Kultur
«Hunde sind Machtsymbole»
Aline Steinbrecher (*1971) ist Oberassistentin am Historischen Seminar der Uni Zürich. Sie verfasste eine Dissertation in der Tradition Michel Foucaults («Wahnsinn und Gesellschaft im barocken Zürich», 2006) und wandte sich danach der Animal History zu. Derzeit arbeitet sie an ihrer Habilitation, in welcher sie das Zusammenleben von Mensch und Hund in deutschsprachigen Städten zwischen 1650 und 1850 untersucht. (Bild: Uni Zürich)
Animal History
Animal History, die Untersuchung von Tieren als Quellen und historische Akteure also, kam in den 1980er-Jahren an angelsächsischen Universitäten auf, seit der Jahrtausendwende wählen auch deutschsprachige Historiker vermehrt diesen Forschungszugang. Im Juli findet an der Uni Zürich ein Treffen der renommiertesten deutschsprachigen Animal-History-Forscher statt (19. und 20. Juli).
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Frau Steinbrecher, einer der letzten Gewaltherrscher, die sich mit Hunden ablichten liessen, war Adolf Hitler. Wie schätzen Sie Hitlers Inszenierung ein?
Hitler ist ein heikler, weil untypischer Fall. Zwar gilt auch für ihn: Hunde sind Machtsymbole. Die Wahl des Schäfers bei Hitler war einerseits naheliegend, war doch der Deutsche Schäfer ein Symbol des Nationalsozialismus. Andererseits bestand bei Hitler unbestreitbar auch eine innige Beziehung zu seinem Schäfer. Er nahm seinen Hund Blondie immer mit, zuletzt in den Bunker. Kurz vor seinem eigenen Suizid liess er auch seinem Hund eine Giftampulle verabreichen.
Von Hitlers Schäfer abgesehen: Welche Hunde eigneten sich vor allem zur herrschaftlichen Inszenierung?
In erster Linie Jagdhunde. Auf Bildern der Vormoderne, mit welcher ich mich vorwiegend beschäftige, sieht man sehr häufig eine bestimmte Pose: Der Herrscher legt seine Hand auf den Rücken eines grossen Jagdhundes – das Tier scheint wie gemacht dafür. Wichtig zu wissen ist diesbezüglich, dass diese Hunde ihrer eigentlichen Funktion, dem Jagen, schon sehr früh enthoben wurden, schon in der Vormoderne war das Jagen einer sehr kleinen Minderheit vorbehalten. Die Herrscherinnen andererseits präsentieren sich mit Schosshunden, die sie entweder, wie der Namen sagt, auf dem Schoss oder auch auf dem Arm tragen und deren Farbe – zumindest auf den Gemälden – sorgsam auf das getragene Gewand abgestimmt wird.
Was ist die Kerneigenschaft dieser symbolisch inszenierten Hunde?
Dass sie zu nichts nütze sind. Die Besitzer signalisierten: Ich kann mir dieses nutzlose Tier leisten, eines, das keinerlei Dienst tut.
Gab es Hunde, deren Symbolträchtigkeit schwankte, die sozusagen konjunkturabhängig waren?
Der Mops ist so ein Beispiel. Er war im 19. Jahrhundert ein unverzichtbares Accessoire für die Frau von Welt, danach geriet er während längerer Zeit in Vergessenheit. Heute – das ist mein subjektiver Eindruck – sieht man wieder mehr Möpse auf der Strasse als auch schon. Ein anderes Beispiel für Hunde, die nur zwischenzeitlich in Mode waren, sind die Löwenhündchen, die Paris-Hilton-Hündchen der Vormoderne.
Ein interessanter Hund ist der Pudel, der sich im 18. Jahrhundert grosser Beliebtheit erfreute. Er galt als besonders klug. Weshalb das?
