«Ja, es geht uns gut»

In seinem neusten Projekt fragt der Erinnerungskünstler Mats Staub nach dem Erwachsenwerden. Dabei stellt er eine unfreiwillige Zeitgeistdiagnose – die aber auch ganz anders gelesen werden kann.

Ganz unterschiedlich haben die Protagonisten ihre eigene Erinnerung erlebt, die ihnen ab Band vorgespielt werden.

Ganz unterschiedlich haben die Protagonisten ihre eigene Erinnerung erlebt, die ihnen ab Band vorgespielt werden. Bild: Lisa Schäublin/zvg

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So gut wie heute ging es uns nie, die Möglichkeiten sind endlos, und weil nicht mehr das nackte Überleben im Zentrum steht, beginnt die obsessive Beschäftigung mit dem Selbst, Hürden schafft man sich. Früher aber war alles anders, wer nicht für sich selbst zu sorgen vermochte, ging unter, und wer sich untergehen liess, dem half niemand. Zeitgeistdiagnosen, die man eigentlich nicht mehr hören mag. Und doch ist es eine Analyse, die Bestätigung erfährt, wenn man Menschen unterschiedlicher Generationen sich erinnern lässt, wie ihr Leben war, als sie 21 waren. 21, einst das Jahr, in dem man, zumindest rechtlich, als erwachsen galt.

Gefragt hat der Berner Künstler Mats Staub. Mit seinem neusten Projekt «21 – Erinnerungen ans Erwachsenwerden», zu sehen im Museum für Kommunikation, setzt der fleissige Schwerarbeiter auf dem Feld der Erinnerungen und Emotionen sein wachsendes Werk zum Thema fort.

Die proustsche Madeleine, die er seinen Protagonisten diesmal vorsetzt und die die Erinnerungsmaschinerie in Gang bringt, ist also das 21. Lebensjahr. Vom Ende der 1930er-Jahre bis kurz vor Ablauf der 2000er spannt Staub den Erinnerungsbogen. Und damit auch vom Leben vor, während und kurz nach dem Zweiten Weltkrieg, was in vielen Geschichten ein frühes Auf-eigenen-Beinen-Stehen bedeutet, ein frühes Gefühl von Erwachsensein, oft schon vor dem 21. Geburtstag. Oder eben das Gegenteil: Die psychologische Untersuchung der Studienabbrecherin, eine der jüngsten Befragten, ergibt eine «Anpassungsstörung», was so viel bedeute, wie dass sie mit dem Leben gerade nicht so klarkomme. Sie kenne aber niemanden in ihrem Alter, dem es nicht so gehe.

Die Geschichte des Individuums

Natürlich geht es Staub nicht um allgemeingültige Aussagen, nicht darum, den Generationen Diagnosen zu stellen oder solche auch nur zu stützen. Er zielt auf die Geschichte des Individuums. Damit ist in dieser Ausstellung, wie auch in allen anderen Erinnerungs-Projekten Staubs, immer auch der Betrachter gemeint. Und tatsächlich kann man sich dem von ihm gewünschten Effekt gar nicht entziehen, schon nach kurzer Zeit im Ausstellungsraum beginnt man zu rechnen und sich zu erinnern: In welchem Jahr bin ich 21 geworden? Und was ist damals passiert, mit mir und der Welt?

Dank eines Kniffes zeigt Staub mit «Erinnerungen an das Erwachsenwerden» konsequenter als bisher, wie emotional die Rückkehr in die eigene Vergangenheit sein kann. Nachdem er die Erinnerungen der Protagonisten in einem Gespräch aufgezeichnet hatte, schnitt und verdichtete er sie zu einer Erzählung. Drei Monate nach dem Treffen besuchte er die Leute erneut. Im Gepäck die bearbeitete Audio-Aufnahme, die er den Erzählenden abspielte und sie beim Zuhören filmte.50 dieser Porträts zeigt Staub. Mit einer durchschnittlichen Länge von etwa zehn Minuten genug Material für einen ganzen Tag im Museum. Der inhaltlich überwältigenden Inszenierung wohnt jedoch ein Zauber inne, der unweigerlich an Harry Potter erinnert. Staub hat ein simples Setting gewählt, fast klassische En-face-Brustbilder vor schwarzem Hintergrund. Nur sind hier die Gesichter nicht in würdevoller Miene erstarrt. Der Raum lebt, aus den unbenutzten Kopfhörern dringen leise die Stimmen der Erzählenden, und auf den Bildschirmen leuchten Gesichter, buchstäblich bewegt – von den Emotionen über die eigene Erzählung.

Das Gedächtnis ist unzuverlässig

Im Gegensatz zu den Bildern in den Gängen des Zauberschlosses Hogwarts sind es aber zuhörende Gesichter, den Blick oft nach innen gewandt. Ganz unterschiedlich erleben die Protagonisten ihre eigene Erinnerung, die ihnen ab Band vorgespielt wird. Manchmal aufmerksam, aber – zumindest äusserlich – gänzlich unbewegt, manchmal mit einem Schmunzeln über sich selbst vor drei Monaten, vereinzelt auch überwältigt und in Tränen über den Bericht eines schweren Lebens.

Am häufigsten aber reagieren die Protagonisten mit zustimmendem Nicken oder bestätigenden Kommentaren. Als wäre es jemand anders, der da die eigene Lebensgeschichte erzählt, eine Geschichte, die man darum auf Richtigkeit prüfen müsste. Und hier beweist Staub auch, wie unzuverlässig das Gedächtnis ist: Man erzählt in Details von einem weit zurückliegenden 21. Lebensjahr und ist später überrascht, was man vor drei Monaten darüber gesagt hat. (Der Bund)

(Erstellt: 08.09.2013, 12:12 Uhr)

Infos

Die Ausstellung dauert bis 27. Oktober.

Infos: www.mfk.ch

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