Kultur

Oh, Billy!

Von Denise Jeitziner. Aktualisiert am 16.09.2011 18 Kommentare

Kaum 30-jährig geworden, genügt der Ikea-Klassiker plötzlich nicht mehr. Das legendäre Büchergestell, die einzig wirkliche Konstante in unseren Wohnungen, wird elf Zentimeter tiefer. Und wir sind daran schuld.

Dekoelemente statt Bücher: Billy muss sich den neuen Bedürfnissen anpassen.

Dekoelemente statt Bücher: Billy muss sich den neuen Bedürfnissen anpassen.
Bild: Ikea

Vor mehr als 30 Jahren wurde der Klassiker von Ikea entwickelt. Kein Bücherregal wurde weltweit häufiger verkauft. (Bild: Ikea)

30 Jahre Billy

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Guerillawerbung zum Geburtstag: Billy am Bondi Beach in Sydney. (Bild: quietglover.com)

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Billy, das Bücherregal war immer da. Es hat uns durchs Studium begleitet und in der Ecke des WG-Zimmers die Last des Wissens getragen. Es ist uns in die erste eigene Wohnung gefolgt und später in die erste gemeinsame, wo es auf den Billy des anderen traf. Seit mehr als dreissig Jahren trotzt Billy der Mode, kann sich behaupten neben all den Regalen mit den geschwungenen Seitenwänden, den Glasböden, den extravaganten Formen, die früher oder später alle im Sperrmüll oder auf Ricardo landen.

Billy wird tiefer

Kein Wunder löste die Meldung von Ikea, Billy solle anders werden, eine mittelgrosse Empörung aus. Ausgerechnet Billy soll nicht mehr gut genug sein, die einzig wahre Konstante im Sortiment des Lebensabschnitts-Möbelhauses? Das Bücherregal, das 1978 vom schwedischen Designer Gillis Lundgren entwickelt und seither – mehr oder weniger unverändert – über 41 Millionen Mal verkauft wurde? So oft, dass wenn man alle verkauften Regale aneinanderreihen würde, die Billy-Schlange gemäss Ikea-Sprecher David Affentranger fast zweimal die Welt umrunden würde? Das kann nicht sein. Das wäre, wie wenn es bei Ikea plötzlich keine Hotdogs mehr gäbe.

David Affentranger kann jedoch beruhigen. Billy werde nicht ersetzt, Billy bekomme bloss einen Bruder mit tieferen Regalböden. Weshalb man dem neuen Regal nicht einfach einen neuen Namen geben konnte, können die treuen Billy-Fans jedoch nicht ganz verstehen. Djup zum Beispiel hätte gepasst, das schwedische Wort für tief, denn die Tiefe macht den Unterschied: Die Regalböden des neuen Billy sind 39 Zentimeter tief, die beim Original bloss 28. Diese elf Zentimeter Unterschied reichen aus, um weitreichende Spekulationen zu schüren.

Ende der Bücherära?

Kann es sein, dass Ikea mit dem neuen Billy-Regal das Ende der Bücherära einleitet oder zumindest ankündigt? So mutmasste zumindest der «The Economist». Die Firma rechne damit, dass Kunden ihre Regale zunehmend für Dekoelemente und schwere, prächtige Bildbände nutzten – und nicht mehr für simple Bücher. Vom «Time Magazin» gab es gar Lob für Ikeas Weitsichtigkeit. Es sei klar, dass die Menschen in Zeiten des E-Books keine Regale mehr kauften, um Bücher aufzubewahren.

Auch vor der Schweiz mache die elektronische Revolution nicht halt, weiss Affentranger. «Wir stellen insbesondere fest, dass die Bücher aus dem Wohnzimmer verschwinden und dort die Aufbewahrung von DVDs, CDs oder Gamekonsolen wichtiger wird.» Die Bücher werden je länger je mehr in die Zimmer verbannt. Vielleicht sogar aus der Wohnung? Genau wie die gelbe Reclam-Sammlung eines Tages in den Estrich verstaut wurde? Müssen wir uns um Billy das Original sorgen, wird es früher oder später doch aussterben?

Der Ikea-Sprecher winkt ab. Billy soll bleiben. Zudem habe kürzlich eine Studie des Möbelhauses («Leben in der Schweiz heute und im 2020») ergeben, dass das Lesen nach wie vor unsere beliebteste Freizeitbeschäftigung ist. Weiter zeigte die Studie, dass Herr und Frau Schweizer keine futuristischen, spektakulären und fiktiven Vorstellungen von der Zukunft haben. Die Häuslichkeit steht im Vordergrund, wir wollen einfach einen Ort, in dem wir uns geborgen fühlen. Und dort darf Billy nun mal nicht fehlen.

(DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 16.09.2011, 18:41 Uhr

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18 Kommentare

Sascha Wehrle

16.09.2011, 15:10 Uhr
Melden 26 Empfehlung

IKEA zeigt sich zukunftsorientiert, denn in das neue Regal passen prima Vinylplatten (31x31cm). Welche ja bekanntlich auf dem Vormarsch sind. Antworten


Peter Steiner

16.09.2011, 15:06 Uhr
Melden 25 Empfehlung

Ich bin eben umgezogen und habe mir 8 Billy-Regale gekauft um meine Bücher endlich angemessen verstauen zu können - zumindest bei mir ist die bücherlose Zeit noch nicht angebrochen.
Und wenn ich mal Kinder habe ist es mir lieber, sie malen mit Zeichenstiften in einem Buch als auf meinem E-Book-Reader oder dem Tablet :-)
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