«Gefährdet ist jeder, der Ärger anfängt»
Interview: Michèle Binswanger. Aktualisiert am 01.03.2011 9 Kommentare
Medienpädagoge Frank Egle.
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Forscher der Uni Genf, der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften der Universität der Italienischen Schweiz haben diese Woche die so genannte James Studie vorgestellt. Dafür befragten sie 1175 Jugendliche zwischen 12 und 19 Jahren nach ihrem Medienverhalten. Internet und Handy sind demnach die beliebtesten Medien der Jugend. Aber auch Cyberbullying nimmt laut der Studie zu, also das Belästigen und Diffamieren anderer Jugendlicher über Facebook und andere soziale Plattformen. Besonders betroffen sind Teenager aus der Deutschschweiz.
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In Schulen wurden immer schon Konflikte ausgetragen, was ist am Cyberbullying anders?
Die neuen Medien haben ja viele Vorteile, zum Beispiel, dass man Leute ortsunabhängig zu jeder Tages- und Nachtzeit kontaktieren kann. Aber solches kann man auch missbrauchen. Wenn ich beispielsweise ein Bild von jemandem nehme und in einem anderen Zusammenhang einbaue, ist das ein Verstoss gegen Persönlichkeitsrechte. Noch weiter geht dann das Bullying, wo Einzelne systematisch angefeindet werden.
Aber welches ist den die neue Qualität, die da dazukommt?
Die Möglichkeit, andere zu diffamieren gab es natürlich schon vorher. Nur früher war viel einfacher durchschaubar, wer dahinter steckt, wer wen mobbt. Die Anonymität im Internet macht es schwieriger herauszufinden, wer hinter dem Mobbing steckt. Und das führt bei den Betroffenen zu grosser Ohnmacht. Man hat vielleicht einen Verdacht, wer hinter den Belästigungen steht, aber richtig nachweisen lässt es sich nur mit grossem technischen Aufwand.
Wo ist eigentlich die Grenze zwischen gegenseitigem Necken und Cyberbullying?
Die Grenze ist dort, wo der betroffene das Gefühl hat, mit dem, was über ihn verbreitet wird, nicht mehr umgehen zu können. Es ist ein Unterschied, ob ein Kumpel ein lustiges Bild von mir ins Netz stellt und ich ihn bitten kann, das wieder rauszunehmen, oder ob anonym massiv Unwahrheiten über mich verbreitet werden.
Wieso tun Jugendliche so etwas?
Ich habe da nur Vermutungen: Suche nach Aufmerksamkeit, Konflikte, die nicht unmittelbar ausgetragen werden können, Feigheit, die Möglichkeit sich nicht direkt an jemanden wenden zu müssen, sondern ihn anonym fertig machen zu können, Langeweile?
Wieso merken die Täter nicht, dass es problematisch ist?
Vielleicht fehlt ihnen das Bewusstsein, wie sehr sie andere Personen mit ihrem Verhalten schädigen.
Viele Jugendliche kennen sich ja sehr gut aus mit den neuen Medien. Wissen sie auch besser, wie man auf Mobbing am besten reagiert?
Nein. Oft herrscht da die totale Hilflosigkeit. Dabei gäbe es ja in vielen Netzwerken eine Art Notrufbutton, mit denen man sich an den Betreiber der Website wenden kann. Nur wird das nicht sehr oft genutzt.
Wer ist eigentlich besonders gefährdet?
Das ist sehr schwierig zu sagen. Wahrscheinlich gibt es keine klassischen Täter- und Opferrollen. Gefährdet ist jeder, der bewusst oder unbewusst mit jemand anderem Ärger anfängt oder Ärger hat. Es kann jeden betreffen.
Oft äussern sich die Betroffenen gar nicht über das, was sie erleiden.
Ja und das verschlimmert das Ganze noch. Wenn man den Ärger, der so entsteht, mit sich herumträgt, vielleicht auch aus Scham, kann das zu psychischen Problemen führen. Deshalb sollten Jugendliche sich an ihre Bezugspersonen wenden und wenn man als Erwachsener mitkriegt, dass solches im Gang ist, muss man intervenieren, zum Beispiel eine Anzeige machen.
Und was, wenn die Belästigung nicht ausreicht für eine Strafanzeige?
Wenn man Opfer einer Cyberbullying Attacke wird, sollte man zunächst versuchen, die Inhalte zu ignorieren, denn die Täter suchen ja Aufmerksamkeit. Als nächstes muss man den Kontakt zu Freunden oder Eltern oder professionellen Beratungsstellen suchen.
Nun teilen ja Jugendliche eben gern übers Internet. In diesem Fall auch?
Das wäre wohl nicht wirklich sinnvoll.
Aber gerade Eltern und Schulen sind ja völlig überfordert.
Es gibt in den meisten Kantonen Präventionsstellen bei der Polizei, die verfügen auch über die technischen Möglichkeiten, Urheber solcher Inhalte ausfindig zu machen. Wichtig ist vor allem, dass man etwas unternimmt und gegen dieses Gefühl der Machtlosigkeit vorgeht.
Was sollen die Schulen unternehmen?
Schulen haben die Tendenz, die entsprechenden Medien rundweg zu verbieten. Viel wichtiger aber ist Aufklärung. Man muss den Schülern aufzeigen, was solche Cyberbullying-Attacken bei den Betroffenen anrichten können. Es gibt auch Programme und Projekte, die man von aussen in die Schulen bringen kann, um solche Aufklärung zu betreiben.
Wie sieht das konkret aus?
Man macht Beispiele, die dazu dienen sollen, dass die Schüler sich in die Lage der Betroffenen versetzen können und merken, was in einer Person vorgehen könnte, über die Unwahrheiten im Internet verbreitet werden. Oft fehlt den Tätern eben die Empathie.
Es gibt Eltern, die vermuten, dass ihre Kinder an solchen Aktionen beteiligt sind, aber nicht in die Privatsphäre ihrer Kinder eingreifen wollen. Was soll man da tun?
Wenn ich den Verdacht habe, dass meine Kinder in so etwas involviert sind, bin ich verpflichtet, das mit ihnen anzuschauen und es auch anzusprechen.
Und wenn sie es abstreiten?
Dann muss man in einer Als-Ob-Situation mit ihnen darüber reden.
(DerBund.ch/Newsnet)
Erstellt: 01.03.2011, 16:24 Uhr
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9 Kommentare
Wie schon im Bericht erwähnt man soll es ignorieren, denn wenn das Opfer sich nicht wehrt und cool das wegsteckt, dann hat der Täter bald kein Interesse mehr daran unwahrheiten zu verbreiten. Der Täter möchte ja nix andres als den andren fertig machen und das geht nur wenn das Opfer sich ständig wehrt. Ich war mal ein Internetopfer + es war nicht einfach klarzukommen, aber nach 1 Mt. war schluss. Antworten
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