Kultur

Musikalische Heimsuchungen

Von Ane Hebeisen. Aktualisiert am 25.01.2012 1 Kommentar

In anderen Ländern ist es schon ein Trend, hier noch ein Phänomen: Zwei Musiker aus Bern tingeln mit ihren Liedern von Stube zu Stube. Besuch eines Wohnzimmerkonzerts in 3503 Gysenstein.

Andacht wie in einer Bibelstunde: Das Auditorium in Gysenstein horcht dem musikalischen Vortrag von Blomstre.

Andacht wie in einer Bibelstunde: Das Auditorium in Gysenstein horcht dem musikalischen Vortrag von Blomstre.
Bild: Adrian Moser

Blomstre

Blomstre tritt am 23. Februar im Berner ISC auf.
Weiter Infos unter wohnzimmerkonzerte.tumblr.com.

Ein Kassenhäuschen gibt es nicht, und doch ist der Eintritt nicht ganz niederschwellig. «Bitte Schuhe ausziehen und im Vorraum deponieren», steht auf einem handgeschriebenen Zettel an der Haustüre. Hinter dem Schuh-Entree gilt es, zwei hölzerne Treppen zu erklimmen und für sich die Frage zu beantworten, ob man an der Wohnungstür nun klingeln soll oder doch eher nicht. Wie viel Einbruch ins Private ist erlaubt an einem Wohnzimmerkonzert? Regeln gibt es für diese Unterdisziplin des Nachtlebens noch kaum. Klar ist, man wird sich nicht dergestalt betrinken, dass die Magensäfte ausser Kontrolle geraten könnten, man wird keine halb legalen Substanzen konsumieren. Und Pogo tanzen auch eher nicht. Man will den Hausherrn schliesslich nicht in Verlegenheit bringen.

Es ist Samstagabend im Dörfchen 3503 Gysenstein. Im 20 Kilometer entfernten Bern brummt das Nachtleben, im 23 Auto-Minuten entfernten Thun surrt es. In Gysenstein stehen zwei Wohnzimmerstühle und zwei Holzgitarren bereit. Anlass der Festivität ist eine Wohnungseinweihung – Zweieinhalbzimmer, Dachgeschoss, ganzheitlich getäfert, mit Spannteppich und Cheminée. Geraucht wird auf dem Holzbalkon, es gibt Häppchen, Chips, Coca Cola und Bier, und eingefunden hat sich eine sympathische, demoskopisch schwer fassbare Zwanzigerschaft bestehend aus Hausherr-Elternteilen, ehemaligen WG-Kollegen, Kolleginnen der WG-Kollegen, Freundesfreunden und Nachbarn. Er habe eben gerne Leute zu Besuch, sagt der Gastgeber. Die Band, die da gleich auftreten werde, habe er beim Besuch eines anderen Wohnzimmerkonzerts entdeckt und seither nur auf den richtigen Anlass gewartet, die beiden jungen Herren selber einzuladen.

Der perfekte Rahmen

Die beiden Musiker stellen sich mit Chrigu und Dänu vor – in der Musikwelt wollen sie Blomstre und Starlight Through The Rain genannt werden. Sie stammen aus dem Simmental und haben die Alben, die sie zum Verkauf anbieten, in Eigenregie eingespielt. Es sind keine Werke, von denen ein grösseres Publikum Notiz nehmen würde. Starlight Through The Rain hat seine Lieder auf der CD zu einer etwas halbherzigen Rockigkeit aufgebauscht, Blomstre setzt seine kehlige, vor allem in den tiefen Lagen nicht reizlose Stimme neben Gitarren, Streicher und Schlagzeugcomputer. Ein Label haben sie beide nicht gefunden, von den Radios werden sie nicht gespielt, und die Clubs reissen sich nicht um sie.

Dass sie nun trotzdem fast jedes Wochenende im Mittelpunkt einer aufmerksamen Hörerschaft stehen, verdanken sie einer Geschäftsidee, die zwar nicht ganz neu ist, der in der Schweiz jedoch noch kaum jemand mit letzter Konsequenz nachgegangen ist: Sie bieten sich als Wohnzimmer-Musiker an. Der Deal: Gage ist keine zu bezahlen, der Kunde stellt Wohnstätte und Publikum zur Verfügung, am Schluss macht eine Kollekte die Runde. Reich werde man damit nicht, doch Dänu und Chrigu betrachten die Wohnzimmerkonzerte als den perfekten Rahmen für ihr Tun: «Wir haben eine Nische gefunden, die unseren intimen Liedern gerecht wird», sagt der 26-jährige Daniel Sigrist von Starlight Through The Rain. «Wir kriegen hier alles, was sich ein Künstler wünschen kann, die volle Aufmerksamkeit und die direkteste Resonanz. Sobald man auf eine Bühne steigt, entsteht ein Graben zwischen Musiker und Publikum. Im Wohnzimmer begegnen uns die Zuhörer auf Augenhöhe. Diese Konzerte sind intensiver als alles, was ich zuvor in meinem Musikerdasein erlebt habe.»

