Nicht nur beim «Lounging» waren sie der Zeit voraus
Von Ulrike Hark. Aktualisiert am 29.11.2010 1 Kommentar
«Schubkastenstapel», 1982 (Bild: PD)
Für Arrivierte und Newcomer
Designpreise 2010
Das Bundesamt für Kultur zeichnet jedes Jahr international bekannte Schweizer Designer mit dem Grand Prix Design aus und würdigt mit dem Eidgenössischen Wettbewerb für Design aufstrebende Newcomer in den Sparten Grafikdesign, Mode, Fotografie, Produktdesign, Schmuck und Szenografie.
Den Grand Prix Design erhalten Susi und Ueli Bergerfür ihr Lebenswerk sowie der Regisseur Jean-Luc Godard, die Textildesignerin Sonnhild Kestler und der Schmuckkünstler Otto Künzli. Der Preis ist mit je 40 000 Franken dotiert. In der Begründung der Jury heisst es, Susi und Ueli Berger hätten mit ihren raffinierten und zugleich zweckmässigen Möbelentwürfen Schweizer Designgeschichte geschrieben. «Mit Fantasie und Ironie sowie viel Gespür für Materialität und Formen entwarfen die beiden Objekte, die heute Klassiker sind.» Die Jury besteht aus den Mitgliedern der vom Bundesrat gewählten Eidgenössischen Designkommission sowie aus eingeladenen Expertinnen und Experten.
Beim Eidgenössischen Wettbewerb für Design kamen 60 Einsendungen in die engere Auswahl, 28 Preisträger wurden bestimmt. Die Preise bestehen wahlweise aus einem Geldbetrag über 25 000 Franken oder einem Atelieraufenthalt im In- oder Ausland.Die Preisverleihung findet morgen Dienstag in Zürich statt. Erstmals sind die Objekte der arrivierten Designer und die der Newcomer im Museum für Gestaltung gemeinsam zu sehen: 1. Dezember bis 20. Februar.(uh)
«Ich war der Kopf, und er wollte berühmt werden.» Susi Berger, heute 72, sagt bei meinem Besuch gleich zu Beginn diesen bemerkenswerten Satz, und man ist etwas baff. Er macht auf unverhohlene Art deutlich, dass es im Leben des Künstler- und Designerpaares nicht nur um Möbel ging, die nach 40 Jahren gemeinsamen Schaffens ein umfassendes Lebenswerk darstellen, sondern auch um die Vormachtstellung in der Beziehung. Sie, die Ende der 60er-Jahre noch junge, aber bereits erfolgreiche Grafikdesignerin aus Bern, aus intellektuellem Haus und ihm bildungsmässig überlegen. Er, Malermeistersohn, der das elterliche Geschäft übernehmen sollte, sich aber zu Höherem berufen fühlte – zum Maler und Bildhauer.
Den grossen Durchbruch hat Ueli Berger als Künstler nie wirklich geschafft, aber im Möbeldesign zusammen mit seiner Frau war er erfolgreich. Ein Erfolg, den er nach aussen oft für sich reklamiert habe, sagt sie: «Wir hatten schlimme Auseinandersetzungen wegen der Autorenschaft.» Den «Schubkastenstapel», eines ihrer bekanntesten Werke, hätten sie 1981 unter beider Namen herausgebracht, aber nur wegen des Hausfriedens. «Er war meine Idee», sagt Susi Berger.
Der grosse Abwesende
Lange Zeit sei es für sie ein Problem gewesen, dass man sich immer nur für ihren Mann interessiert habe, obwohl sie neben der Haushaltsführung, der Erziehung der drei gemeinsamen Kinder und ihrem politischen Engagement, unter anderem für die Fristenlösung, einen grossen Teil zum gemeinsamen Werk beigetragen habe. Aber eben, meint sie altersmilde, das sei halt das Los aller damaligen Atelierpartnerinnen gewesen: Le Corbusier habe nie ein Möbel entworfen, und doch meinten dies alle. Weil Eileen Gray und Charlotte Perriand – die wirklichen Designerinnen – im Hintergrund bleiben mussten.
Vor zwei Jahren ist Ueli Berger gestorben, und das Ehepaar erhält nun für sein gemeinsames Lebenswerk den mit 40'000 Franken dotierten grossen Designpreis der Schweizerischen Eidgenossenschaft. Ein Anlass, sich zu freuen und vielleicht auch Ressentiments abzulegen. Susi Berger schaut inzwischen ohne Aggressionen zurück, aber man merkt an kleinen Dingen, dass Ueli der grosse Abwesende ist: «Er war ein Purist», erinnert sich Susi Berger, «Kissen in der Wohnung hat er zum Beispiel gehasst.» Das habe einfach nicht zu seiner Vorstellung von klaren Formen gepasst. «Aber im Alter dann, als es ihm nicht mehr so gut ging, hat er sie sich noch so gern in den Rücken stopfen lassen.» Als Susi Berger dann von einem Besuch in der Buchhandlung Krauthammer Ende der 60erJahre erzählt, wo der Verkäufer durch den Laden gerufen habe, du, hol doch mal das Buch von den Gebrüdern Ray und Charles Eames! – da dämmert es der Besucherin, dass diese Begegnung nicht nur mit Designgeschichte, sondern auch viel mit persönlich erlebter Gendergeschichte zu tun hat. Susi Berger fasst sich an den Kopf und meint: «Der Verkäufer wusste tatsächlich nicht, dass Ray eine Frau war!»
