Nichts wie weg hier!
Von Simone Meier. Aktualisiert am 13.04.2011 73 Kommentare
Bücher
Hilal Sezgin: Landleben – Von einer, die raus zog. Dumont, Köln 2011. 270 S., ca. 32 Fr.
John und Martha Storey: Die tätige Landlust – ein Praxisbuch des einfachen Lebens. Manuscriptum, Waltrop 2011. 553 S, ca. 60 Fr.
Dieter Moor: Was wir nicht haben, brauchen Sie nicht. Geschichten aus der arschlochfreien Zone. Rowohlt, Frankfurt am Main 2009, 304 S., ca. 16 Fr.
Dieter Moors neues Buch «Bauer sucht Frau mit Trecker... Neue Geschichten aus der arschlochfreien Zone» erscheint im Oktober.
Korrektur-Hinweis
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Den entscheidenden Augenblick, der mir klar machte, dass ich einmal in einer Stadt leben wollte, verdanke ich ausgerechnet der dänischen Schlagersängerin Gitte. Ich war vielleicht 12, am Fernsehen lief ein Dokumentarfilm über Gitte, und die Kamera schaute von aussen auf Gittes Wohnung in Kopenhagen, sie lag in einem hübschen alten Haus, es war Abend, warmes Licht schien aus vielen Fenstern, es war Adventskalenderstimmung, und ich wusste: In der Stadt würde ich mich geborgen fühlen. In der Stadt, wo die Leute dicht beieinander leben, wo es nachts keine allein stehenden Häuser mit einer grossen Dunkelheit drum herum gibt, wo niemals alle schlafen, immer irgendein Licht brennt, immer irgendein Mensch unterwegs ist, kurz, wo Leben ist, aber auch eine wohltuende Anonymität.
Ich schaute damals also in Gittes Kopenhagener Fenster hinein, ich sang leise ihr «Ich will alles, ich will alles, und zwar sofort! Eh der letzte Traum in mir zu Staub verdorrt!» und wusste: In der Stadt würde ich mich frei fühlen. Und ich ahnte, dass in der Stadt auch die bange Frage, ob ich mich im Leben denn auch richtig entscheiden würde, ein Ende hätte. Weil ich dort, wo an jeder Ecke eine andere Möglichkeit wartete, gewiss irgendwie mein Glück finden würde. Im Gegensatz zum Land, wo es nicht viel zu werden gab. Auf dem Land, so wurde mir immer gesagt, war Auffallen gewissermassen eine Todsünde, wer auffällt, missfällt, in der Stadt musste man sich keine Grenzen setzen.
Das geistig weniger anstrengende Landleben
Die Stadt verlangt, dass man mit- und vorwärtsgeht. Das Land will, dass alles so bleibt, wie es immer schon war. Und siehe da: Ich hatte recht! Es kam alles genau so, wie ich es mir ausgemalt hatte und noch viel schöner.Es gibt Leute, die ziehen umgekehrt von der Stadt aufs Land und machen ein grosses Trara und lassen sich immer in verdreckten Gummistiefeln ablichten wie Dieter Moor und schreiben dann auf jeden Fall ein Buch darüber wie Dieter Moor mit dem Untertitel «Geschichten aus der arschlochfreien Zone». Oder sie zeigen ein Paar Gummistiefel im Gras auf ihrem Buchcover wie Hilal Sezgin mit ihrem «Landleben – Von einer, die raus zog».
Oder sie bezeichnen ihr Buch als «Die tätige Landlust – Ein Praxisbuch des einfachen Lebens» wie John und Martha Storey, deren Buch so vom Verlag angekündigt wird: «Nüchtern betrachtet, geniessen heutige Stadtmenschen hinsichtlich ihrer elementaren Lebensbedürfnisse den gleichen Komfort wie Patienten auf der Intensivstation. Beide werden von brummenden technischen Apparaturen über vielerlei Kanäle mit den lebensnotwendigen Stoffen, Wässern und Nährsalzen rundum versorgt.» Was für ein Bullshit! Niemand von ihnen bestreitet, dass sie das Landleben als das «einfachere» Leben betrachten, das urtümlichere, das weniger komplexe und deshalb – geistig gesehen – weniger anstrengende. Sie bauen da auf Selbstverantwortung und Selbstversorgung, und ja, es ist immer lustig zu lesen, wenn eine Stadtpflanze wie die Frankfurterin Hilal Sezgin versucht, sich ernsthaft der Schafzucht zu widmen, aber dass in diesem Rückzug, in dieser beschaulichen Selbstgenügsamkeit auch ein Rückschritt liegt, eine Realitätsflucht, das sieht sie nicht.
