Tod des Subjekts

Einer zeichnet die Zukunft, der andere verbindet mittelalterliche Tafelmalerei mit der Gegenwart: Zwei aktuelle Beiträge zum Totentanz-Jubiläum von Matthias Wyss sowie von Jared Muralt und Balts Nill.

Auf der Flucht vor den Nadeln des Todes: Eine Seite aus dem Buch «Totentanz?» von Jared Muralt mit Texten von Balts Nill.

Auf der Flucht vor den Nadeln des Todes: Eine Seite aus dem Buch «Totentanz?» von Jared Muralt mit Texten von Balts Nill. Bild: zvt

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Seine Figuren bedienen Laptops und starren lachend in Smartphones, die meisten in böser Absicht, wie es scheint, mit einem hämischen Gesichtsausdruck jedenfalls. Überhaupt diese Gesichter, Fratzen eher: offene Münder, Lachgrimassen, Staunen, Schrecken. Kein Wunder, da wird ein Bär am Nasenring durchs Bild gezerrt, Kampfflugzeuge donnern über die Köpfe, Menschen verschütten Milch – oder ist es Gift? Überbordende und exaltierte Massen, irgendein geheimes Ziel verfolgend. Oder aber: ganz verschlossene Gesichter, fast ohne Ausdruck – vielleicht, weil sie aus dem Media-Markt kommen –, die Augen kleine schwarze Löcher, weltabgewandte, konsumzugewandte, lebende Leichen.

In der Berner Galerie Duflon Racz zeigt der 1985 geborene, in Biel arbeitende und bereits mehrfach ausgezeichnete Matthias Wyss neue Gemälde. Mit seinen Grotesken trifft er etwas Existenzielles, das in der Malerei noch deutlicher zum Ausdruck kommt als in seinen sehr zahlreichen Zeichnungen, von denen es bei Duflon Racz ebenfalls einige zu sehen gibt. In den neusten Bildern arbeitet Wyss viel mit Weiss, er zeichnet praktisch damit, lässt es aber auch verschwimmen, so dass Konturen sich vervielfachen, in den Hintergrund treten, Bewegung suggerieren. Insgesamt sind die Gemälde dunkler als zuletzt, farbärmer, apokalyptischer und doch vollkommen und beängstigend gegenwärtig.

Wyss malt mit Eitempera auf Holz. Das ist die Technik der mittelalterlichen Tafelmalerei. In dem absurden Bergbild «Quetzalqouttl» – demjenigen mit den Jets und der Milch, dazu euphorische Wanderer, Schwinger, Motorräder Pfauen und Löwen – klingt tatsächlich ein Goldgrund an, wie in einem vorneuzeitlichen Heiligenbild. Ganz von diesseits sind Wyss’ Figuren wirklich nicht, ebenso wenig jedoch von gestern.

Nadel statt Sense

Weil Albrecht Kauws Kopien von Niklaus Manuels Totentanz gegenwärtig in der grossen Wechselausstellung hängen («Bund» vom 13. Oktober), zeigt das Historische Museum an deren Stelle den zeitgenössischen Totentanz des Berner Zeichners Jared Muralt. Das Werk ist als Buch soeben im Verlag vatter&vatter erschienen. Muralts Tod, traditionsbewusst als Skelett auftretend, hantiert nicht mehr mit der Sense, sondern mit schwarzen Nadeln. Ein grafisches Element, das ausserhalb der Welt der abgebildeten, etwas aus der Zeit gefallenen Figuren zu existieren scheint, wie trügerische Akupunkturnadeln aus dem Jenseits oder wie Markierungen jener Stellen des Körpers, an denen sich ein Einfallstor für den Tod öffnen wird. Denn wie ein Belagerer sieht der Tod bei Muralt aus, ein verborgener, der sich unter die Leute mischt. Er tritt ihnen nicht offen entgegen, wie bei Manuel, sondern ist einer unter vielen, der halt manchmal nach einem Hosenbein greift, sich jemandem auf die Schultern setzt, einen in die Arme nimmt. Wehren sich die Menschen? Nicht alle, aber im Verlauf der ausgedehnten Zeichnung – als Buch ist sie über sechs gefaltete Meter lang – rennen sie vor ihm davon, auf der Flucht vor seinen Nadeln, und fallen am Ende doch in ein grosses schwarzes Loch. Dann tritt ein uniformiertes Bataillon aus Toden auf, die Farben werden brauner, grauer, blasser, und erlegt jede und jeden. Als müsste ein Protest niedergemacht werden, als hätten die Menschen einen unbewaffneten Aufstand gegen das ewige Sterben unternommen. Schwarze Ballone ziehen nun an den Leichen, die Todesnadeln – oder sind es die leeren Seelen der Menschen, die sich nicht vom Körper lösen können, weil es sie gar nicht mehr gibt?

Aus der Zukunft

Begleitet werden Muralts in der klassischen Fasson Hergés – einer Art Tintintoujours-Stil – Bilder von einem Text von Balts Nill. Niklaus Manuel malte und schrieb den Totentanz an der Schwelle zur anbrechenden Neuzeit, die den Tod zu einer Sache der Biologie machte und nicht mehr von Gottes Willen. Und auch Nill geht poetisch reflektierend davon aus, dass sich etwas ändern wird zwischen den Menschen und dem Tod. Nills Gedanken kommen aus der Zukunft, in der künstliche Intelligenz den Menschen überwunden oder in der der Mensch wenigstens die natürlichen Todesursachen überwunden haben wird, wie der Bioinformatiker Aubrey de Grey voraussagt.

Aber Nill erinnert daran, dass mit der Abschaffung des Alters, das nur noch als Krankheit gälte, keineswegs das Sterben insgesamt abgeschafft wäre. Unfälle, Suizid sowie Mord und Totschlag, all das wird es weiter geben. Und welcher Schrecken wird davon ausgehen, wenn der Mensch potenziell unsterblich ist? Wie schlimm wird dieses Sterben, wenn wir nicht ohnehin sterben müssen? Und welche Macht wird der haben, der darüber bestimmt? «Früher starb Gottes Geschöpf, heute stirbt das autonome Subjekt», resümiert Balts Nill. So sind Jared Muralts Figuren vielleicht Sterbende aus einer Welt jenseits des Subjekts. Wie der Weg dorthin aussieht und was sich auf ihm abspielt, kann man unterdessen, ebenfalls mit Schaudern, bei Matthias Wyss betrachten.

Historisches Museum: «Berner Totentanz 2016», 2. November bis 17. April. Jared Muralt/Balts Nill: Totentanz? ?Verlag Vatter & Vatter, Bern 2016. www.bernertotentanz.ch. Galerie Duflon Racz: Matthias Wyss, bis 5. November. (Der Bund)

Erstellt: 29.10.2016, 09:28 Uhr

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