Lebensweise der Hippies salonfähig gemacht
Vieles sammelt sich im Laufe eines Lebens an, und so ist das Bauernhaus, das die Bergers in den 70er-Jahren im bernischen Ersigen kauften, ein Fundus an Objekten, die Geschichten erzählen. Susi Berger bewohnt das Haus heute gemeinsam mit ihrem Sohn. Auf dem langen Esstisch aus Holz liegt ein Blatt Papier mit einem gezeichneten Smiley, «die lege ich am Morgen überall hin, denn mein Sohn ist ein Morgenmuffel, so wiemein Mann es war. Ich möchte aber am Morgen bitte schön freundlich begrüsst werden», sagt die 72-Jährige, die aussieht wie 65 und liebend gern medizinische und psychologische Fachliteratur liest. Als bei ihr vor drei Jahren Krebs diagnostiziert wurde, musste sie vieles «neu ordnen». Der Zenbuddhismus und ein kleines Haus in Südfrankreich, wo sie sich erholen konnte, haben ihr geholfen, wieder auf die Beine zu kommen.
Ein Prototyp des «Soft-Chair» fällt bei ihr daheim sofort ins Auge. Ganz aus Schaumgummi und mit glänzendem Vinyl bezogen, läutete er 1968 in der Schweizer Designszene den Pop-Aufstand gegen die Grundsätze der Guten Form ein. Er war damals für knapp 300 Franken zu haben und verkörperte mit seiner Ungezwungenheit die neue Populärkultur; dank seines Kunststoffbezugs konnte ihm selbst eine klebrige Cola nichts anhaben. Möbel wie er machten die bodennahe Lebensweise der Hippies salonfähig, nur hiess das damals noch nicht «Lounging». Der Sessel liess sich in mehreren Modulen zu einem lässigen Endlossofa aneinanderreihen – auch damit waren die experimentierfreudigen Bergers ihrer Zeit voraus.
Kreativer Aufbruch
Immer war auch ein Schuss Ironie, Witz oder Poesie in ihren Entwürfen; das ist besonders gut an der Wolkenlampe zu sehen, die nun wieder produziert wird und bei der man sich wundert, dass Frank O. Gehry so lange gebraucht hat, um mit seiner «Cloud-Lamp» nach fast 40 Jahren auf dieselbe Idee zu kommen. «Wie so oft haben Ueli und ich Brainstorming gemacht und uns gefragt, was da am Himmel so alles herumhängt. Mond und Sterne – aber das war uns zu weihnachtlich. Also kamen wir auf die Idee, man könnte eine Wolke aus Kunststoff zu einem Leuchtkörper machen.»
Die beiden nutzten die damals neue Technologie der Vakuumverformung von Kunststoffen, um aus der herkömmlichen Form und Norm auszubrechen und eine Hängelampe zu gestalten, die von allen Seiten neue «Ansichten» bot. «Es entsteht nur dann Neues, wenn es neue Materialien oder eine neue Technologie gibt», sagt Susi Berger. «Oder wenn die Zeit reif ist, Tabus zu brechen. In den 70er-Jahren kam das alles zusammen, es herrschte Aufbruchstimmung.»
Ein Zustupf zur AHV
Noch immer ein echter Hingucker ist der «Schubkastenstapel» aus dem Jahr 1982. Ein Modell davon steht in der Ecke des Wohnzimmers, es ist das Ergebnis eines intuitiven Geistesblitzes. Die Idee für den «ver-rückten» Stapel hatte Susi Berger im Zürcher Brockenhaus, wo sich die Familie vor 30 Jahren immer mal wieder mit günstigen Fundstücken eindeckte. «Einmal wurden gerade Schränke angeliefert, und die Schubkästen standen daneben und türmten sich übereinander. Das ist es!, sagte ich mir, das Bild musst du in einem Möbel festhalten. Heute ist das skulpturale Möbel mit dem tigerfellartigen, diagonalen Palisanderfurnier beim Hersteller Röthlisberger «das beste Pferd im Stall», wie Susi Berger sagt. «Die Verkäufe bescheren mir einen willkommenen Zustupf zu meiner AHV.» Das edle Objekt, das nicht nur spektakulär aussieht, sondern sich mit seinen sieben Schubkästen im Alltag durchaus nützlich macht, kostet rund 6000 Franken.
Beim zeitgenössischen Design vermisst Susi Berger heute klare, überzeugende Ideen: «Bloss nicht einfach, sondern möglichst kompliziert muss alles sein», und sie macht dazu eine wilde Verrenkung mit den Armen. «Da hat man gar keine Lust mehr, mitzumachen.» Muss sie auch nicht. Ihr Lebenswerk ist imposant genug. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 28.11.2010, 20:10 Uhr
Kommentar schreiben
1 Kommentar
Kultur
Remund führend in Werbetechnik
Kein Wunsch zu aufwendig, kein Format zu gross - Remund Werbetechnik löst jede Aufgabe mit modernster Technik.
Online-Wettbewerb
Jetzt mitmachen!: Gewinnen Sie einen Abend als Statist bei den Tellspielen Interlaken!




