Minarette bringen die Schweizer um den Verstand
Von Rico Bandle. Aktualisiert am 28.12.2009 22 Kommentare
Rico Bandle, Leiter Kultur und Gesellschaft DerBund.ch/Newsnet.
Dossiers
Heiligabend im Kulturzentrum Rote Fabrik in Zürich: Ein Lastwagen mit Hubkran fährt vor, zwei Arbeiter montieren vier Stützen an das Riesengefährt. Der mobile Kran ist im offiziellen Auftrag im Einsatz: Dem Zürcher Stadtrat gefällt es nicht, dass die Verantwortlichen der Roten Fabrik das rund 20 Meter hohe Kamin mit bemalten Leintüchern und einem selbst gebastelten Halbmond zu einem Minarett umfunktioniert haben. Unter dem Vorwand der Sicherheit wird die Minarettverkleidung mit grossem Aufwand entfernt.
Der Abbau des «Kaminarett» bedeutet nicht das erste Verbot im Zusammenhang mit der Minarett-Initiative. Im Vorfeld der Abstimmung untersagten einige Städte, darunter Basel und Lausanne, den Befürwortern, ihre Plakate auf öffentlichem Grund aufzuhängen, da diese «rassistisch» und «diskriminierend» seien. Was ähnlich unsinnig ist, wie, dass ein als Minarett verkleidetes Kamin die Sicherheit gefährdet. Auch bei anderen Aktionen rund um das Minarett ertönte die Forderung nach einem Verbot so zuverlässig wie der Ruf des Muezzins im arabischen Raum, zum Beispiel als in Zürich ein Pfarrer an einen Kirchturm den Schriftzug «Bin ich auch ein Minarett?» hängte.
Die Zensur nützt dem Zensurierten
Es scheint, als beeinträchtige der Gedanke an Minarette den Verstand vieler Menschen. Weshalb sonst zählt bei diesem Thema die Meinungsfreiheit plötzlich nicht mehr? Es gibt gute Gründe, das Anti-Minarett-Plakat degoutant zu finden oder die «Kaminarett»-Aktion deplatziert. Dies soll man auch kundgeben dürfen. Aber es gibt keinen Grund, mit Verboten jenen Leuten nachzugeben, die sich wegen allem und jedem «in ihren Gefühlen verletzt» fühlen oder die nach jeder etwas unbequemen Kunstaktion gleich sämtliche Kultursubventionen streichen wollen. Oft geschieht dies in vorauseilendem Gehorsam bereits dann, bevor überhaupt jemand reklamiert hat.
Dabei profitiert von Verboten und Verbotsforderungen fast immer die Gegenseite. Nicht nur schafft sie es, dass für ihr Anliegen die für unsere Gesellschaft essenzielle Meinungs- und Kunstfreiheit infrage gestellt wird, was dem Anliegen besonderes Gewicht verleiht, auch erhält der Zensurierte in der Regel eine Publizität, die er ohne Verbot nie erreichen würde.
Es ist höchste Zeit, von dieser affektgetriebenen Verbotskultur wieder abzukommen und auch bei Minaretten und anderen Religionsthemen den Grundsatz gelten zu lassen: Im Zweifelsfall für die Meinungsfreiheit. (DerBund.ch/Newsnet)
Erstellt: 28.12.2009, 11:37 Uhr
Kommentar schreiben
22 Kommentare
@U.Meierhans: Sie haben aufgrund des Plakatverbots fuer die Initiative gestimmt? Wegen verbotenen Plakaten soll in unserer Verfassung ein Text ueber Minarette stehen? Es geht nicht um ein Text, der irgendwo in einem Blog, einer Zeitschrift oder einer Hauswand steht. Nein, er steht jetzt in unserer Verfassung! Wer so respektlos mit der Verfassung umgeht, dem kann die Schweiz nicht viel wert sein. Antworten
Wieder mal Kultur-Bashing aus der rechten Ecke - als ob die Gegner des Türmchenverbots nur aus "Linken und Netten" bestünden. Wir sollten eher aufpassen, dass wir der schleichenden SVPisierung einen Riegel vorschieben: Die Meinung, Kulturschaffenden den Hahn zuzudrehen, offenbart Machtgelüste. Die Minarett-Aktion der Roten Fabrik hat übrigens keinen einigen Steuerfranken gekostet. Antworten















Die Welt in Bildern










































































