Kultur

«Ich bin jetzt eigentlich fällig»

Von Res Strehle. Aktualisiert am 28.03.2011 7 Kommentare

Ein Gespräch mit dem Berner Lyriker, Theologen und «untauglichen Witwer» Kurt Marti in seinem 91. Lebensjahr.

«Ich wurde geliebt, also war ich»: Kurt Marti, hier im Berner Pflegeheim Elfenau.

«Ich wurde geliebt, also war ich»: Kurt Marti, hier im Berner Pflegeheim Elfenau.
Bild: Marc Wetli (13 Photo)

Kurt Marti

Schriftsteller

Kurt Marti (90) ist Lyriker, Schriftsteller und Theologe. Er wirkte bis zur Frühpensionierung als reformierter Pfarrer (zuletzt an der Nydeggkirche in der Stadt Bern), danach als freier Schriftsteller. 1972 verweigerte ihm der Berner Regierungsrat nach einem Dokumentarfilm über einen Dialog mit dem Kommunisten Konrad Farner eine Professur an der Berner Universität. Ein Jahr später klagte ihn der Subversivenjäger Ernst Cincera wegen Ehrverletzung ein. Marti erhielt für seine Schriften zahlreiche Preise und Ehrungen (Kurt-Tucholsky-Preis, Karl-Barth-Preis). Zuletzt erschienen seine Autobiografie («Ein Topf voll Zeit», 2008), eine Sammlung seiner Kolumnen in der «Reformatio» ab 1964 («Notizen und Details», 2010, inzwischen in der dritten Auflage) sowie die Aphorismensammlung «Spätsätze» («Heilige Vergänglichkeit», 2010). Marti lebt im Pflegeheim Elfenau in der Stadt Bern.(rs)

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Kurt Marti, mit dem Alter verbindet sich die Hoffnung, weise zu werden. Fühlen Sie sich weise?
Es wäre nicht weise, wenn ich sagen würde, ich sei weise.

Normalerweise spricht man über alte Menschen mit weichen, gar kindlichen Begriffen. Sie hingegen bezeichnen sich schonungslos als «Insasse» hier im Pflegeheim, mitunter auch als «Greis».
Die Präzision der Begriffe war mir schon beim Schreiben immer wichtig. Das hat wohl damit zu tun, dass ich stets auch Lyriker war und deshalb gezwungen war, knapp und präzise zu formulieren.

Insasse hört sich nach Gefängnis an.
Nun gut, ich kann raus. Aber meine Welt ist reduziert auf das Zimmer hier. Ich bekomme zu essen, habe ein Bett, kann hier schlafen, die notwendigen Medikamente werden mir gegeben. Ich bin versorgt, wie Sie sehen.

Immerhin publizieren Sie noch. Anlässlich Ihres 90. Geburtstags erschien das kleine Büchlein «Spätsätze» und verkaufte sich sehr gut.
Ich wollte eigentlich nichts mehr publizieren, das Büchlein erschien auf Druck meines Verlegers, als sich mein 90. Geburtstag am Horizont abzeichnete. Es beruht übrigens nach alter Väter Sitte auf handschriftlichen Aufzeichnungen.

In einem dieser Spätsätze schreiben Sie vom «Gefängnis einsamer Stille». Ist das die schwierigste Erfahrung im Alter?
Man hat immer weniger Kontakte, ja. Viele Bekannte, Freunde und Verwandte sind nicht mehr da, die Möglichkeiten für Gespräche schränken sich radikal ein.

Sie schreiben von der Angst überzuschnappen.
Es beschwert einen schon. Natürlich sind noch ein paar da, vor allem Jüngere, aber ein ganzer Kreis fehlt. Ich fühle mich zeitweilig wie in einem echolosen Raum, vor allem seit meine Frau vor drei Jahren gestorben ist.

Sie haben in den «Spätsätzen» einige sehr schöne Liebeserklärungen an sie verfasst, zum Beispiel diese: «Seitdem die täglich und nächtlich vertraute Zwiesprache aufgehört hat, schwinden mein Wortschatz und mein Ausdrucksvermögen.»
Ja, man kommt aus der Übung. Früher hat man sich über alles ausgetauscht, oft Tag und Nacht, und dann hört das plötzlich auf.

