Illegal und faszinierend
Von Denise Jeitziner. Aktualisiert am 15.08.2011 39 Kommentare
Thomas Leuthard (39) aus Hünenberg (ZG) alias 85mm ist Street Photographer aus Leidenschaft. Sein E-Book «Going Candid» ist ein Lehrbuch für Strassenfotografie.
«Going Candid... An Unorthodox approach to Street Photography» von Thomas Leuthard. Das PDF ist kostenlos verfügbar.
Thomas Leuthard auf Fotojagd – Teil 1
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Sie sind unmittelbar, packend, ein Zeitdokument normalen Lebens. Sie wirken teilweise so konstruiert, wie es Schnappschüsse eigentlich gar nicht sein können. Das einzige Problem an Thomas Leuthards Fotos ist, dass sie öffentlich eigentlich niemand sehen darf. Denn das Datenschutzrecht verlangt, dass ein Fotograf eine Person erst um Erlaubnis bitten muss, bevor er deren Foto veröffentlichen kann. Street Photographer tun dies nicht. «Ich frage nicht vor dem Foto, dann würde die Person anders in die Kamera schauen», sagt Leuthard. «Ich frage sie auch nachher nicht, dann würde ich Gefahr laufen, ein gutes Foto löschen zu müssen.»
Nicht unmittelbar in der Privatsphäre
Seit rund drei Jahren ist der 39-Jährige aus dem zugerischen Hünenberg der Street Photography verfallen. Seine Zufalls-Models lichtet er in Metropolen wie New York, Berlin oder Amsterdam ab, aber auch in Beirut oder im armenischen Eriwan. «Der illegale Teil ist nur das Publizieren ohne die Erlaubnis des Fotografierten», differenziert Leuthard. «Der Akt des Fotografierens auf der Strasse ist vollkommen legal.» Immerhin dringe man nicht primär in die Privatsphäre des Menschen ein, sondern halte einen Moment fest, der interessant, aussergewöhnlich oder amüsant sei.
Das Ziel sei es, dies unbemerkt zu tun und den Menschen in seinem Alltag nicht zu stören oder aufzuhalten. Nicht immer gelingt dies. «Manchmal höre ich die Menschen, die ich fotografiert habe, hinter mir fluchen», erzählt der Street Photographer. Manchmal werde er auch zur Rede gestellt. Auf Diskussionen lässt Leuthard sich nicht ein. Will jemand ein Foto gelöscht haben, tut er dies umgehend.
Personen als anonyme Figuren
Das Genre der Street Photography – oder der Strassenfotografie – lebte in den 1930er-Jahren so richtig auf: Einerseits boten die neuen Kleinbildkameras mehr Möglichkeiten, weil sie schneller und kompakter geworden waren, andererseits wuchs das Interesse am Alltäglichen. Mit der Digitalfotografie hat das Genre einen neuen Boom erlebt. Die Situationen sind nie gestellt, zeigen meistens Menschen bei einer Alltagssituation im öffentlichen Raum. Die Idee dabei: Die Fotografierten sollen nicht als private Personen gezeigt werden, sondern als anonyme Figuren.
Weil die Fotos so zufällig sind, wird hie und da Kritik am künstlerischen Gehalt der Bilder laut. Es ist naheliegend zu monieren, Strassenfotografen knipsten einfach drauflos, in der Hoffnung, aus der Fülle der Bilder ein gutes zu finden. Auch Thomas Leuthard fotografiert lieber einmal zu viel, als einmal zu wenig. Nur etwa fünf Prozent seiner Fotos verwertet er, denn in der spontanen Street Photography gelinge es nicht immer, wirklich gute Bilder zu machen. Einen Unterschied gibt es dennoch. «Diejenigen, die einfach ohne Plan drauflosknipsen, werden auch in tausend Bildern keines dabei haben, das eine gewisse Aussage beinhaltet und den Betrachter fesselt», ist Leuthard überzeugt. So kann er damit leben, dass man ihn als planlosen Knipser abstempelt, denn er weiss, dass «nicht alle, aber einige» seiner Bilder dagegensprechen.
Kleiner ist besser
Das findet auch die wachsende Community der Strassenfotografen, die Leuthards Fotos auf Flickr und anderen Foto-Portalen positiv kommentieren. Inzwischen hat der 39-Jährige mit dem Pseudonym «85mm» mit dem E-Book «Going Candid… An Unorthodox Approach to Street Photography» ein Lehrbuch über seine Leidenschaft geschrieben, das er kostenlos zur Verfügung stellt. Dass er sein Wissen einfach so verschenkt, ist Absicht: «Street Photography soll erschwinglich bleiben, Wissen soll frei verfügbar sein.» Reich und berühmt werde man nicht mit Street Photography. Aber jeder könne aus einer alltäglichen Situation ein Kunstwerk schaffen. «Dabei ist es komplett egal, woher jemand kommt, was er beruflich macht, welche Kamera er hat und wie er aussieht», so Leuthard, der eigentlich Informatiker ist.
Wer selber einsteigen möchte in die Kunst der Street Photography, braucht nicht viel. Während die Kamera eine untergeordnete Rolle spielt – abgesehen davon, dass sich kleinere mit schneller Auslösung besser eignen –, schwört Leuthard auf feste Brennweiten. Man verliere keine Zeit mit Zoomen, sie seien lichtstark und hätten ein gutes Preis-Leistungs-Verhältnis. An einem Tag erlernen lasse sich die Street Photography jedoch nicht. Immerhin ist einiges an Mut nötig, um wildfremde Menschen zu fotografieren. Echte Nähe kann gemäss Leuthard erst dann entstehen, wenn man seine Hemmungen abgelegt habe und nicht mehr überlege, was die Person wohl sage – sondern einfach fotografiere. (DerBund.ch/Newsnet)
Erstellt: 15.08.2011, 15:40 Uhr
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39 Kommentare
Das sind grossartige Fotos! Das meine ich als ehem. langjaehriger Presse- und Theaterfotograf. Den Bedenkentraegern muss ich sagen, dass es sich auch um Zeitzeugen handelt. Haette diese Art von Fotografie nicht eine lange Tradition, wuessten wir heute nicht, wie das Leben z.B. in Zuerich frueher ausgesehen hat. Ich spreche vom LEBEN, nicht von unbelebten Strassen und sterilen Architekturaufnahmen. Antworten
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