Die Verklärung der Musik
Von Martin Amrein. Aktualisiert am 01.11.2010 3 Kommentare
Buch
Philip Ball: Music Instinct. Bodley Head, 2010. 464 Seiten, 46 Franken.
Kinder tanzen von Natur aus
Kinder bewegen sich aktiv und spontan zu Musik. Forscher aus Finnland und England konnten zeigen, dass Babys ihre Bewegungen mit Feingefühl auf den Rhythmus von Musik abstimmen, und zwar schon lange bevor sie zu sprechen beginnen. Es zeigte sich, dass Babys besonders auf Rhythmus und Tempo der Musik ansprechen, weniger wichtig war die Melodie, am geringsten war die Reaktion auf Sprache. Der aus der Schweiz stammende Studienleiter Marcel Zentner sieht in den Ergebnissen den Nachweis dafür, dass das Rhythmusgefühl angeboren ist. Das zeige sich auch darin, dass alle Babys ähnlich reagierten. Die Einstellung der Eltern zu Tanz und Musik hatte keinen Einfluss. Erwiesen scheint aber auch, dass die anfängliche Unbefangenheit im Laufe der Kindheit verlorengehen kann, unter anderem wegen Schamgefühlen.
«Wer ist der Lieblingskomponist Ihres Babys: Mozart, Beethoven oder Bach?» Mit britischem Humor macht sich der Wissenschaftspublizist Philip Ball über den sogenannten Mozart-Effekt lustig; jenen Glauben, dass das Hören sorgfältig ausgewählter klassischer Musik aus kleinen Kindern grosse Genies macht. «The Music Instinct» heisst das neue Buch des Physikers und langjährigen Redaktors der Fachzeitschrift «Nature». Ball geht darin den Fragen nach, wie Musik funktioniert und weshalb wir nicht ohne sie sein können.
Mozart ist gleich Blur
«Es gibt gar keine Hinweise, dass der Mozart-Effekt überhaupt existiert», schreibt Ball. Der Ursprung des Mythos liegt in den USA. Neurobiologen der Universität von Kalifornien in Irvine führten 1993 ein Experiment mit Studenten durch. Wenn diese zehn Minuten einer Klaviersonate von Mozart gelauscht hatten, schnitten sie bei einem Intelligenztest besser ab, als wenn sie vor dem Test in der Stille gesessen waren. Der Effekt war aber sehr limitiert, er dauerte nur einige Minuten und trat nur bei einem von drei Intelligenztests auf. Und: Die Forscher verglichen den Einfluss der Mozart-Sonate nicht mit dem anderer Musik.
Britische Wissenschaftler wiederholten das Experiment drei Jahre später mit Schulkindern. Diesen spielten sie nicht nur Mozart ab, sondern auch den Song «Country House» der englischen Popband Blur. Dabei stellte sich heraus, dass auch die Popmusik das Abschneiden der Kinder bei einem der Intelligenztests positiv beeinflusste. Mit anderen Worten: Der Mozart-Effekt ist auch der Blur-Effekt.
Was die Leistung der Kinder steigerte, war nicht die Musik an sich, sondern dass diese sie in gute Stimmung versetzte. Denselben Effekt erzielte in einer anderen Studie auch das Vorlesen einer Geschichte. «Mozart besitzt keine geheimnisvolle Kraft, die Kinder schlauer macht», bilanziert Ball. Ihn ärgert der Wirbel um den Mozart-Effekt, da er zu sagen scheint: Es lohnt sich nur, Musik zu hören, wenn das die Intelligenz messbar steigert.
«Dabei ist der Umgang mit Musik – auch wenn er sich nur auf das Zuhören beschränkt – ganz einfach eine bereichernde Erfahrung», sagt Ball. «Der Zugang zur Musik sollte für jedes Kind so selbstverständlich sein wie das Erlernen von Lesen und Schreiben.» Laut Ball sind die meisten Menschen alles andere als unmusikalisch. Nur 4 Prozent haben überhaupt kein Musikgehör und sind damit nicht imstande, verschiedene Töne voneinander zu unterscheiden.