Wo die Enge weltläufig ist
Ehrlich, wieso muss sich eine kluge Islamwissenschaftlerin, die man jetzt gerade täglich in Fernseh-Talkshows und Radiosendungen brauchen könnte, an den Rand eines 500-Seelen-Dorfes in der Lüneburger Heide zurückziehen und dort – natürlich! – anfangen über Tierschutz nachzudenken? Weshalb züchtet sie, eine Veganerin, entgegen jeder ländlichen Vernunft (jaja, die gibt es schon auch) Tiere, die sie nicht zu schlachten bereit ist? Aber nein, sie lebt natürlich nicht in irgendeinem Dorf, sondern gewissermassen in einem Wellness-Dorf, wo die Bewohner auch ayurvedische Massagen anbieten und ständig gesunde Tees kochen, und überhaupt alle wahnsinnig lieb miteinander sind. Sie hat sich das bewusst so ausgesucht. Wenn schon Land, hat sie sich gesagt, dann bitte ohne Neonazis, dann lieber ein bisschen soft. Ihr Vorbild von Landleben, schreibt sie, war immer Astrid Lindgrens Bullerbü. Ein literarisches, ein erfundenes Land also.
Klar, die Landschaften sind auf dem Land oft überwältigend schön, und ich bin auch nicht gefeit gegen die Sentimentalität gegenüber Blümlein und jungen Tieren, aber da leben, nein danke. Auch der Zürichsee ist schliesslich ein Wunder, und je nach Lichteinfall packen mich auch beim Anblick des Prime Towers Erhabenheitsgefühle. Und je mehr auf dem Land der Blick ins Weite geht, desto enger wird es mir dort ums Herz, denn mein Herz, das schlägt links, und auf dem Land da regiert in der Schweiz nun einmal einfach die grosse Partei. Es gibt dort nichts anderes. Weil sich das Land selbst genug ist. Weil es dort um das Konservieren der eigenen Werte und der eigenen Erzeugnisse geht, und nicht darum, sich an anderem zu messen und davon zu lernen.Man lebt dort vom ganz Eigenen, und also auch vom eigenen Tier, das hat dann schon seine Konsequenz. Hätte in meiner Kindheit jemand das Wort «Veganer» in den Mund genommen, dann hätte es geheissen: «So was gibts bei uns aber nicht!» So, wie es «bei uns» auch Intellektuelle (Unpraktisch! Kompliziert! Arrogant!») nicht gibt oder Homosexuelle (Pervers, total pervers!), Nichtchristen (Die sind immer so auffällig!) Prominente (Sicher toootal arrogant!), japanisches Essen (Roher Fisch? Ungeniessbar!), thailändisches Essen (Viel zu scharf!), ein gut ausgebautes öffentliches Verkehrsnetz (Wieso? Es haben doch alle ein Auto!), richtig gute Einkaufsmöglichkeiten im Umkreis von einem Kilometer (Aber es haben doch alle ein Auto!), und Kultur (Aber es gibt doch schon so viele schöne Vereinsanlässe, Kochkurse und Dorfkünstler-Ausstellungen!).
Zum Glück gibts Facebook
Man hätte der Veganerin jede Landtauglichkeit abgesprochen und dazu stolz und ohne Federlesen in die selbst gemachte Blutwurst von der eigenen Sau gebissen. Und ich bin mir sicher, dass dies auch heutzutage noch genauso vorkommt, aber danach schreibt man auf Facebook, wie gut die eigene Wurst geschmeckt hat. Es sind ja von allen Leuten, die ich kenne, die auf dem Land viel schneller auf Facebook gegangen als die in der Stadt. Weil es offenbar auch in ihnen eine Sehnsucht nach irgendeinem Anteil an einem Teil der Welt gibt.
Vielleicht ist es ja gar nicht schlimm, dass es diese beiden Zonen gibt, diese ländlichen Verlangsamungsschleusen und die städtischen Selbstverwirklichungszentrifugen. Offenbar brauchen viele Menschen irgendwann in ihrem Leben einen Szenenwechsel, damit sie das «alles», was Gitte einst besungen hat, auch bekommen können. Aber die Mehrheit von ihnen, seien wir ehrlich, die findet das Glück in der Stadt. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 13.04.2011, 08:10 Uhr
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73 Kommentare
Ausser vielleicht in ein paar Bergtälern gibt es das Land nicht mehr. Die mit den dreckigen Gummistiefeln schlafen dort und arbeiten in der Stadt. Postauto, Bus und S-Bahn erschliessen jedes Dorf und machen es zur Agglomeration. Blumenkisten und Wagenräder am Gartenzaun machen die Agglo dort zu dem, was immer noch viele Leute "Land" bezeichnen. Antworten
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