Kultur
«Hitler ist nicht meine politische Referenz»
Aktualisiert am 13.01.2011 137 Kommentare
Artikel zum Thema
Stichworte
Verheissungsvoll war die Affiche, gross der Andrang. Zum Podium mit Luxemburgs Premierminister Jean-Claude Juncker und Christoph Blocher strömten Hunderte in den Zürcher Pfauen, darunter nicht wenige aus Politik und Wirtschaft. Schon seit Tagen war der Anlass ausverkauft. Kein Showdown und kein Duell sollte es werden, mahnte zu Beginn der Autor Lukas Bärfuss, der das Gespräch zusammen mit Peer Teuwsen von der «Zeit» leitete. Auch keine «unpassenden Vergleiche» wolle man tolerieren. Damit war natürlich Christoph Blocher gemeint, der EU-Politiker Juncker im Vorfeld Nazi-Rhetorik vorgeworfen hatte. Anlass dazu war ein Interview vor Kurzem, in dem Juncker gesagt hatte, dass es ein «geostrategisches Unding» sei, dass man «diesen weissen Fleck» auf der europäischen Landkarte habe.
Nachdem die beiden ein paar Minuten Phrasen über die Entstehungsgeschichte ihrer Staaten gedroschen hatten, kam Blocher proaktiv auf den heiklen Vergleich zu sprechen: «Die Römer wollten schon Grossreiche in Europa errichten, die Habsburger, die Nazis auch – da sind wir empfindlich.» Blocher habe sein Interview unkorrekt reflektiert, konterte Juncker, niemand wolle die Schweiz zu etwas zwingen. Im Gegenteil, er sei in besagtem Interview sogar sehr schweiz-freundlich gewesen. Doch Liebeserklärungen verstehe man im ersten Augenblick selten, so Juncker. Er habe im Interview nur betonen wollen, dass er sich einen Beitritt der Schweiz zur EU wünschen würde. Diese Entscheidung habe aber ausschliesslich die Schweiz zu fällen. «Ich weiss gut, dass man gerade in einem kleinen Land Zurufe über den Zaun nicht braucht.»
Schweizer EU-Beitritt
Mit Charme nahm Juncker das Publikum für sich ein, mal sachlich argumentierend («Der EU würde mit dem Beitritt der Schweiz eine substanzielle Dosis an gesundem Menschenverstand eingeimpft»), mal Blocher piesackend («Ich glaube an die EU, ich bin seit 28 Jahren in der Regierung – das schafft nicht jedes Regierungsmitglied»). Überhaupt war die Stimmung zwischen den beiden ausgezeichnet. Bisweilen erinnerten sie gar an ein gut eingespieltes Komiker-Duo, das Publikum jedenfalls brach immer wieder in Lachen aus. Etwa als Blocher spottete, dass die paar Politiker, die nach Brüssel kämen, rasch den Verstand verlören, wenn sie an Sitzungen teilnehmen. «Dann waren Sie wohl oft an solchen Sitzungen», parierte Juncker.
Obwohl sich das Gespräch immer wieder um die Frage eines möglichen Schweizer EU-Beitritts drehte, gelang es leider nicht aufzuzeigen, was in einem solchen Fall mit den Errungenschaften der direkten Demokratie passieren würde. Stattdessen bewegte man sich immer wieder im Generellen. «Ich fühle mich von niemandem bedroht, solange Europa gut organisiert ist», so Juncker. Damit war die nächste Hitler-Runde lanciert. Als kleines Land müsse man auf der Hut sein, so Blocher: «Ich bin am Rhein aufgewachsen, an der deutschen Grenze, wenn ein Müntefering oder Steinbrück mit der Peitsche drohen, läufts uns kalt den Rücken herab, das erinnert uns an Hitlers Rhetorik.» «Tut mir leid», entgegnete Juncker, «Hitler und Konsorten sind nicht meine politischen Referenzen.»
Vollblut-Politiker
Während Blocher gegen den Filigran-Rhetoriker Juncker zuerst oft den Kürzeren zog, trumpfte er beim ausführlich und sachlich diskutierten Thema Euro-Zone auf. Juncker bezeichnete die Euro-Schwäche als «Krise einiger Länder», nicht als Schwäche der Währung an sich. Verantwortlich dafür seien neoliberale Kräfte und verantwortungslose Banken. Doch selbst Griechenland könne mit einem Akt von Solidarität wieder auf die Beine geholfen werden. «Solidarität», spotte Blocher, «ist ein anderes Wort für Umverteilung.» Seiner Meinung nach hätte man Griechenland bankrott gehen lassen müssen, wie einst Argentinien. In dieser Phase zeigte sich ein weiterer grundsätzlicher Unterschied zwischen den beiden Vollblut-Politikern. Hier Blocher, der globale Finanz- und Regierungssysteme ablehnt, weil sie zu unübersichtlich sind. Dort Juncker, der ihnen zwar genauso skeptisch gegenübersteht – aber deren Notwendigkeit akzeptiert.
Zum Schluss des höchst unterhaltsamen Podiums kam es nochmals zu einem Scharmützel um eine Nazi-Vokabel, doch das gehörte zur Belustigung des Publikums inzwischen zur Gesprächsdramaturgie. Und warum nicht? Hitler als Running Gag – auch eine Art Völkerverständigung. (DerBund.ch/Newsnet)
Erstellt: 13.01.2011, 01:06 Uhr
Kommentar schreiben
137 Kommentare
@A.Nadelholz: So einfach ist es leider nicht. Ja, er hat eine (marode) Firma guenstiger uebernommen. Allerdings wurde sie zu diesem guenstigen Preis verkauft (und somit nicht gestohlen). Ohne das waeren viele Arbeitsplaetze verloren gegangen etc. Blocher hat Arbeitsplaetze geschaffen und ein Schweizer Unternehmen erhalten koennen...machen sie das bitte nach... Antworten
Wir sind nun bei 120 Kommentaren. Und kaum einer ist sachbezogen und zielführend. Dass Blocher derartige Wallungen - in beide Richtungen - erzeugen kann, erstaunt mich immer wieder. Er ist ganz einfach ein Industrieller, der politisiert. Man wünscht sich mehr derartige Persönlichkeiten. Und lassen wir doch das mit dem Neid. Blocher hat die EMS für 0 Franken aber mit 110 Mio. Schulden übermommen. Antworten












Die Welt in Bildern














