Kultur

Die falsche Psychopathin

Von Simone Meier. Aktualisiert am 01.11.2011 4 Kommentare

Mit 23 Jahren lässt sich Nellie Bly in New York als Undercover-Journalistin in die Psychiatrie einweisen. Das war 1887. Herausgekommen ist ein aufregendes Stück Mediengeschichte.

1/9 Mit unbestechlichem Blick: Elizabeth Jane Cochrane, die unter dem Pseudonym Nellie Bly schrieb, gilt heute als Pionierin des investigativen Journalismus.
CORBIS/Bettmann

   

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Sie ist jung, hübsch, frech und furchtlos und muss offenbar andauernd grinsen, denn ihr «chronisches Lächeln» ist das Einzige, was ihrem Chef Sorge bereitet, als er ihr am 22. September 1887 den Auftrag gibt, sich für zehn Tage auf Blackwell’s Island einsperren zu lassen. In einer gefürchteten psychiatrischen Klinik, die vor New York auf einer Insel liegt. Nellie Bly (23) ist begeistert, verspricht ihrem Chef: «Ich werde nicht mehr lachen», geht nach Hause und übt vor dem Spiegel fleissig die Posen einer Geisteskranken. Bereits am 9. und 16. Oktober wird sie in der «New York World» äusserst genau und lebhaft über ihre Zeit im Irrenhaus berichten. Sie wird zum Star. Und begründet damit eine neue Gattung von abenteuersüchtigen jungen Zeitungsfrauen, den sogenannten «Girl Stunt Reporters».

Nellie Bly, die eigentlich Elizabeth Jane Cochrane hiess, stammte aus Pennsylvania, war eines von 13 Kindern eines Richters, ihre Mutter heiratete nach dessen Tod einen Bürgerkriegsveteranen und Alkoholiker, und alle zusammen verarmten. Elizabeth war wild und aufmüpfig, und als sie 21 Jahre alt war, brachte sie es mit einem scharfen Leserbrief zugunsten berufstätiger Frauen zu ihrem ersten Auftritt in einer Lokalzeitung in Pittsburgh. Prompt wurde sie engagiert und nannte sich fortan Nellie Bly. Nach zwei Jahren langweilte sie sich, zog nach New York und erhielt vom Chefredaktor der «New York World» – der Verleger hiess Joseph Pulitzer – den Auftrag mit der Undercover-Reportage.

Die schöne Wahnsinnige

Ohne Papiere und fast ohne Geld zieht sie also los, wankt in ein Arbeiterinnenheim, wo sie einen derart zerrütteten Eindruck hinterlässt, dass sie erst einem Richter, dann mehreren Ärzten vorgeführt wird. Auf ihrer Fahrt nach Blackwell’s Island ist der Weg von Schaulustigen gesäumt, Ereignisse wie die Überführung der verrückten Frauen auf die Insel sind das Reality-Fernsehen jener Zeit. Ohne Fehl und Tadel absolviert sie ihre zehn Tage als Irre, auch die in der Klinik wie Detektive tätigen Reporterkollegen entdecken ihre wahre Identität nicht, und in New York sind die Zeitungen voll mit Berichten über die schöne Wahnsinnige.

Der 28-jährige deutsche Yale-Doktorand Martin Wagner hat Nellie Blys Reportage «Ten Days in a Mad-House» nun zum ersten Mal übersetzt und mit allen nötigen Materialien versehen. Das Buch ist kurz und schnell gelesen, und wer sich für Mediengeschichte interessiert, der wird begeistert sein. Allerdings weniger wegen Nellies Schilderungen von Misshandlungen durch das Pflegepersonal, verdorbenem Essen, entsetzlicher Kälte, Fesselmethoden, Wasserfolter und grotesken hygienischen Zuständen: Natürlich ist das alles schlimm und die politischen Implikationen furchtbar (Blackwell’s Island wurde als Abschiebe- und Zermürbungsstation für Ausländerinnen benutzt). Aber als Konsument heutiger Schrecken ist man doch einigermassen abgehärtet.

Um die Welt und auf dem Strich

Was hingegen auch jetzt noch so toll ist an Wagners Fund, sind die jugendliche Waghalsigkeit seiner Heldin, ihr schauspielerischer Erfindungsreichtum, ihre Lust am nimmersatten Nachfragen, ihr Mitgefühl und ihre zutiefst angelsächsische Selbstironie. Dass eine junge Frau aus dem Drama der Brachialpsychiatrie als nachdenkliche, aber durchaus komische Heldin hervorgeht, beweist schon eine höhere Souveränität.

