Internet killt die Ironie
Von Michèle Binswanger. Aktualisiert am 02.02.2012 37 Kommentare
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Ironie
Ironie ist eine rhetorische Figur, bei welcher der Sprecher etwas anderes sagt, als er eigentlich meint. Die einfachste Form besteht darin, das Gegenteil von dem zu sagen, was man eigentlich meint.
Als Sokratische Ironie bezeichnet man das Vorgehen, sich absichtlich dumm und unwissend zu stellen, um den Diskussionspartner dann überrumpeln zu können.
In der Romantik begründeten Friedrich Schlegel und Ludwig Tieck die sogenannte «romantische Ironie», die sich in ironische Distanz zum eigenen Werk setzt und innerhalb eines Romans etwa den prozess des Schreibens thematisiert. Der amerikanische Philosoph Richard Rorty wandte diese Haltung auch auf die Philosophie an.Weil Sprache als Werkzeug der Erkenntnis immer kontingent ist, kann der Ironiker seinen eigenen Wahrheitsanspruch nicht wirklich ernst nehmen.
Das Problem, dass Ironie nicht ohne weiteres als solche erkennbar ist erkannte Heinrich Heine und forderte die Einführung von Ironiezeichen, um sie kenntlich zu machen.
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Der irische Jüngling war bester Dinge, als er bei seiner Einreise in die USA seinen Pass vorwies. Als die Beamten ihn abführten, verhörten und in eine Gefängniszelle warfen, verstand er die Welt nicht mehr. Grund war der Tweet, in dem er ankündigte «Amerika zerstören» zu wollen und «Marilyn Monroe auszugraben». Dass das alles nur lustig gemeint war, interessierte die US-Grenzkontrollbehörde (CBP) wenig. Auch ein amerikanischer Student kam in den vergangenen Tagen in Verlegenheit wegen eines Kommentars, den er unter ein Youtube-Video der britischen Journalistin Laurie Penny postete: «Ich könnte diese Frau zu Tode würgen ohne den leisesten Hauch von Gnade.» Penny drohte mit Klage, worauf der Kommentator verkündete, das sei alles nur «ironisch» gemeint gewesen.
Prekäre Ironie
Die beiden Geschichten zeigen: Ironie hat ein grosses Potenzial zum Missverständnis, sofern man nicht verstanden hat, was diese eigentlich ist. Nämlich eine rhetorische Figur, die auf Verstellung beruht, man sagt nicht, was man eigentlich meint. Damit das Gegenüber den eigentlichen Sinne auch versteht, braucht es jedoch gewisse Voraussetzungen. Sprecher und Hörer müssen wissen, dass sie bestimmte Überzeugungen teilen, oder es muss aus dem Kontext hervorgehen, dass eine Aussage ironisch gemeint ist. Von Sokrates über Heinrich Heine bis Thomas Mann erfreute sich die Ironie als rhetorisches Stilmittel grosser Beliebtheit. Der amerikanische Philosoph Richard Rorty machte sie sogar zu einer philosophischen Haltung: der Ironiker hat zwar einen Anspruch auf Wahrheit, distanziert sich aber zugleich davon, weil ihm die Mittel zu letztgültiger Erkenntnis nicht zur Verfügung stehen. Ironie ist seiner Ansicht nach auch ein Erkennungszeichen reicher westlicher Länder.
Ende des ausgehenden Jahrhunderts hatte die Ironie denn auch Hochkonjunktur. Im Fahrwasser der Spassgesellschaft wurde sie zur inflationärsten Kulturtechnik überhaupt, allgegenwärtig im öffentlichen Diskurs, in den Medien, aber auch im privaten Leben. Die ironische Pose schien vielen die adäquate Antwort auf die auseinanderbrechenden kulturellen Wertesysteme. Sie erlaubte es, keine Haltung zu haben beziehungsweise eine Haltung auch negativ auszusprechen, ohne darauf behaftet werden zu können. Damit begann aber auch die Abwertung der Ironie. Wenn jeder alles sagen kann und jedes System sich Widerspruch sofort als formale Bereicherung einverleibt, verschwimmen alle Grenzen. Daraus ergab sich denn auch die Kritik: Ironie birgt nicht nur die Gefahr des Missverstehens, sondern geriet auch unter den Verdacht der Beliebigkeit, des Sich-nicht-Festlegens und des permanenten Geblödels.
Wir verstehen keinen Spass
Heute sind ironische Äusserungen ungebrochen beliebt. Aber gerade die neuen elektronischen Kommunikationsformen wie Twitter, Facebook oder Internetforen haben auch neue Voraussetzungen für ihr Funktionieren geschaffen. Beziehungsweise ihr Nicht-Funktionieren. Weil die öffentliche Meinungsäusserung so einfach geworden ist, macht sich auch kaum jemand mehr Gedanken darüber, was sie impliziert. Irgendwo einen Kommentar hinzuknallen, sich über einen Mitmenschen lustig zu machen, oder sich über ein Thema zu empören. Und so meldet sich der Homo digitalis fröhlich zu Wort und posaunt überall seine Meinungen heraus. Dabei vergisst er oft, dass seine Meinung völlig aus dem Zusammenhang gerissen erscheint und er keineswegs «geteilte Wissensbestände» voraussetzen kann. Die Ironie führt deshalb oft in die Sackgasse.
Dazu kommt, dass im gegenwärtigen kulturellen Klima eine Polarisierung der Meinungen, eine Verhärtung der verschiedenen Fronten zu beobachten ist - weshalb man sich lieber zwei mal überlegen sollte, ob die mitgemeinte Ironie auch wirklich verstanden werden wird. Der amerikanische Staat weiss nichts von Ironie und will auch nichts davon wissen. Wer Witze über ernste Dinge macht, ist in Amerika nicht erwünscht. Und wer mit wüsten rassistischen oder misogynen Äusserungen um sich wirft, soll sich nicht mehr damit entschuldigen können, doch bloss einen Witz gemacht zu haben.
Der Tod der Ironie wurde schon des Öfteren verkündet. Doch es scheint, als könnten erst die elektronischen Kommunikationsmittel ihrem inflationären Gebrauch tatsächlich einen Riegel schieben. Denn es macht entschieden keinen Spass, ironische Kommentare zu posten, wenn man sie erst als *ironisch* kennzeichnen muss. Was allerdings wieder der Kunst zugute kommt, denn es ist eine Kunst, Ironie so anzuwenden, dass sie sich aus sich selbst erschliesst. Und wer nicht begriffen hat, wie Ironie funktioniert, sollte besser darauf verzichten. Sofern er nicht im Knast oder vor Gericht landen will. (DerBund.ch/Newsnet)
Erstellt: 02.02.2012, 11:01 Uhr
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