Kultur

Und täglich grüsst das Wetter

Von Denise Jeitziner. Aktualisiert am 12.02.2012 16 Kommentare

Das Wetter ist der ideale Eisbrecher für ein Gespräch. Seit Wochen jedoch gibt es kein anderes Thema mehr. Weshalb reden wir Schweizer eigentlich so gerne übers Wetter?

1/43 Im Glarnerland waren Hunderte Haushalte von der Gasversorgung abgeschnitten: Glaernischhütte oberhalb von Riedern. (Archivbild)
Bild: Keystone

   

Dem Wetter können sich nur wenige entziehen: Werbeplakat der Deutschen Bundesbahn.

Heidi Ehrensperger aus Bremgarten AG ist Kommunikationsexpertin.

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Jeder tut es. Überall. Und leider auch ausschliesslich. Das Wetter – momentan Thema Nummer 1. Jeder spricht darüber. Warum? Erstens: Weil jeder kann. Kein Vorwissen nötig, keine Bildung. Falsch gibts nicht. Wenn nicht einmal unsere Wetterexperten mit Sicherheit sagen können, wie das Wetter nächste Woche, geschweige denn im Sommer wird, kann man ohne weiteres auch als Laie übers Wetter philosophieren. Die Frage ist nur, ob auch jeder sollte. Darüber sorgte sich einst auch Wilhelm Busch: «Darf der Gebildete nicht mehr unbefangen übers Wetter reden?»

Reibungspunkte gibt es wenig, höchstens beim Vokabular. Während es beim einen tröpfelt, regnet es beim zweiten, und beim dritten schifft es. Das hat jedoch eher mit der persönlichen Einstellung zu tun. Wer eher alles düster sieht, der sieht auch Gewitterwolken schon kommen, wenn der Himmel noch blau ist und strahlt. Das Gute ist: Wir können uns entspannt übers Wetter zanken, ohne zu befürchten, dass daraus ein richtiger Streit entbrennt.

«Seien Sie nicht schockiert»

Momentan sind sich jedoch alle einig: Saukälte. Seit Wochen hält sie unverändert an, was uns jedoch nicht davon abhält, jeden Tag aufs Neue darüber zu reden. Wir klönen oder tauschen mehr oder weniger dramatische Wettergeschichten aus, etwa dass wir immer noch Velo fahren bei der sibirischen Kälte (Heldentat), dass unsere Haare auf dem Weg zur Arbeit gefroren sind (Kuriosum), dass unsere Heizung ausgestiegen ist und wir kalt duschen mussten oder dass unser Zug stecken geblieben ist wegen der Kälte (Abenteuer). Selbst bei den Nachrichten kommt das Wetter noch vor den Unruhen in Irgendwo oder den Millionenverlusten der Firma XY. «Am zuverlässigsten unterscheiden sich die vielen Fernsehprogramme immer noch durch den Wetterbericht.» Dieses Zitat von Woody Allen stimmt derzeit nur bedingt.

Das weiss auch eine Westschweizer Firma, die sich als «The Swiss Spezialist» bezeichnet, und vermögende Menschen aus dem Ausland berät, die in der Schweiz Geschäfte machen oder sesshaft werden möchten. Auf ihrer Website steht, dass es in gewissen Kulturen ein Tabu sei, übers Wetter zu reden, weil man damit vermittle, dass man entweder nicht zu reden bereit oder fähig sei. Denn wenn einem nichts anderes einfällt, als über das Wetter zu reden, dann scheint wirklich jegliches Interesse am Gegenüber zu fehlen. «In der Schweiz allerdings sollten Sie nicht schockiert sein, wenn dieses Thema immer und wieder aufkommt, besonders zu Beginn von Konversationen», heisst es bei den Tipps.