Im 18. Jahrhundert gab es die Tradition der gelehrten Tiere: Es ging um die philosophische Grundsatzfrage, was den Menschen vom Tier unterscheidet. Die Leidensfähigkeit war ein Kriterium, aber man fragte auch nach den intellektuellen Fähigkeiten der Tiere. In der Folge teilte man die Hunde in die Kategorien «sprechend» und «schreibend» ein. Der Pudel wurde als klügster Hund eruiert, neben dem Affen wurde er als klügstes Tier überhaupt angesehen – weil er besonders gelehrig ist; es gab zahlreiche Bühneninszenierungen mit Pudeln. Am andern Ende der Skala standen Hunde wie der Bullenbeisser, der Hund des Metzgers also.
Welche Aspekte der Hund-Mensch-Beziehung neben der Machtsymbolik untersuchen Sie noch?
Ich interessiere mich auch für die Vermisstenanzeigen, in denen bereits im 18. Jahrhundert Privatpersonen gezielt nach einem spezifischen, nach ihrem Haushund suchten. Das zeigt, ganz banal, dass jemand seinen Hund gern hat und dass er deswegen bereit war, einen gewissen zeitlichen und materiellen Aufwand auf sich zu nehmen. Hunde waren also bereits damals nicht allein Herrschaftssymbole, sondern auch Wesen, mit denen der Mensch eine Beziehung einging. Spannend ist auch eine nähere Betrachtung der Quantität: Im 19. Jahrhundert waren die Städte voller Hunde; fast jeder Student hielt sich damals einen eigenen Jagdhund, um sich eine aristokratische Attitüde zuzulegen. Und: Die Hundehaltung hatte häufig auch eine pädagogische Bedeutung.
Inwiefern?
Mit der Aufklärung kam die Vorstellung auf, dass gutes moralisches Verhalten am Hund eingeübt werden könne: Wer als Kind seinen Hund gut behandle, der behandle als Erwachsener seine Mitmenschen gut, so die Annahme, die ja bis heute verbreitet ist.
Was ist eigentlich mit den anderen nutzlosen Haustieren? Mit den Katzen, den Wellensittichen?
Dazu kann ich nicht so viel sagen, da ich mich nur mit Hunden empirisch fundiert beschäftige. Interessant an den Katzen ist, dass sie erst seit dem 19. Jahrhundert als Haustiere gehalten werden, die Pariser Boheme begann damit. Das eigensinnige Wesen der Katze entsprach ihnen mehr als das bürgerliche Familientier Hund, sie wurde mit einem unabhängigen Lebensstil assoziiert. Bei den Wellensittichen läuft die Forschung erst gerade an; bei ihnen ist zumal der Käfig interessant, der wie das Tier selbst zu repräsentativen Zwecken genutzt werden konnte.
Sie arbeiten derzeit an Ihrer Habilitation. Wie gehen Sie mit der eklatanten Schwierigkeit um, dass die Akteure, die sie untersuchen – die Hunde also – keine Quellen hinterlassen?
Das ist eine grosse Herausforderung. Es geht darum, zwischen den Zeilen, gegen den Strich zu lesen. Wenn ich die Vermisstenanzeigen analysiere zum Beispiel, dann erhalte ich Aufschluss über die emotionale Beziehung zwischen Besitzer und Tier. Wie wertvoll die so gewonnenen Erkenntnisse für die Geschichtswissenschaften sind, wird allerdings unter Historikern heftig diskutiert. An den Konferenzen merke ich jeweils wieder, wie jung die Disziplin der Animal History noch immer ist.
Zuletzt die unvermeidliche Frage: Haben Sie einen Hund?
In der Tat, die unvermeidliche Frage (lacht). Ja, ich habe tatsächlich einen Hund, den ich mal aus einem Tierheim geholt habe; die Auseinandersetzung mit Hunden beschäftigt mich auch im Privatleben, das ist so.
(DerBund.ch/Newsnet)
Erstellt: 19.06.2012, 14:58 Uhr










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