Sie schreiben auch, dass im Alter nicht wie erwartet der Geist wichtiger wird, sondern dass im Gegenteil der Körper immer mehr Bedeutung hat: «Je älter du wirst, desto mehr Ärzte machen sich an dir zu schaffen.»
Das ist so. Man hat Rückenschmerzen, Probleme mit den Beinen, mit den Augen natürlich, dann hatte ich eine schwere Lungenentzündung – so wird man gezwungen, immer mehr auf die körperliche Befindlichkeit zu achten. Ich springe nicht gleich wegen jeder Kleinigkeit zum Doktor und muss schon recht krank sein dafür. Mit den Bobos muss ich selber fertig werden, das verlangt viel mehr Aufmerksamkeit für den Körper.

Sie schreiben mit Martin Heidegger von der «tickenden Zeitbombe Zeit». Ist das eine weitere Erfahrung im Alter?
Das empfinde ich weniger. Meine Zeit ist jetzt die Vergangenheit. Die war schön, ich hatte ein interessantes Leben. Zum Glück vergisst man ja auch viel. Es beschäftigt mich nicht, wie viel Zeit mir noch bleibt. Ich bin jetzt eigentlich fällig. Ich hänge nicht mehr allzu stark am Leben, beneide meine Frau, dass sie vor drei Jahren sterben konnte. Da droht keine tickende Zeitbombe – es steht der Abschluss eines Lebens in Aussicht, für das ich dankbar bin.

Wie verliert man die Angst vor dem Tod?
Wie die meisten Leute habe auch ich eher Angst vor dem Sterben als vor dem Tod. Davor lange krank zu sein oder gar dement zu werden. Ich wünsche mir mit dem Abendlied von Matthias Claudius: «Wollst endlich sonder Grämen aus dieser Welt uns nehmen durch einen sanften Tod.» Ich fürchte aber, dass uns heute der sanfte Tod durch die Medizin vergällt wird, die alles dafür tut, dass wir nicht sterben. Dadurch wird in erster Linie nicht das Leben verlängert, sondern das Sterben. Der Tod beendet den Sterbeprozess – insofern ist er nicht schlimm.

Und die Ungewissheit, was danach ist?
Ich habe mich schon als Pfarrer gehütet, darüber etwas zu vermuten. Wir wissen nichts über das Jenseits, was dann ist – es bleibt nur das Vertrauen in Gott.

In welchen Gott? Den protestantischen? Den christlichen? Einen Gott, der über den einzelnen Religionen steht?
Letzterer. Gott ist nie identisch mit unseren Vorstellungen. Gott liebt das Monopol nicht, deshalb gibt es verschiedene Religionen. Diese Vielfalt besteht ja auch in der Schöpfung. Es hätte Gott nicht gefallen, wenn alle Menschen Christen geworden wären. Jedes Gottesbild ist unzulänglich.

Wäre es dann nicht radikaler, gleich sämtliche personellen Vorstellungen von Gott aufzugeben?
Mir gefällt diese Dreieinigkeit in der christlichen Gottesvorstellung eigentlich recht gut, weil sie Gott als Schöpfer, Kraft und Geist fasst und dazu noch eine Gemeinschaft mit Gewaltentrennung andeutet.

Kann man den Begriff Gott auch durch Liebe ersetzen?
Sicher, es heisst ja im 1. Johannesbrief: Gott ist Liebe. Das Neue Testament versucht diesen Satz in den Gleichnissen zu deuten. Aber man muss die Liebe genauer fassen – sonst ist die Gefahr gross, in Sentimentalität abzurutschen. Da wären wir dann beim Musical «Ewigi Liebi».

«Ich wurde geliebt, also war ich», schreiben Sie in den«Spätsätzen». Das bezieht sich auf die Liebe Ihrer Frau?
Ja, aber auch diese Liebe dauert bekanntlich nicht ewig. Sie hat einen Anfang und ein Ende.

