Radio-Kritik: «Antworten Sie bitte lustig!»
Von Denise Jeitziner. Aktualisiert am 27.12.2011 3 Kommentare
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Dass Komiker im richtigen Leben selten so lustig sind wie auf der Bühne, ist eigentlich jedem klar. Dennoch erhofft man sich von ihnen immer ein bisschen mehr Witz, Schlagfertigkeit, Intelligenz – und ist danach meistens ein wenig enttäuscht. Zu hoch sind die Erwartungen, sie können nur verlieren. Vor allem, wenn sie als Person im Zentrum stehen, wie in der «Focus»-Spezialsendung «100 Fragen an», die gestern Abend auf DRS 3 ausgestrahlt wurde.
Viktor Giacobbo war dennoch cool – oder von den «Giacobbo/Müller»-Kritiken abgestumpft – genug, sich den 100 Fragen von Moderator Dominic Dillier zu stellen. Dieser kündigte ihn übertrieben als «Grossaktionär des Schweizer Humors» an und befahl ihm, doch bitte «schnell und lustig» zu antworten, um ihn nach 39 Fragen in knapp zehn Minuten zu ermahnen, er solle doch bitte etwas ausführlicher sein.
«Wie viele Brillen haben Sie?»
100 Fragen in einer Stunde Sendezeit: Auf dieses Experiment («Focus» hat das Konzept von der «Süddeutschen Zeitung») hatte sich vor zwei Jahren auch Roger Köppel eingelassen, der nur zwei Fragen verweigert hatte. Giacobbo wollte sofort wissen, welche: «Die Frage, wem die ‹Weltwoche› gehört?» Ab hier wurde es ernst. Oder zumindest nicht wirklich lustig. Das lag aber weniger an Viktor Giacobbo, sondern eher an den Fragen von Moderator Dominic Dillier.
Zugegeben, es ist nicht ganz einfach, sich 100 Fragen auszudenken, die den Interviewten zu möglichst interessanten Antworten inspirieren. Aber Fragen wie «Wie viele Brillen haben Sie?» oder «Haben Sie eine Surround-Anlage?» gehören definitiv nicht in die Kategorie der angekündigten «brennenden, beissenden, bewegenden und bedeutenden Fragen zu seiner Person». Auch der Fragenblock zu Mike Müller war vorhersehbar (amüsant wurde es nur, als Dillier wissen wollte, weshalb beide denselben Volvo fahren. Antwort: peinlicher Zufall).
Dagegen war okay, dass die «Focus»-Redaktion den «Kopieren-Einfügen»-Trick anwandte und einige Fragen aus dem Köppel-Interview wiederholte. Schliesslich ist Jahresende und man ist träge von den Feiertagen und müde wegen des Lichtmangels, den die kurzen Tage und langen Nächte mit sich bringen. Zumindest aber hätten die «Focus»-Macher die langweiligen Fragen streichen können. Die Nr. 7 etwa («Werden bei Ihnen daheim die Schuhe ausgezogen?») hat schon bei Roger Köppel wenig Spannendes zutage gebracht und bei Giacobbo genauso wenig (Antwort: Nein).
Freundin zum seelischen Ausgleich
Zwischendurch wurde es dann etwas interessanter, da persönlicher. Wir erfuhren etwa, dass Viktor Giacobbos eigentlicher Traumberuf Tierfilmer wäre, dass er gerne alleine reist, dass seine Freundin ihm «körperlichen und seelischen Ausgleich» gibt und er seine Kinder niemals Kevin oder Anna nennen würde. Bei der Frage: «Mit welchem Ihrer Talkgäste hätten Sie gerne Sex gehabt?», liess ihn Dominic Dillier jedoch zu schnell von der Angel. Alles in allem blieb die Sendung unaufgeregt und Giacobbo beantwortete fast schon streberhaft alle 100 Fragen.
Das wirklich Überraschende in der gestrigen Sendung war aber ohnehin nicht das Gesagte, sondern die Musik, die Viktor Giacobbo auswählen durfte. Unter anderem bekamen wir Elbow, Manchester Orchestra oder The White Stripes zu hören. Wer hätte gedacht, dass der Komiker auf Indie-Rock steht? Die Musikunterbrechungen waren jedoch so schnell vorbei wie die 100 Fragen, die Moderator Dillier nach Giacobbos Schnellstart überraschenderweise doch noch exakt auf die einstündige Sendung zu verteilen vermochte.
Und dann war die letzte Frage gestellt, die Neun-Uhr-Nachrichten wurden eingespielt und nach dem Wetter hallte nur noch Giacobbos Musik nach und «Focus» war schon fast vergessen. (DerBund.ch/Newsnet)
Erstellt: 27.12.2011, 10:14 Uhr
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