Schweizer von «Wie gehts?» überfordert

Das ist nicht verwunderlich. Immerhin versichern uns Kommunikationsexperten stets, welch idealer Eisbrecher das Thema Wetter sei. Scheinbar mit gutem Grund, wie die Gesprächstrainerin Heidi Ehrensperger aus Bremgarten weiss: «Allein schon die Frage ‹Wie gehts› überfordert uns Schweizer.» Dieses «Wie gehts» könne das Gegenüber in Verlegenheit bringen, sofort die Rädlein im Gehirn in Gang setzen. Was will der andere bloss von mir? Soll ich ehrlich antworten? Darf ich ehrlich antworten? Und falls ja: Wie ausführlich? Ist «Gut, und dir?» als Antwort zu banal, zu uninteressiert? Das Wetter dagegen sei absolut unverfänglich und biete genügend Gesprächsstoff, so Ehrensperger.

Dass kommt besonders uns Schweizern gelegen: «Im internationalen Vergleich benötigen wir mehr Anlauf für ein Gespräch als andere Nationalitäten», sagt Ehrensperger und vergleicht die schweizerischen Wettergespräche mit einem Tanz. Wir Schweizer seien besonders darauf bedacht, nicht gleich mit der Tür ins Haus zu fallen. Ausserdem erlaube einem das Geplänkel über das Wetter, aus der Stimme des Gegenübers herauszulesen, in welcher Stimmung er wohl sei.

Sechs Monate Wettergespräche

So weit, so klar, das Wetter als Eisbrecher. Bloss: Warum können wir nicht aufhören, übers Wetter zu reden? Vielleicht, weil wir die Wetterabhängigkeit unserer Vorfahren immer noch in unseren Genen spüren. Vielleicht, weil wir uns bei den jetzigen Temperaturen plötzlich fürchten, dem Wetter doch ausgeliefert zu sein. Gemäss einer britischen Studie reden wir durchschnittlich sechs Monate unseres Lebens über das Wetter. Selbst die Literatur kommt ohne das Wetter nicht aus, um Stimmungen zu beschreiben.

«Für mich ist es ein Armutszeugnis, nur noch übers Wetter zu reden», sagt eine Kollegin im Büro. Und der Kollege erzählt Augen rollend von seinem kürzlichen Besuch bei seinen Eltern: «Ich wusste genau, worüber mein Vater reden wird: übers Wetter.» Väter scheinen Wettergespräche besonders zu mögen und holen gerne bis zur Eiszeit aus.

Klar ist: Entziehen können wir uns nicht. Versucht hat es in den Sechzigerjahren die damalige Deutsche Bundesbahn mit dem legendären Werbespruch: «Alle reden vom Wetter. Wir nicht.» Wer damit leben kann, als sonderbar abstempelt zu werden, kann es mit dem Killersatz «Das Wetter interessiert mich nicht» versuchen. Und wer sich bloss sorgt, ein Gespräch über das Wetter sei zu banal, dem empfiehlt ein deutscher Smalltalk-Experte einen leichten Schwenker: «Reden Sie übers Klima.»

Weshalb reden Sie gerne übers Wetter? Können Sie das ewige Thema nicht mehr hören? Meinungen bitte unten eintragen.

(DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 10.02.2012, 12:00 Uhr

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16 Kommentare

A. Wald

10.02.2012, 13:14 Uhr
Melden 36 Empfehlung

Mühsam finde ich eher die Tatsache, dass die meisten Leute sich generell über das Wetter beschweren und grundsätzlich nie zufrieden sind - entweder ist es zu kalt, oder zu heiss, oder zu windig, es regnet zu viel, es schneit zu wenig, usw. Jede Art von Wetter hat doch seine Vorteile, man sollte einfach das beste draus machen. Antworten


Daniel Küttel

10.02.2012, 12:12 Uhr
Melden 33 Empfehlung

Die Mitmenschen sind nicht vom Wie gehts? überfordert, sondern von der Gefahr, wenn jemand offen sagt dass es ihm nicht gut geht und auf einmal die Floskelfrage zum Gespräch wird. Zudem scheinen die Menschen nicht mehr zu wissen, über was man zusammen reden kann, und jede/r denkt, dass sein Leben zu intim ist um darüber zu reden. :o) Also reden wir doch lieber übers Wetter. Antworten



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