Sie bezeichnen sich als «untauglichen Witwer».
Ja, so ist es. Es gibt hier im Pflegeheim Leute, die den Tod ihres Partners gut verkraften. Das kann ich von mir nicht behaupten. In erster Linie sind die Überlebenden hier Frauen – sie scheinen mit dem Verlust des Partners besser zurande zu kommen als wir. Womöglich weil sie besser gewohnt sind, den Alltag zu bewältigen. Es scheinen auch mehr Männer im Alter an Suizid zu denken als Frauen. Ich vermute, Exit ist eine Männerorganisation.

Was halten Sie von der Selbstbestimmung über den Tod?
Man könnte sagen, das sei Gott ins Handwerk gepfuscht. Aber das macht die moderne Medizin ja auch. Man lässt die Leute heute nicht mehr einfach einen sanften Tod sterben. Was mir an Sterbehilfeorganisationen wie Exit und Dignitas aber nicht gefällt, ist, dass sie oft Familien ins Dilemma führen. Ich habe eine Familie erlebt, die über den selbst gewählten Tod der Mutter bis heute im Streit liegt. Jeder muss damit selber fertig werden. Mich persönlich überzeugt die Palliativmedizin mehr, wo man bei sterbenden Patienten bloss noch den Schmerz lindert und sie in Frieden sterben lässt.

An anderer Stelle schreiben Sie: «Gott ist nie Ersatz, erst recht nicht für die lebenslang Geliebte.» Ein gewagter Satz für einen ehemaligen Pfarrer, der in solchen Fällen Trost zusprechen musste.
Gott ist unsere Zuflucht, aber er kann nie ein Ersatz sein für irgendwen oder irgendetwas.

Gibt es für Sie auch eine Spiritualität ohne Gott?
Im Buddhismus, ja. Von Gott ist da nicht die Rede, aber die Spiritualität ist sehr wichtig. Eine Bekannte wird jetzt in London als buddhistische Nonne ordiniert, danach muss sie sich an feste Regeln halten. Hier ist der Gedanke wegleitend, dass das Leben Leiden sei und als Ziel deshalb ins Nirwana übergehen soll. Das Individuum wird aufgegeben und zerfliesst im Nirwana.

Verliert man denn die Angst vor dem Tod, wenn man sich selbst nach und nach aufgibt und den Egoismus verliert?
Dazu gibt es ein schönes Wort von Meister Eckhard: Wer zu Gott kommt, entfällt sich selbst.

Sie haben sich stets auch politisch eingemischt. Ist die politische Schweiz heute gut unterwegs?
Ich weiss es nicht. Ich komme nicht mehr nach. Ich verstehe zum Beispiel nicht mehr, worum es in den Diskussionen über das Gesundheitswesen geht. Es gibt viele alte Leute, die heute nicht mehr begreifen, worum es geht. Trotzdem ärgert mich vieles nach wie vor. Wenn ich nachts nicht schlafen kann, entwerfe ich im Kopf einen empörten Leserbrief – aber ich schreibe ihn natürlich nicht.

Worüber empören Sie sich?
Wenn die Berner einen Grobian in den Ständerat wählen, und eine dubiose Figur im Nationalrat für ihn nachrückt. Das lässt mich an der Souveränität des Souveräns zweifeln. Dieser Rechtstrend in der Schweiz und die Arroganz der SVP machen mir Sorgen. In Bern sagte man früher, das seien die Zürcher, aber inzwischen ist die Berner SVP auch auf diese Linie eingeschwenkt.

Wird es noch ein weiteres Buch von Ihnen geben?
Aus eigener Initiative sicher nicht – ich habe jetzt genug gesagt und genug geschrieben. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 28.03.2011, 08:01 Uhr

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7 Kommentare

Eric Nussbaumer

31.03.2011, 08:57 Uhr
Melden 1 Empfehlung

In Zeiten der Hektik, ein paar besonnene Gedanken. Antworten


Hansjürg Mark Wiedmer

28.03.2011, 10:41 Uhr
Melden

Ein berührendes Gespräch mit einem grossartigen Menschen + Theologen! Nur betreffend Schluss-Satz muss ich Kurt Marti widersprechen. Dieses Interview beweist, dass er noch lange nicht genug gesagt und geschrieben hat. Dass Gott das Monopol nicht liebt und die christliche Trinität mit Gewaltentrennung zu tun hat: mir bleibt die Sprache weg... Möge diese Stimme bitte noch lang nicht verstummen! Antworten



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