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«Noch eine Katze, und ich k...»
Von Katja Kullmann. Aktualisiert am 16.04.2012 1 Kommentar
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«Pinter-was?», fragte ich zurück, als ich das Wort zum ersten Mal hörte, vor ein paar Wochen, bei einer Party unter jung gebliebenen Erwachsenen. «Na ja, das ist so eine neue, äh, Plattform», erklärte ein Freund und Low-Budget-Maler. «Pin»- stehe für «Pinnwand», «-terest» für «Interest». Er stelle da seine Werke aus, die seien nun bis in die USA bekannt. «Aber gibt es dafür nicht Dawanda, Flickr, Tumblr?», merkte ich an. Worauf er «pfff» machte und sich wegdrehte, um sich einer Frau mit ironischem Katzenpulli und «Look at me, I’m cute»-Haardutt zuzuwenden.
Pinterest: Wieder einmal kam ich mir furchtbar alt vor. Obwohl ich mich doch sehr bemühe, ein vollwertiges Mitglied der Gegenwart zu sein, mit annähernd 20 verschiedenen Webkonten bisher. Eine gewisse Account-Müdigkeit kann ich indes nicht leugnen.
Eine wild zusammengestellte Bildergalerie in Pastelltönen
Das Besondere an Pinterest: Es gilt als «weibliche» Plattform. Frauen stellen die Mehrheit der User; die «Financial Times Deutschland» schrieb etwa von «Social Media für Hausfrauen». Ebendies ist für die Werbewirtschaft besonders interessant. Die amerikanische Werbeforscherin Faith Popcorn hat sie schon in den Nullerjahren entdeckt, in ihrem Buch «Evalution: Die neue Macht des Weiblichen». Ob es um Möbel, Kleidung oder Nahrungsmittel geht, meist entscheiden Frauen, wofür das frei verfügbare Haushaltseinkommen ausgegeben wird.
Tatsächlich wirkt schon die Pinterest-Startseite fast klischeehaft «weiblich». Es ist eine wild zusammengestückelte Bildergalerie, dominiert von Pastelltönen und nostalgisch anmutenden Schwarzweissfotos. Sonnenuntergängen, Hollywood-Filmstills, Katzen- und Kinderbildern, Kalendersprüchen, Schuhen, Handtaschen, Heimdekor und Haarflechttipps. Öfter blitzen mal Kate Moss, Katy Perry oder ein Markenlogo auf. Vor allem sieht man: Essen. Appetitlich aufgemotzte Aufläufe, kunstvoll arrangierte Obstsalate, Cupcakes, Cookies, Pancakes. In ihren Bilderkommentaren fassen die User sich auffallend kurz. «Cute!» schreiben sie, oder «Delicious!», «I want that!», «Yummy!» und natürlich «love it!».
«Ja, spinnts dir?», frage ich meinen Bildschirm.
«Sortiere und teile die Dinge, die du magst», heisst es auf der Pinterest-Startseite. Nachdem ich auch bei einigen Facebook-Bekannten Mitteilungen lesen konnte wie: «Anja hat ein neues Pinterest-Board kreiert», beschloss ich, mich inkognito dort anzumelden, um beim nächsten Mal mitreden zu können – und vor allem, um recht zu haben: dass nämlich kein Mensch noch eine weitere Plattform braucht, erst recht nichts mehr mit Katzenbildern!Beim Erstkontakt fragt Pinterest nach meinem Facebook- oder Twitter-Account. Ohne einen solchen komme ich nicht hinein.
Da ich Twitter stets gemieden habe, wähle ich Facebook – und soll prompt mein Passwort herausrücken. «Ja, spinnts dir?», frage ich meinen Bildschirm. «Ich gebe doch den Zugang zu meinem heiligen Privatkonto nicht heraus!» So weiche ich auf mein kaum genutztes Notfall-Facebook-Konto aus. Es läuft auf den Männernamen Hank Hartmann. Fünf Themenboards sind per Voreinstellung eingerichtet, sie heissen etwa «My Style» oder «Products I like». Ich bin aufgefordert, Bilder hochzuladen und an meine «Bretter» zu «pinnen». Zu diesem Zweck soll ich einen Pinterest-Funktionsknopf in meinem Browser installieren. So könne ich alles, was ich an hübschen Dingen im Internet sähe, sogleich den anderen zeigen.
Wie komme ich bei Amy weiter?