Schluchzende Polizisten

Ein typisches Wohnzimmer-Publikum gäbe es nicht. Mal schluchze ein Polizist vor Rührung auf dem Wohnzimmersofa, mal horchten schwerblütige Studenten dem Treiben, mal sei es ein konzentriertes Ü-40-Auditorium. Öfter treffe man indes auf ein Publikum, das sich kaum in einen Grossstadt-Club verirren würde. Als Reaktion auf das kriselnde helvetische Club-Leben, wo Veranstalter den Mut kaum mehr aufbringen, unbekannte Bands zu buchen, verstehen die beiden ihr Konzept trotzdem nicht. «Diese Tatsache bestärkt uns höchstens in unserem Tun. Doch wir sind so weit, dass wir den intimen Rahmen einem Club-Konzert vorziehen. Und die Mund-zu-Mund-Propaganda an den Konzerten sorgt dafür, dass wir uns nicht einmal mehr um das Booking kümmern müssen», sagt Christian Lundsgaard-Hansen.

Baschi zu gewinnen

Die Idee des Wohnzimmerkonzerts haben die beiden Berner selbstredend nicht erfunden. Im präkapitalistischen Russland soll sich einst in den studentischen Wohnstuben das wahre ungezügelte Konzerttreiben abgespielt haben, in Deutschland und Holland ist in den letzten Jahren eine regelrechte Industrie erwachsen. Es existieren diverse Agenturen, die Wohnzimmer-Bands der unterschiedlichsten Fasson im Angebot führen. Das Motto: Wenn ihr nicht mehr in die Clubs geht, kommen wir eben zu euch nach Hause. Ein Modell, das sich auch hierzulande etablieren dürfte. Doch derzeit sind die beiden Berner die Einzigen, die den konzertanten Hausbesuch zum Konzept erhoben haben. Bisher gab es einzig in irgendwelchen Wettbewerben einen Baschi oder einen Seven im Wohnzimmerformat zu gewinnen.

In Gysenstein hat das Konzert mittlerweile begonnen. Der bunt besockte Fuss von Chrigu wippt rhythmisch, aber geräuschlos auf den himmelblauen Spannteppich. Das Publikum hat sich sitzend im Halbkreis um die Musikschaffenden geschart. Die Stimmung ist andächtig wie in einer Bibelstunde, der Westwind pfeift übers Dachgebälk, im Cheminée knistert ein Feuerchen, und die Lieder, die angestimmt werden, sind von bitterzarter Schwerblütigkeit – sie gewinnen in der reduzierten Form beträchtlich an Tiefe und Eindringlichkeit. Ja, es ist heimelig, so ein Wohnzimmerkonzert. Doch auch wenn sich die beiden Musiker in ihren Ansagen überaus locker und selbstironisch geben, eine derartige Dosis an Intimität kann auch ins Bedrohliche kippen. Ein nicht ganz sauber intonierter Ton beklemmt einen fast schon persönlich, und wenn der Sänger die Textzeile «I am fucking alone and crazy for you» in die Runde schmettert, bemühen sich die weiblichen Besucherinnen, dem Augenkontakt mit dem Sänger auszuweichen. Kurz wegzappen geht nicht, mit allzu viel Verzweiflung möchte man dann doch nicht konfrontiert werden. Für eine Stunde okkupieren die musikalischen Gäste Raum und Ambiente.

In 3503 Gysenstein geht das gut aus. Das Publikum verlangt nach Zugaben, die Untermieter klopfen nicht mit dem Besenstiel ans Gemäuer, sie haben den Cheminée-Dienst übernommen. Am Ende werden 150 Franken aus der Kollekte geklaubt, 6 CDs sind verkauft worden, und zwei Anfragen für weitere Auftritte wurden entgegengenommen. Dänu und Chrigu sind zufrieden. Ein durchschnittlicher Abend. (Der Bund)

Erstellt: 25.01.2012, 08:40 Uhr

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1 Kommentar

Rolf Luginbuehl

25.01.2012, 11:26 Uhr
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Ja! Ein Konzept welches - quelle Surprise - in den Staaten schon lange erfolgreich praktiziert wird, scheint nun doch endlich auch hierzulanden zu fruchten. Wohnzimmerkonzerte sind die heruntergebrochene Urform von Musikertum und wurden übrigens schon vor Jahrzehnten von Bands die mittlerweile zu Stadionrockern mutiert sind gepflegt. Antworten



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