Kultur
Subventionslos glücklich
Von Beat Metzler. Aktualisiert am 21.04.2012 1 Kommentar
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Darko Soolfrank lebt in der Zukunft. Noch drei Jahre dauert es, bis der Mietvertrag für die Maag-Halle ausläuft. Spätestens dann muss der Mitinhaber einen neuen Ort für sein 3200 Quadratmeter grosses Kulturimperium und die 100 Mitarbeiter gefunden haben – eine Aufgabe, die Zeit und Nerven frisst.
Neben der Maag-Halle ist die Zukunft bereits fertig. In den Fassaden des Prime Tower spiegeln sich die neuen Büroriegel. Vier Jahre lang ist hier abgerissen und gebaut worden. «Wir mussten viel Staub schlucken», sagt Soolfrank. Jetzt hält er die Mischung zwischen Neuem und Altem für «prickelnd». Am liebsten würde er bleiben – oder höchstens einen halben Kilometer wegziehen. Weiter draussen funktioniere die Maag-Halle nicht. «Bei unseren Besucherzahlen braucht es die hervorragende Anbindung an den öffentlichen Verkehr.» Soolfrank schätzt zudem die Atmosphäre des früheren Industriequartiers. Und dass er mit dem Fahrrad zur Arbeit radeln kann.
Der Maag-Halle droht das gleiche Los wie so vielen Zwischennutzungen in Zürich-West: Rohstofflager, die Produktionsstätten der Gebrüder Freitag, Hunderte von Ateliers. Sie alle mussten weichen. Die alten Industriekomplexe bleiben allein dann vom Abriss verschont, wenn sie unter Denkmalschutz stehen. Bei der Maag-Halle betrifft das nur einen kleinen Teil. Doch Soolfrank lächelt und rührt entspannt in seinem Espresso: «Das klappt schon irgendwie.»
Zufällig ins Geschäft gerutscht
Vielleicht erklärt sich Darko Soolfranks Optimismus aus seiner Geschichte – in der so vieles wackelig begann und glücklich endete. Als der gelernte Banker 1994 von einer Südamerika-Reise zurückkehrte, fragte er einen Bekannten, den Personalvermittler Guido Schilling, ob dieser einen Job für ihn habe, am liebsten im Kulturbereich. Hatte er. Schilling wollte das Musical «Space-Dream», eine Amateurproduktion der Gewerbebühne Berikon, nach Baden bringen. Nur fehlte ihm die Zeit. Soolfrank sprang ein – für «ein paar Monate Zusammenarbeit», die bis heute andauern.
Der Rest ist ein Tellerwäscher-Märchen. Fünf Jahre lang wurde «Space-Dream» in Baden gespielt, über eine halbe Million Karten wurden verkauft. «Wir waren zur richtigen Zeit am richtigen Ort», sagt Soolfrank. «Heute würde das nicht mehr klappen.» Schon bevor sich das Ende im Jahr 2000 abzeichnete, suchten Soolfrank und Schilling neue Räume für ein neues Musical, das sie zusammen mit dem Autor Charles Lewinsky entwickelten. Nach zähen Verhandlungen bekamen sie die Maag-Halle, wo bis anhin Zahnräder gegossen wurden. Vor zehn Jahren feierte «Deep» Premiere, Stadtpräsident Elmar Ledergerber warb persönlich dafür. Doch der Erfolg von «Space-Dream» wiederholte sich nicht, nach 163'000 Besuchern war Schluss.
Dann waren Soolfrank und Schilling noch einmal zur richtigen Zeit am richtigen Ort. 2003 startete das Schweizer Fernsehen die Castingshow «Music-Star». Gedreht wurde nicht in den Studios in Leutschenbach, sondern im Industriequartier. Die stillgelegte, umgebaute Werkhalle neben der Hardbrücke mauserte sich zur Brutstätte des Schweizer Glamours. Bald kannte sie jeder Primarschüler.
Swissness-Welle
2007 gelang der dritte Knüller: «Ewigi Liebi». Fünf Jahre läuft die Eigenproduktion, eineinhalb davon gastierte das Musical in Bern, in einer eigens dafür hochgezogenen Halle. Bis zur letzten Aufführung am 24. Juni sind bereits 635 000 Tickets verkauft. «Da hat alles gepasst. 2007 erfasste eine Swissness-Welle die Schweiz. Das Fernsehen feierte die grössten Schweizer Hits, unsere Fussballer räumten international ab», sagt Darko Soolfrank. Nach solchen Erfolgen könnte man sich ihn als lauten Selbstdarsteller vorstellen, als eine Art Zürcher Harvey Weinstein, den für seine Wutanfälle berüchtigten Filmproduzenten. Man täuscht sich. Soolfrank ist ein bescheidener Mann, der in seiner eleganten Kleidung auch in einer der Anwaltskanzleien im Prime Tower arbeiten könnte. «Das Rampenlicht überlasse ich anderen.» Er sorgt im Hintergrund dafür, dass unter den Scheinwerfern nichts schiefgeht. Und dass diese überhaupt irgendwo aufgehängt werden können.