Fitness fürs Gehirn
Beim Hören eines Liedes vollbringt das menschliche Gehirn Höchstleistungen: Es sucht nach rhythmischen Mustern, sagt voraus, wohin die Melodie gehen könnte, und analysiert die Klangfarbe des Gesangs – alles zur selben Zeit. «Fitness für den Verstand», wie Ball schreibt. Unser Gehirn könne all das, weil Musik ein wesentlicher Bestandteil der menschlichen Existenz sei: «Es gibt Völker ohne Schrift oder bildende Kunst, aber keines ohne eine Form von Musik.» Schon unsere Vorfahren widmeten sich der Musik: Das älteste Instrument, das je gefunden wurde – eine aus Vogelknochen geschnitzte Flöte –, ist 40'000 Jahre alt.
Doch warum Musik? Ball liefert keine abschliessende Antwort, dafür mehrere Erklärungsansätze von Naturwissenschaftlern, Philosophen, Musiktheoretikern und selbst Musikern. Musik könnte ähnlich wie Balzrufe oder -tänze bei Tieren ein Element der Partnerwahl gewesen sein. Oder sie half dabei, die sozialen Bindungen einer Gruppe zu stärken. Vielleicht waren Musik und Sprache einst zu einer einzigen Kommunikationsform vermischt, und möglicherweise ist die Musikalität eines Erwachsenen nichts anderes als die Weiterführung des Singsangs, mit dem Mütter ihre Kleinkinder beruhigen.
Irritierende Akkorde
Konkreter wird Ball, wenn er erklärt, wie wir Musik wahrnehmen. Im Buch belegt er, dass unsere Konzepte von musikalischer Schönheit und Harmonie nicht in der Natur der Musik liegen, sondern kulturelle Konventionen sind. Weiter schildert er, was im menschlichen Gehör und schliesslich im Gehirn beim Musikhören geschieht. Etwa, dass dort beim Vernehmen von Rhythmen dieselben Areale angeregt werden, die auch für die Motorik zuständig sind. Was auch erklärt, weshalb es schwierig ist, bei den Klängen von James Brown ruhig sitzen zu bleiben.
Und Ball nennt ein anderes interessantes Phänomen: Das menschliche Gehirn reagiert mit demselben Signal der Irritation, wenn es einem Satz begegnet, dessen Aufbau keinen Sinn ergibt, wie wenn es mit Musik konfrontiert wird, deren Akkorde nicht zusammenpassen. Unser Kopf scheint für Sprache und Musik dieselben Werkzeuge zu gebrauchen.
«Musik war immer ein wichtiger Bestandteil meines Lebens», sagt Ball, selber leidenschaftlicher Klavierspieler. Mit «Music Instinct» hat er nun schon 14 populärwissenschaftliche Bücher veröffentlicht. «Diesmal bereitete mir das Schreiben besondere Freude, da ich viel Neues dazulernte», berichtet er. Sein aktuelles Werk reicht diese Freude weiter: «Music Instinct» zeigt, dass unser Verstand die Fähigkeit zur Musikalität besitzt und sie benutzt, ob wir wollen oder nicht. Wir müssen uns dessen nur mehr bewusst werden. (Berner Zeitung)
Erstellt: 01.11.2010, 16:51 Uhr
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3 Kommentare
Die Entzauberung des vermeintlichen Mozart-Effekts ist ein alter Hut! Nur wer den eigentlichen Wert von Musik nicht erkennt, kann darüber enttäuscht sein. Allerdings ist wohl z.B. beim Hören einer Brahms-Sinfonie eine grössere intellektuelle Leistung des Gehirns gefordert, als wenn man sich einen 0815 Chart-Hit reinzieht, wobei die dahinter stehenden Absichten natürlich sehr verschieden sind. Antworten
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