Kultur
«Ein zweiter Planet ist die beste Lebensversicherung»
Aktualisiert am 27.01.2012 94 Kommentare
Bruno Stanek wurde 1943 geboren. Er studierte Mathematik an der ETH Zürich. Mit 25 kommentierte er am SF die erste Mondlandung. 1975 und 1976 hatte er eine eigene Sendereihe unter dem Titel «Neues aus dem Weltraum». Bruno Stanek lebt als Autor und Softwareentwickler in Arth, er hat diverse Bücher verfasst und die DVDs «Planetenlexikon» und «Flugjahre zum Mond» produziert. Ausserdem hält der 68-Jährige regelmässig Vorträge zum Thema Raumfahrt (siehe Link).
Bruno Stanek kommentiert am 21. Juli 1969 die Mondlandung – über zwei Millionen Schweizer schauen zu.
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Herr Stanek, der republikanische Präsidenschaftskandidat Newt Gingrich verspricht den Amerikanern eine Mondstation – falls sie ihn zum Präsidenten wählen. Ist das ein realistisches Versprechen oder bloss Wahlkampf?
Beides. Ein grosser Teil der Intelligenzija in den USA – nicht nur die Söhne und Töchter der Mondastronauten, Wissenschaftler und Ingenieure von damals – sind für die Erschliessung von neuen Horizonten. Dies haben seriöse Befragungen immer wieder ergeben. Obama hat eine andere Ausbildung und Weltanschauung. Er glaubte, mit der Zerstörung der Forschungsprogramme seiner Vorgänger die Gunst der Wählerschaft zu gewinnen. Das ist Wahlkampf, und nicht, dass ein Präsidentschaftskandidat wirklich auf die Wünsche des Volkes hört.
Präsidenten vor Gingrich haben auch schon eine Mondstation versprochen. Bis jetzt hat es niemand umsetzen können. Wieso?
Die Wahl von Obama hat das bereits erfolgreich begonnene Constellation-Programm mit fiesen Winkelzügen zerstört und bereits mehr Schaden angerichtet als Einsparungen gebracht. Natürlich hat das auch in Europa (ausser bei wissenschaftlich-technisch Kundigen) Jubel bewirkt, weil die europäischen Raumfahrtprogramme finanziell und technisch noch viel mehr auf der Kippe stehen und natürlich niemand darüber berichten will.
Welches sind die grössten technischen und logistischen Herausforderungen, die eine Mondstation mit sich bringt?
Es ist weniger die Technik als vielmehr die politische Kontinuität. Die letzte Mondlandung erforderte etwa 8 Jahre Vorbereitung. Bei Constellation wollte man sich 16 Jahre Zeit lassen, obwohl man auf lauter bestehende Technologien und sogar Hardware aufbauen wollte. Das ist reichlich viel Zeit in einer Demokratie. Technisch war alles gut vorbereitet und parat. Zehntausende haben im Rahmen des bestehenden Nasa-Budgets mit hohen Erwartungen daran gearbeitet und sind jetzt enttäuscht oder gar arbeitslos.
Können die USA eine Mondstation überhaupt im Alleingang errichten – oder sind sie auf internationale Zusammenarbeit angewiesen? China hat da wahrscheinlich auch ein Wörtlein mitzureden.
Die Mondlandungen von 1969–1972 wären vielleicht heute noch nicht realisiert, wenn sie die USA nicht selber finanziert und allein durchgeführt hätten. Die internationale Zusammenarbeit ist immer wieder ein verfängliches Schlagwort, aber sie hat zum Beispiel im Falle der Internationalen Raumstation zu 30 Jahren Stagnation der bemannten Raumfahrt geführt und trotzdem rund 100 Milliarden gekostet. Dafür hätte sich eine Mondbasis errichten lassen mit festem Boden unter den Füssen – nicht wie die ISS im Leerlauf rund um die Erde.
Die Frage, warum man zum Mond fliegt, konnte man in den Sechzigerjahren leicht beantworten: Weil er da ist, weil damit ein Traum erfüllt wird. Was ist heute die Motivation?
Der Mond ist erst die «Meisterarbeit» einer Zivilisation, deren nächstes Ziel der Mars ist. Eine Welt, wo alle wichtigen Elemente, insbesondere Wasserstoff in Form von Wasser, vorhanden sind, um Millionen von Menschen einen Aussenposten zu bieten. Ein zweiter Planet ist die beste Lebensversicherung! Der Mond ist erst unser «Industriegebiet», mit dem man anfangen will, weil er Hunderte Male näher liegt, aber technisch ein ideales Lehrstück ist.
Eine Mondstation, das ist auch immer der Gedanke an eine «neue Welt»: Was sagt das über unsere Welt aus?
Es zeigt, dass einige Menschen über ihre Nasenspitze hinaus denken. Komisch: wenn die Chinesen ähnliche Pläne auf Mond und Mars ankünden, dann wird uns das staunend als Vorbild serviert. Dabei lebt man dort noch in den 1960er-Jahren und wagt nur alle 3–4 Jahre einen Shenzhou-Zweimann-Flug im Erdorbit, was die Nasa – und die Russen! – schon vor bald 50 Jahren getan haben.
Wer gewinnt denn nun das Rennen zum Mond bzw. zum Mars?
Die USA dürften trotz gegenteiliger Meldungen erneut die Ersten auf Mond und Mars sein. Denn auf Letzterem fährt weiterhin das vierte US-Marsauto herum und ein fünftes ist bis im August unterwegs. Konkurrenzlos, und von der veröffentlichen Meinung möglichst ignoriert. Der Wähler in den USA hat es in der Hand, ob sein Land weiterhin einen so grossen Vorsprung bewahrt. (DerBund.ch/Newsnet)
Erstellt: 27.01.2012, 12:27 Uhr
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94 Kommentare
Zwei Punkte stören mich massiv: "Lebensversicherung"; Unsere Erde muss man so behandeln, als wäre sie die Letzte, die wir haben. Denn sie wird es für 99.99% der Milliarden Bewohner (Mensch und Tier) bleiben, auch wenn man "bemannt" zum Mars fliegen könnte. Das andere ist der Satz "von der veröffentlicheten Meinung möglichst ignoriert". Es gibt schlicht grössere Probleme und Interessen im Moment. Antworten


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