Auch viel «Glück und Bauchgefühl» gehörten zu seinem Beruf, sagt der 44-Jährige. Ob eine Produktion funktioniere, könne er bis heute nicht voraussagen. Ein Rezept gebe es nicht, Kassenschlager aus dem Ausland liessen sich nicht einfach in die Schweiz importieren. Selbst ein erfolgreicher Film wie «Die Schweizermacher» floppte in der Theaterversion. «Man merkt in den ersten drei bis vier Vorstellungen, ob es zündet. Das ist jeweils äusserst spannend.» Damit es überhaupt zu ersten Vorstellungen kommt, betreiben Soolfrank und Schilling einen immensen Aufwand. Drei bis fünf Jahre dauert die Entwicklung von der ersten Idee bis zum fertigen Stück.
Derzeit gären fünf Produktionen, nicht alle werden es auf die grosse Bühne schaffen. Manche scheitern schon nach einer ersten, improvisierten Probeaufführung. Viel Hoffnung setzt Soolfrank derzeit auf Cyclope, ein artistisches Musiktheater um eine Tinguely-Skulptur, das während des Sommers einen ersten Anlauf in Biel nimmt.
Vieles wirkt improvisiert
Soolfrank steht auf, um seine Hallen zu zeigen. Ohne Führung würde man sich hier schnell verirren. Nachdem Schilling und Soolfrank eingezogen waren, stellte die Maag Zahnräder AG rundherum ihre letzten Produktionsstätten ein. Die beiden übernahmen Halle um Halle und bauten sie zu Eventstätten um.
Die Säle sind das Gegenteil des benachbarten, architektonisch durchstrukturierten Schiffbaus. Bei Tageslicht wirkt vieles improvisiert. Die Künstler schminken sich in Containern, die auf Stützen im Freien stehen, Kabel schlängeln sich die Wände entlang. Städtische Subventionen hat die Music Hall nie bekommen, was Soolfrank nicht stört. Nur einmal hat er sich öffentlich beschwert. Das Schauspielhaus wollte seine Gastproduktionen im Schiffbau nicht mehr spielen – weil sie gewisse Ansprüche nicht erfüllten. Diese Geschichte sei längst vergessen, sagt er heute. Die Trennung von Unterhaltungs- und Hochkultur halte er aber für überholt. «Die Grenzen verschwimmen, selbst in subventionierten Häusern. Und bereits vor 60 Jahren hat das Schauspielhaus die ‹Kleine Niederdorfoper› gezeigt.»
Auf der Hauptbühne montieren Arbeiter die rustikalen Kulissen von «Ewigi Liebi», nach der Rückkehr aus Bern zum allerletzten Mal. Soolfrank kennt jeden seiner Angestellten, schüttelt Hand um Hand. «Die Leute arbeiten gerne hier. Identifikation und Teamspirit sind wichtig.»
Wichtiger Wirtschaftsfaktor
Den Arbeitsplatz des Chefs erreicht man über eine provisorische Treppe. Es ist ein einfaches Pult in einem Dreierbüro, das wegen der alten Milchglasscheiben kaum Tageslicht abbekommt. Die meisten seiner Angestellten haben es heller: Sie arbeiten in Räumen mit grossen Fenstern, durch die man über die halbe Stadt blickt.
Von diesem Pult aus hat Soolfrank die Music Hall zum zweitgrössten Veranstaltungsort der Stadt aufgebaut. Unter der Flagge Music Hall segelt heute ein Unternehmen, das Musicals, Konzerte, ein Festival für elektronische Musik (das angesagte Pariser Duo Justice beehrte Zürich) sowie Firmenanlässe veranstaltet und einen Nachtclub, Bars sowie ein Restaurant beherbergt. 350'000 Menschen kommen pro Jahr, nur das Hallenstadion lockt noch mehr Besucher an. Die Music Hall sei heute ein wichtiger Wirtschaftsfaktor im Kreis 5, sagt Soolfrank. «Die Restaurants rundherum richten ihre Personalplanung nach unserem Kalender aus.»
Mittlerweile denkt er über das Grundstück hinaus. Auf dem Geroldareal eröffnet er mit Partnern ein neues Gartenrestaurant samt Läden und Kunsträumen.
Verlängerung ist möglich
Vielleicht leitet sich Soolfranks Optimismus aus seinem Erfolg ab. Aus der Zuversicht, dass es sich Zürich nicht leisten kann, eine derartige Institution sterben zu lassen. Tatsächlich sieht die Zukunft gar nicht so düster aus. Seit 2004 gehört das Maag-Areal dem Immobilienunternehmen Swiss Prime Site. «Wir haben zwei Szenarien», sagt Peter Lehmann, Chefinvestor bei Swiss Prime Site. «Entweder wir bebauen das Grundstück der Maag-Halle schon ab 2015. Oder wir verlängern den Vertrag um vier bis fünf Jahre. Einiges spricht derzeit für eine Verlängerung.»
So bekäme die Music Hall eine Schonfrist. Und Darko Soolfrank könnte ein paar Jahre in der Gegenwart leben. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 21.04.2012, 07:46 Uhr
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Die Trennung zwischen Hochkultur + Unterhaltung ist genauso wenig überwunden wie die Trennung von gutem + schlechtem Journalismus. Dass jeweils das letzte heute überwiegt, zeigt nur, dass man sich von der vernünftigen Einsicht verabschiedet, dass Brot + Spiele alleine noch keinen kritischen Bürger hervorbringen. Man unterwirft sich lieber dem Diktat der Wirtschaft und überlässt das Denken anderen. Antworten

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