«Zehn Tage im Irrenhaus», so der deutsche Titel, offenbart, gut hundert Jahre vor Günter Wallraff, das Fräuleinwunder des investigativen Journalismus: Nellie Bly schreibt scheinbar unschuldig und absolut unverblümt. Eine Strategie, die auch heute noch ihre Wirkung hat: Das liest sich charmant, ehrlich, echt und unmittelbar. Und darüber, wie die 23-Jährige unter den 1600 Insassinnen von Blackwell’s Island ein paar berührende Einzelschicksale zu finden und mit wenigen Sätzen zu skizzieren wusste, kann man auch heute nur staunen.

Das Selbstbewusstsein des wundervollen Fräulein Bly steigt ins Unermessliche. Als nächsten Coup überführt sie 1888 mehrere Mitglieder des New Yorker Parlaments der Korruption. Und 1889, mit 25, verwirklicht sie endlich ihren grössten Traum: Sie reist auf einem Ozeandampfer um die ganze Welt. Die «New York World» schreibt einen Wettbewerb aus, in dem die Leser etappenweise ihre Reisezeit erraten können. Eine Million Menschen beteiligt sich daran. Nach 72 Tagen kehrt sie heim, es ist ein Triumph. Übertroffen wird er nur noch von ihrem furchtlosen Einsatz als Undercover-Prostituierte auf dem Strich im Central Park und als Elefantendompteurin und schliesslich von ihrer Heirat mit einem alten Millionär, der bald stirbt. Da ist sie nicht nur richtig berühmt, sondern auch richtig reich.

Respektable Helden

Die Marke Nellie Bly wird so mächtig, dass ihr Chef eine Konkurrentin konstruiert, die aus einem ganzen Heer von Stunt Girls besteht: Unter dem Pseudonym Meg Merrilies schreiben mehrere junge Frauen um das journalistische Erbe der Nellie Bly.

Nellie Bly ist Teil der grossen amerikanischen Mediengeschichte, die die rauchverhangene und whiskyschwangere Romantik des Gewerbes, wie sie so schön in alten Hollywoodfilmen zu sehen ist, irgendwie ins Heute zu retten vermochte. Wenigstens als Aura. Wie sonst ist es zu erklären, dass – laut einer Umfrage der aktuellen Nummer der Zeitschrift «Vanity Fair» – weit mehr Menschen einem Journalisten als einem Politiker vertrauen würden?

Aber die Mediengeschichte hat ja auch nirgendwo so respektable Helden geboren wie in Amerika: Eine Nellie Bly, aber auch einen Benjamin Bache, seinerseits ein Enkel des amerikanischen Gründervaters Benjamin Franklin, der 1795 ganz unerschrocken aufdeckte, dass sich der damalige Präsident George Washington an öffentlichen Geldern bereicherte. Oder eine Ida Tarbell, die 1904 mit ihrer «History of Standard Oil» die monopolistischen Machenschaften eines John D. Rockefeller aufdeckte. Und selbstverständlich auch Bob Woodward und Carl Bernstein, die 1972 mit ihrer Berichterstattung in der «Washington Post» im Zuge der Watergate-Affäre zum Sturz von Präsident Nixon beitrugen. Die beiden gewannen dafür den Pulitzerpreis, den Nellie Blys Verleger Joseph Pulitzer 1917 erstmals verliehen hatte.

Am Ende ist sie atemlos

Nellie Bly befindet sich 1917 übrigens gerade an der österreichischen Ostfront und arbeitet als Kriegsberichterstatterin. Zurück in New York, lebt sie in einem Hotel, schreibt Kolumnen und kümmert sich um Waisenmädchen. Am 27. Januar 1922 stirbt sie, atemlos von ihrem wilden Leben, an einer Lungenentzündung. New York widmet ihr den «Nellie Bly Amusement Park» in Brooklyn, und am 4. Februar 1946 berichtet das «Time Magazine» über die Broadway-Premiere des Musicals «Nellie Bly». Es sei von einer «trostlosen Kälte», heisst es da. Und weniger gerecht hätte man der Frau mit dem chronischen Lächeln und der unerschrockenen Neugier nun wirklich nicht werden können. (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 01.11.2011, 09:05 Uhr

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4 Kommentare

Alex Hanselmann

01.11.2011, 12:29 Uhr
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Interessant Geschichte mit irrigem Titel: Psychopathen, Menschen mit einer krankhaften Respektlosigkeit, sind eher im Geschäftsleben (erfolgreich) als in einer psychiatrischen Klinik. Übrigens hatte die Schweiz mit Friedrich Glauser auch einen solchen Autor. Er verfasste allerbeste, deutschsprachige Krimis und schildert darin ähnliche soziale Misststände wie bei Nellie Bly, nur eben 1935 und hier. Antworten



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