Ich suche nach Motiven, die zu einem Hank Hartmann passen könnten. In der Rubrik «My Style» poste ich ein Foto von Tom Wolfe im weissen Anzug. Bei «Products I like» pinne ich eine Flasche Hendrick’s Gin ans Brett. Unter «Food» lade ich ein Wiener Schnitzel hoch. Während ich auf eine Reaktion warte – ein blinkendes Lämpchen, irgendwas –, stelle ich fest, dass ich zwölf wildfremden Pinnern als Follower zugeteilt bin. Über 2000 Fotos hat allein Marjorie aus Ohio hochgeladen, ihre Boards heissen etwa «Hochzeitskleider», «Lieblingssüssigkeiten» und «Lustige Sachen». Aus Höflichkeit klicke ich einmal «like», beim Bild eines gähnenden Leoparden. Marjorie reagiert nicht, vielleicht normal, bei mehr als 600 Followern.
Ein gewisser Mike aus Oregon hat sich auf «Tattoo Art» und «Photography» spezialisiert, Daniel aus New Jersey auf «Magazine Covers» und «Landscapes». Dann entdecke ich die hübsche Amy, 324 Follower. Sie kommt aus Houston, Texas, und muss sehr einsam sein; bei ihr ist es jetzt fünf Uhr morgens, und sie hat einen akuten Upload-Schub. Ein Reisefoto nach dem anderen lädt sie hoch, Katalogbilder von Palmenstränden und Lavendelfeldern. Bei mehreren klicke ich «like», einmal schreibe ich: «Beautiful!» Eine von Amys Riesendünen «re-pinne» ich bei mir, was eine Art Ehrerbietung bei Pinterest darstellt. Daraufhin «liked» Amy meinen Tom Wolfe. Ich trage mich als Follower bei ihr ein – prompt folgt sie auch Hank Hartmann. Der vergisst jetzt allen Bilderkram und schaltet voll auf Eroberungsmodus. Nur: Wie komme ich bei Amy weiter? Eine Chat- oder E-Mail-Funktion gibt es bei Pinterest nicht.
Sieben Fremde haben meine Bilder weitergepinnt
Eines ihrer Bilder, es zeigt einen klaren Bergsee, trägt die Überschrift: «Don’t know where this is». Ich kommentiere: «Maybe Switzerland?» Mein Herz klopft. Ich warte einige Minuten. Will ihr etwas Zeit geben. Schlendere solang durch die Galerien anderer Leute. Als ich nach einer Viertelstunde zu Amy zurückkehre, hat sie 17 weitere Bilder hochgeladen – und noch immer kein Wort verloren.
So geht das tagelang weiter. Ich «like» und «re-pinne» Küchenregale, gehäkelte «Star Wars»-Figuren, 70er-Jahre-Autos, diverse Kuchen, zwei, drei Fashionbilder und mehrere Tausend niedliche Pelztiere. Keine Reaktion, auf keinen meiner Kommentare. Von wegen «Frauen reden zu viel»! Wortlos haben sich ganze drei Follower mir zugesellt, ein Mann darunter, und ungefähr sieben Fremde haben einige meiner Bilder weitergepinnt.
Ich will Höhlenmalerei
So viele Fotos fliegen mir um die Ohren, dass ich schon gar nicht mehr weiss, ob ich all das schon mal gesehen habe, ob es von mir kommt, obs mir gefällt oder nicht. Am fünften Pinterest-Abend höre ich mich grunzen und beginne nach dem Schlagwort «Höhlenmalerei» zu suchen, nach Zeugnissen aus der Zeit, bevor der Mensch die Sprache erfunden hat. Die Schlichtheit der Dinge, die Semantik der Sachen, Objektsexualität – know what I mean?
Als Hank Hartmann dann nach Tagen wieder mal auf seinem Heimatplaneten Facebook vorbeischaut, schreibt er: «Noch eine Katze, und ich muss k…» in seine Statuszeile. Und weil er das extremely cute findet, setzt er sich selbst ein «gefällt mir». (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 15.04.2012, 14:21 Uhr
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1 Kommentar
Oh bitte. Solche Kommentare zu irgend einer Social Media-Plattform gab es schon x mal. Immer dasselbe, pseudo-lustiger Selbstversuch mit zynischer Grundhaltung, am Schluss das unweigerliche Fazit, dass das unbrauchbar ist, um sich beim sowieso von Beginn an mit Vorurteilen bewaffneten Publikum brav anzubiedern. Es kann ja nur Müll sein, oder? Wie ungemein langweilig. Antworten

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