Ein Toter ist eine Tragödie, tausend Tote sind Statistik
Von Martin Ebel. Aktualisiert am 24.03.2011 4 Kommentare
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Mit Katastrophen ist es wie mit dem Sex: Wir werden beider sprachlich nicht Herr. Mit diesem, weil er uns zu nahe ist, mit jenen, weil sie uns zu fern sind. Wären wir von einer Katastrophe selbst betroffen, würden wir gar nicht mehr sprechen, sondern schreien oder stammeln. Dass vor einem ungeheuren Ereignis die Sprache versagt, versuchen wir trotzdem sprachlich wiederzugeben – wir haben ja nichts anderes. Das führt allerdings zu Verrenkungen.
Es ist paradox: Indem wir etwas benennen, ordnen wir es ein, in unseren Sprachfluss, in die Wirklichkeit, die Normalität. Ein schlimmes Erdbeben, eine Flutwelle mit vielen Tausend Opfern oder ein Unfall in einem AKW – merken Sie, wie «normal» diese Benennungen klingen? – verlangen aber nach einer sprachlichen Entsprechung, die Einzigartigkeit signalisiert. Man greift zu Superlativen, bildet Zusammensetzungen wie «Jahrhundertflut» und Super-GAU oder greift zu vertrauten Schreckensbildern wie «Monsterwelle» oder «Atomhölle».
Der beabsichtigte Effekt ist derselbe, den schon Aristoteles für die griechische Tragödie beschrieben hat: Furcht und Mitleid zu erzeugen. Die Hauptarbeit leistete bei der Tragödie allerdings die Handlung. Heute sind es die Bilder. Ein alter Mann in den Trümmern seines Hauses: Das setzt mehr in Gang als eine Reportage in farbigster Prosa. Zumal diese auch gern auf vorgeprägte Formeln zurückgreift: Da «wütet» ein Sturm ganz persönlich, Gebäude fallen zusammen «wie Kartenhäuser». Gerade wer beim Leser Emotionen herauskitzeln will, fällt oft auf die abgestandendsten Wendungen zurück. Das vermeintlich Niedagewesene reiht sich ein in eine Folge von schon dagewesenen Unglücksfällen.
Sprache als Schutzpanzer
So ist es auch beim Holocaust, dem einzigartigen Menschheitsverbrechen. Auch hier hat sich die Sprache, Martin Walser hat es belegt, auf quasi rituelle Formulierungen zurückgezogen. Wer kein Dichter ist und sprachliches Neuland betritt, muss hier ebenso versagen wie jene angesichts des Schrecklichen, das in Japan passiert ist und noch passieren könnte: Es gibt sprachlich nur Abglanz, wenn nicht Abklatsch – was der in uns auslöst, liegt allein an unserer Vorstellungskraft, unserer Fähigkeit zur Empathie. Es gibt aber auch eine andere sprachliche Strategie, die genau auf das Gegenteil abzielt: dem Schrecken das Schreckliche zu nehmen, indem man ihn normalisiert. Das funktioniert mit Pseudo-Expertise («Restrisiko», «Auslegestörfall»), vor allem aber mit Zahlen. Der Atomunfall in Fukushima – auf welche Stufe in der «INES-Skala» gehört er? Vier, fünf oder sechs? Tschernobyl war sieben, also alles nicht so schlimm. Auch Erdbeben lassen sich messen, klassifizieren, einordnen. Selbst Opferzahlen relativieren; ein Toter ist eine Tragödie, tausend Tote sind Statistik.
Hier dient die Sprache als Schutzpanzer gegen alles Bedrohliche und hilft, zur Tagesordnung zurückzukehren. Diese Tagesordnung besteht darin, unserer Gier nach Energie weiter zu frönen, unbeherrschbare Techniken mit ein paar neuen Sicherheitsventilen zu versehen und die einzige Erde, die wir haben, weiter bis zur Unbewohnbarkeit aufzuheizen. Für dieses paradoxe Verhalten gibt es tatsächlich eine sprachliche Entsprechung, sie ist schon alt und ebenfalls paradox und stammt von Walter Benjamin: «Dass es so weiter geht, ist die Katastrophe.» (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 24.03.2011, 16:13 Uhr
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4 Kommentare
Lieber Herr Ebel, dass wir mit Katastrophen nicht umgehen können zeigt sich auch an etwas anderem: so stürzen sich alle (Medien, Politik...) auf die Kraftwerkspanne, die tatsächliche Katastrophe (Erdbeben und Tsunami: >25000 Tote, Hunderttausende Obdachlos) wird kaum diskutiert. Im Vergleich dazu sind die effektiven Auswirkungen der Kraftwerkspanne bisher (!) lächerlich klein. Antworten
Tja Herr Kobler, vielleicht liegt das daran, dass der Mensch beim Tsunami und beim Beben nichts dafür kann, beim AKW aber schon. Zudem werden bald in den von ersteren verwüsteten Regionen wieder Leute leben, was für einen sehr grossen Kreis um Fukushima für laaaaange Zeit nicht der Fall sein wird, also drückt sich wohl eine Art schlechtes Gewissen darin aus, dass auf Fukushima fokussiert wird. Antworten
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