erscheint, als «belegtes Brötchen». Eine Art linguistischer Darwinismus.

«Wenn die Mehrheit einen Begriff verwendet, ist er legitim» lautet ein anderes Bonmot der Soziolinguisten, die auch auf das Sozialprestige von anderen Sprachen verweisen, das Einfluss auf die eigene Sprache haben kann. Zum Beispiel das Französische, das im 18. und 19. Jahrhundert als chic galt – wodurch zahlreiche Lehnwörter wie «Ballade» oder «Deserteur» ins Deutsche kamen. Heute ist hier der angelsächsische Kapitalismus und die Anziehungskraft der US-amerikanischen Massenkultur zu nennen. In diesem Sinne: Alles easy. (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 28.06.2010, 15:02 Uhr

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126 Kommentare

Hans Ineichen

28.06.2010, 11:21 Uhr
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Ich habe keine Mühe mit der englischen Sprache, trotzdem finde ich die Anglizismen in Deutsch absolut doof. Sie dienen dem Sprechenden lediglich zur Imagepflege. Die Deutschen sind hier absolut schlimm geworden. Vor zwanig Jahren konnte keiner von Ihnen Englisch, heute ist jedes zweite Wort der Jungen ein Anglizismus. Klingt bescheuert. Gepflegtes Deutsch ist schön. Antworten


Zora Nelkenherz

28.06.2010, 12:26 Uhr
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Offensichtlich herrscht Saure-Gurken-Zeit, wenn JournalistInnen plötzlich solche Geschichten als neuesten Amtsschimmel auftischen. Gemach Leute, gemach, bei diesen Anregungen handelt es sich lediglich um Wegweiser, wie amtliche Texte politisch korrekt verfasst werden sollten. Plappern dürfen immer noch alle, wie ihnen der Schnabel gewachsen ist und schreiben, wie es das Herz der Feder diktiert. Antworten



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