Kultur
«Teenager von sich selbst sexuell belästigt»
Aktualisiert am 17.10.2012 8 Kommentare
Machte sich mit Der-postillon.com selbstständig: Autor und ehemaliger Werbetexter Stefan Sichermann.
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Dass Felix Baumgartners Rekordsprung ein gefundenes Fressen für die Webgemeinschaft sein würde, war schon im Vorfeld absehbar. Noch als der Ballon in die Stratosphäre aufstieg, machten im Netz die ersten Witze die Runde. Keiner aber schlug so hohe Wellen wie die Nachricht auf Der-postillon.com. «Linie übertreten: Rekordsprung aus 39 Kilometern Höhe für ungültig erklärt», so titelte die Satireseite am Montagnachmittag. Der internationale Luftsportverband FAI habe den Sprung aus der Stratosphäre deshalb für ungültig erklärt, denn «durch dieses Übertreten habe sich der Österreicher einen unfairen Vorteil gegenüber jedem verschafft, der sich ebenfalls aus einer Höhe von 39'044 Metern in die Tiefe stürzen will».
Grosse Empörung
Die Meldung wurde im Internet herumgereicht und verzeichnete am Dienstagnachmittag bereits über eine Million Klicks und über tausend Kommentare – wobei der Kommentar-Thread noch lustiger zu lesen war als die Meldung selbst. Denn wo die meisten sich über die absurde Behauptung des «Postillons» freuten, nahmen einige Leser die Meldung ernst und empörten sich darüber, dass Baumgartners Leistung aberkannt werden sollte. Es gab sogar besorgte Nachfragen auf Baumgartners Facebook-Site, ob der Sprung denn nun gültig sei oder nicht. Mehr kann sich Satire nicht wünschen.
«Der Postillon» schreibt damit weiter an einer Geschichte, die gerade im Umfeld der gegenwärtigen Medienkrise zeigt, dass innovative Ideen nach wie vor erfolgreich sind. Hinter dem «Postillon» steht der studierte Althistoriker und Anglist Stefan Sichermann aus Fürth in Süddeutschland. Im Jahr 2008 begann er, neben seinem Job die Satireseite zu betreiben, und vermeldete nach dem Vorbild der amerikanischen Website «The Onion» kuriose News. Aufbereitet sind seine Meldungen wie professionelle Nachrichten, nur dass sie durchwegs frei erfunden sind. Das tönt dann zum Beispiel so: «Sensation im Freibad! Kleiner Timmy (9) taucht jetzt schon seit über fünf Minuten.» Oder: «Teenager jahrelang von sich selbst sexuell belästigt.»
Social Media als Wachstumsfaktor
Vor rund einem Jahr konnte er seinen Job in der Werbeagentur aufgeben und hat sich mit dem «Postillon» selbstständig gemacht, den der Familienvater über Werbung finanziert. Rund 25'000 Besucher verzeichnet die Seite pro Tag im Schnitt – Tendenz steigend. Die Leser sind dabei im Schnitt 25 bis 35 Jahre alt und vorwiegend männlichen Geschlechts. Wichtig für die Vermarktung des «Postillons» sind Social Media. Denn obschon auch der Humor mit Facebook und Twitter demokratisiert wurde und die Netzgemeinde immer schnell bereit ist, sich über etwas lustig zu machen, ist das für Sichermann keine Konkurrenz. Im Gegenteil. «Satire funktioniert hervorragend im Internet», sagt Sichermann. Sein Wachstum verdanke er vor allem auch Facebook. Denn wenn ein Artikel laufe, werde er endlos weiter geteilt. Und weil die Inhalte vom «Postillon» eben einzigartig seien, brauche er sich auch um Konkurrenz nicht gross zu fürchten.
Der 31-Jährige postet jeden Tag einen Artikel, auf der Seite gibt es ausserdem einen Newsticker, eine Ratgeberrubrik und Kleinanzeigen, neuerdings auch Nachrichtenvideos. Dabei informiert Sichermann sich vorab auf den grossen Newssites über das Tagesgeschehen und produziert dann, daran angelehnt, seine eigenen Artikel. Was ihm auch nach vier Jahren noch grossen Spass macht, wie er sagt. Dabei sei es wichtig, die Idee simpel zu halten und möglichst nahe an der Wirklichkeit. So nahe, dass es für möglichst viel Verwirrung und damit für ein grosses Echo sorgt. Wie bei Felix Baumgartner, bei dem mittlerweile auch Google schon fragt: «Sprung ungültig?» (DerBund.ch/Newsnet)
Erstellt: 17.10.2012, 15:29 Uhr
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8 Kommentare
Ich glaube dieser Artikel macht sich weniger über Menschen lustig, die sowas ernst nehmen, als über eine Gesellschaft (inkl. Medien und Staat) wo mindestens so bescheuerte Nachrichten meist sehr wohl ernst gemeint sind. Peter Schneider's "Die andere Presseschau" greift ja auf amüsant weise diese bescheuerten Nachrichten auf. Antworten


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