«Ganze Dörfer waren mit Schäfchen tapeziert»
Interview: Rico Bandle. Aktualisiert am 29.11.2010 61 Kommentare
Micha Lewinsky ist Drehbuchautor und Regisseur. Zuletzt drehte er die Spielfilmen «Der Freund» (2008) und «Die Standesbeamtin» (2009). Im Kampf gegen die Ausschaffungsinitiative produzierte er drei Kinospots mit Hanspeter Müller-Drossaart. Micha Lewinsky ist der Sohn des Autors Charles Lewinsky. (Bild: Renate Wernli)
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Erstmals seit vielen Jahren haben sich Künstler intensiv in einen Abstimmungskampf eingemischt. Wie ist Ihr Fazit?
Es war sehr ermutigend, dass sich so viele Leute engagiert haben, dass eine solche Dynamik entstand, dass eine solch grosse Bereitschaft vorhanden ist, darüber zu diskutieren, wie die Zukunft unseres Landes aussehen soll.
Trotzdem ging die Abstimmung verloren. Haben Sie nicht zu sehr jene Leute angesprochen, die bereits auf Ihrer Seite stehen?
Das ist schwierig zu sagen. Wir haben praktisch ohne Geld politische Werbung gemacht und ich gehe fest davon aus, dass politische Werbung etwas nützt. Sonst würde die SVP ja nicht Millionen dafür investieren.
Wir reden jetzt nicht von Inseratekampagnen sondern darüber, was das Wort und das Engagement des Künstlers bewirken kann.
Unter politischer Werbung verstehe ich auch zu argumentieren und nicht bloss Werbung zu machen wie für ein Waschmittel. Wir wollten verhindern, dass man nur Totschlagargumente wie jenes mit dem Vergewaltiger Ivan S. zu hören bekommt.
Nach der Abstimmung hat sich in der Deutschschweiz gezeigt: Die grösseren Städte waren klar gegen die Initiative, die ländlichen Gebiete klar dafür. Sind Sie zu wenig aufs Land gegangen?
Es war immer schon so, dass bei Ausländerfragen jene am meisten Angst haben, die die Ausländer am wenigsten kennen. Das ist ein altes Muster.
Bei der Minarett-Initiative glaubte man dies auch, es erwies sich aber als falsch: Gerade auch viele Quartiere und kleinere Städte mit hohem Ausländeranteil stimmten klar Ja.
Ich bin nicht Politanalyst. Aber die grösste Lehre, die ich aus meinem Engagement gezogen habe, ist: Wir hätten die Abstimmung gewinnen können. Wenn man durchs Land fuhr, so sah man Dörfer, die mit Schafen tapeziert waren. Die Gegner der Initiative haben dagegen mit ganz bescheidenen Mitteln gekämpft. Hätten wir nur annähernd so viel Geld zur Verfügung gehabt wie unsere Gegner, so hätten wir die nötigen 2,9 Prozent noch auf unsere Seite ziehen können. Das Resultat war trotz der ungleich verteilten Mittel erstaunlich knapp – das macht mich zuversichtlich. Als Politiker würde ich mich jetzt aber damit beschäftigen, was man machen kann, damit gewisse fragwürdige Initiativen nicht einfach mit ganz viel Geld durchgebracht werden können.
Sie sprechen nun wieder von Millionenbeträgen, Schäfchenkampagnen und Ivan S., dabei ging es den Leuten durchaus um reale Probleme, sei es in den Schulen, sei es, dass Ausländer aus gewissen Regionen in der Kriminalitätsstatistik weit übervertreten sind.
Das sind zwei Themen. Über den Inhalt haben wir im Vorfeld der Abstimmung lange und ausführlich diskutiert. Auch ich bin gegen Kriminalität – egal von wem sie verübt wird. Aber ich finde diese Initiative nicht das richtige Mittel, um das Problem zu lösen. Das andere Thema ist das Ungleichgewicht an Geldmitteln bei der Abstimmung, was unserer Demokratie nicht würdig ist. Es sollte bei Abstimmungen um Argumente, nicht um Geld gehen. Hier müsste man etwas ändern. Wie dies genau geschehen soll, weiss ich allerdings auch nicht.
Bei der Minarettiniative war das Ergebnis noch viel klarer. Glauben Sie, dass das Engagement der Künstler mitverantwortlich dafür ist, dass der Ausgang diesmal dermassen knapp war?
Es waren ja nicht nur die Künstler. Ganz viele Leute waren nach der Minarettabstimmung aufgerüttelt, wollten nicht, dass so etwas Ähnliches noch einmal passiert. Nun ist es wieder passiert, aber immerhin nicht so deutlich wie letztes Mal.
Man hat das Gefühl, es entstehe eine neue Protestkultur, so gesehen auch bei der «Basler Zeitung», wo der Protest zu einem grossen Teil ebenfalls von Künstlern organisiert wurde. Entwickeln sich Künstler zu Anführern von Protestbewegungen?
Ich hoffe natürlich, dass sich Leute lautstark engagieren. Allerdings brauchen nicht unbedingt Kulturschaffende an der Spitze solcher Bewegungen zu stehen. Dank dem Internet hat absolut jeder die Möglichkeit, sich zu organisieren, eine Facebook-Gruppe zu gründen oder was auch immer. Es ist nicht mehr so, dass man bereits eine gewisse Bekanntheit braucht, um eine breitere Öffentlichkeit zu erreichen. Ich hoffe, dass dies zu einer Protestkultur im Sinne einer Diskussionskultur führt.
Oft entsteht dabei aber keine Diskussionskultur, sondern eine Kampfbewegung, die andere Meinungen nicht toleriert. In Basel konnte zum Beispiel Tito Tettamanti nach Drohungen von Protestierenden nicht mehr auf einem Podium auftreten. Sehen Sie hier keine Gefahr?
Ich kann nicht von Basel reden, nur von dem, was ich kenne. Im Forum unserer Homepege Vor-die-tuer.ch wurde zuerst sehr intensiv und auch selbstkritisch über die Initiative diskutiert, vornehmlich von Gegnern. Plötzlich fielen SVP-Sympathisanten regelrecht über das Forum her, die vor allem mit beleidigenden Parolen um sich schlugen. Da ist kaum mehr zu diskutieren. Aber vielleicht gehört dies einfach zur Internet-Kultur. (DerBund.ch/Newsnet)
Erstellt: 29.11.2010, 15:39 Uhr
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Gemäss SF-Website war die Mehrheit der Personen bei der Stichwahl für den GV, also war die Mehrheit gegen die AI, aber verzettelte sich beim Ja/Nein beim GV. Die Sache mit den Ständen ist zudem oft nervig, da haben manche zu viel Macht im Land, finde ich von Biel/Bienne aus gesehen, quasi am Rösti- oder Kebap-Graben lebend. Antworten
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