Kultur
«Ein Land nur mit Akademikern kann nicht funktionieren»
Aktualisiert am 25.10.2011 338 Kommentare
Dr. Johannes Milde ist CEO der Siemens Building Technologies. Dem promovierten Informatiker unterstehen 28'000 Mitarbeiter.
Debatte
Brauchen wir mehr oder weniger Akademiker? Wie steht es um das Niveau der Schweizer Berufslehre? In der Bildungsdebatte, die durch einen Artikel von Philipp Sarasin ausgelöst worden ist, haben sich bis jetzt Rudolf Strahm, Patrik Schellenbauer und Richard Gonon zu Wort gemeldet (siehe Link-Box). Sarasins Text wurde dem diese Woche erscheinenden Buch «Das Gymnasium im Land der Berufslehre» entnommen.
Dossiers
Artikel zum Thema
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- «Der Bildungsdünkel ist das Problem»
- Wieso die Schweiz so bildungsfeindlich ist
- Bildungsverachtung oder Bildungsdünkel?
- Die freie Schulwahl befriedigt vor allem die Eltern
- Der Uni-Verächter
Korrektur-Hinweis
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Herr Milde, wie sehen Sie als Vertreter der Wirtschaft die aktuelle Bildungsdebatte?
Hier geht es um das Wesentliche: unsere Zukunft und die Fähigkeit, weiterhin innovativ und mit Schweizer Qualität Massstäbe in vielen Branchen zu setzen und unseren Wohlstand zu sichern – insbesondere, weil Versäumnisse im Bildungswesen sich erst über Generationen hinweg auswirken.
Was raten Sie den heutigen Jugendlichen: Gymnasium oder Lehre?
Je nach ihren Fähigkeiten und Interessen. Wenn ein Jugendlicher aber nicht sicher ist, ob er den theorielastigen Weg über das Gymnasium und die Universität mag und dafür geeignet ist, dann rate ich auf jeden Fall zur Berufslehre und all den Möglichkeiten, die sich in der Schweiz über Berufsmatura, Fachhochschule bis zur Universität bieten. Dieser Weg bietet den Jugendlichen auf jeder Stufe Abschlüsse, mit denen sie bereits ihre Existenz sichern können, auch wenn sie nicht den ganzen Weg gehen wollen oder können. Ein Land nur mit Hochschulabgängern kann nicht funktionieren.
Aber Abgänger von Universitäten haben bei Ihnen letztlich doch grössere Chancen.
Alle Fachkräfte in den Bereichen Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik haben sehr gute Chancen. Insbesondere Industriefirmen wie wir benötigen den richtigen Mix an Abgängern: Berufsleute, Techniker, Fachhochschul-Ingenieure und Ingenieure mit Universitätsabschluss.
Ist die Ausbildung über Fachhochschulen nicht ein Scheinerfolg – weil der Chef dann doch ein importierter Akademiker ist?
Die Frage, wer Chef wird, hängt in der Industrie viel stärker von der Persönlichkeit, den sozialen Fähigkeiten, dem Engagement, den Führungsfähigkeiten und seinem Leistungsausweis ab als von der Frage, welche Grundausbildung ein Mitarbeiter hat. Das gilt sowohl für die Fachrichtung als auch für den Level des Hochschulabschlusses.
Die Wirtschaft und ihre Bedürfnisse entwickeln sich nicht gradlinig. Kann man heute überhaupt sagen, welche Qualifikationen in zehn Jahren gefragt sein werden?
Wichtig ist hier die Bereitschaft, sich ständig weiterzuentwickeln und sich weiterzubilden – sowohl im technischen Bereich, aber auch bezüglich der Kunden, der Märkte, der Zusammenarbeit in internationalen Teams. Das gilt übrigens für alle Qualifikationsstufen. Wir können heute aber auch bereits sagen, dass wir in Zukunft unbedingt mehr die menschliche und emotionale Kompetenz der Frauen entwickeln und nutzen müssen. Frauen sind heute sehr gut ausgebildet, sie interessieren sich aber noch viel zu wenig für die faszinierende Welt der technischen Berufe und der Industrie. Damit fehlt uns auch der notwendige Nachwuchs für Frauen in Führungspositionen.
Welches Wissen und welche Fähigkeiten erachten Sie als zentral, um auf dem Arbeitsmarkt erfolgreich zu sein?
Erst einmal eine solide Grundausbildung in einem Bereich, denn ich bin kein Freund von Generalisten, die von allem gehört haben, aber nichts richtig können. Dann die Fähigkeit, sich weiterzubilden und in neue Themen einarbeiten zu können.
Inwiefern zeigen sich bei Siemens Entwicklungen, die im Bereich der Qualifikationsanforderungen typisch sind für die ganze Schweiz?
Ich würde mich auch freuen, wenn mehr Schweizer Mitarbeiter die Möglichkeit des Konzerns wahrnehmen würden, eine Zeit im Ausland und in anderen Bereichen zu arbeiten. Das ist eine Voraussetzung dafür, bei uns Karriere auf höherer Ebene zu machen. Ein allgemeiner Trend ist die steigende Nachfrage an Informatikern, da Computer und intelligente Prozessoren unsere gesamte Welt weiter durchdringen. Sie sind heute in jedem Auto, in jedem Telefon, in jeder Maschine und in jeder Heizungs- und Lüftungsanlage. Ansonsten sind wir wie die meisten Firmen in der Schweiz darauf angewiesen, einen grossen Teil unserer Stellen mit ausländischen Mitarbeitern zu besetzen, da nicht genügend Schweizer zur Verfügung stehen.
Lernt man im Schweizer Bildungssystem noch das Richtige oder sind Anpassungen nötig?
Für unsere Bedürfnisse lernt man im Schweizer Bildungssystem das Richtige. Die Ausbildungsangebote sind auf einem hohen Niveau, und insbesondere das duale System, bei dem wir eine vollständige Durchlässigkeit von der Berufslehre bis zur Hochschule haben, führt zu Mitarbeitern, die nicht nur die Theorie kennen, sondern auch die Praxis, um Entwicklungen in Produkte und Lösungen umzusetzen – wir benötigen nur mehr dieser gut ausgebildeter Mitarbeiter. Obwohl schon auf einem guten Stand, sollten wir die berufsbegleitende Ausbildung weiter ausbauen und insbesondere den Wiedereinstieg von Frauen in den Beruf fördern.
Kann es sich die Schweiz leisten, in einem globalisierten Umfeld auf ihrem System der Berufsbildung zu beharren?
Die Berufsausbildung ist eines der grössten Assets der Schweiz, und wir sollten nicht nur darauf beharren, sondern wir sollten sie zum Exportschlager für Entwicklungsländer machen.
Ihre Meinung zum Thema interessiert uns. Unten können Sie mitdiskutieren. (DerBund.ch/Newsnet)
Erstellt: 25.10.2011, 17:09 Uhr
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338 Kommentare
Man hat es Hr. Sarasin doch schon an anderer Stelle gesagt: Es ist nicht zu rechtfertigen, dass man die Maturitätsquote nur über die gymnasiale Maturität definiert. Schliesst man die AbsolventInnen der Berufsmaturität nämlich ein, erreicht die Schweiz 2010 einen Wert von über 30% (Tessin 45 %). Alle nicht gymnasialen AbsolventInnen als bildungsfern einzustufen ist wohl der Gipfel der Ignoranz! Antworten
Die Schweiz hat die tiefste Jugendarbeitslosigkeit in Europa. So viel machen wir also vermutlich nicht falsch! Wir brauchen nicht mehr, sondern die "richtigen" Akademiker. Leider schlagen viele junge Leute Studienrichtungen ein, für die es auf dem Arbeitsmarkt nur eine geringe Nachfrage gibt. Wir haben schon genug Soziologen... und Historiker. Stärkt die Berufsbildung! Antworten


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