Kultur

Die Utopie hinter Monopoly

Von Ulrike Hark. Aktualisiert am 01.12.2011 3 Kommentare

Der Historiker und ETH-Professor Andreas Tönnesmann sagt, dem erfolgreichsten Gesellschaftsspiel aller Zeiten liege in Tat und Wahrheit eine Idee aus der Renaissance zugrunde.

Struktur ergibt sich logisch aus dem Spielfluss: Brettspiel Monopoly.

Struktur ergibt sich logisch aus dem Spielfluss: Brettspiel Monopoly.
Bild: Keystone

Komplizierte Theorien anschaulich machen: Professor Tönnesmann. (Bild: Mas-applied-history.uzh.c)

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Andreas Tönnesmann ist schon selber eine Überraschung. Da betritt ein überaus gut gelaunter Professor für Kunstund Architekturgeschichte das Café im Haus Metropol an der Zürcher Börsenstrasse, eine Adresse, die zum kapitalvermehrenden Charakter unseres Gesprächsgegenstandes passt, und wird in den nächsten 60 Minuten von etwas so Alltäglichem wie dem Monopoly-Spiel schwärmen. «Das ist jetzt aber so richtig anheimelnd hier», meint er, als er seinen braunen Tweedmantel sorgfältig auf den Stuhl legt, so, als wolle er gleich eine lauschige Adventsgeschichte auspacken. Tönnesmann ist ein gebürtiger Rheinländer, muss man dazu wissen. Und das sind gemeinhin Leute, die gerne Geschichten erzählen und andere damit nicht langweilen.

Eigentlich ist der 58-jährige Professor permanent auf der Suche nach Alltagsbeispielen, um seinen Studenten an der ETH komplizierte Theorien anschaulich zu machen: «Wir ahnen ja gar nicht, welche Traditionstiefe in vielen Dingen unseres Alltags steckt», sagt er. Und Monopoly sei so ein Ding. Tönnesmann ist ein origineller Denker und stellt in seinem Buch Bezüge her, die all jene verblüffen, die bisher gedacht hatten, dass das Spiel eine auf ein quadratisches Brett reduzierte Form der Sehnsucht nach Kapitalvermehrung sei.

Die «gute» Bank

Zumal die Bank bei Monopoly keine Gewinnabsichten verfolgt und nicht das raffgierige Unternehmen ist, als das sie uns heute vorkommt. «Sie ist quasi der Staat, der in Gestalt von Regeln beschränkend eingreift», sagt Tönnesmann. Monopoly ist für ihn denn auch in vielen Belangen ebenso Reflexion über den Kapitalismus wie Dokument marktwirtschaftlicher Vorstellungen. Die «gute Bank» sei vor dem Hintergrund der Weltwirtschaftskrise der Dreissigerjahre zu sehen, jener «Great Depression», in der viele in den USA fast alles verloren und ihr Präsident Roosevelt Reformen versprach. Genau in jener Zeit, im Jahr 1935, liess der Heizungsinstallateur Charles Darrow aus Germantown in Pennsylvania das Spiel patentieren, trat damit eine gigantische Erfolgsgeschichte los und bespielte gewissermassen Wünsche und Träume nach einem besseren Leben. Darrow, der wie so viele andere keine Arbeit mehr hatte, musste später nicht mehr arbeiten, dank Monopoly wurde er ein reicher Mann. Klug, wie er war, hatte er mit der Herstellerfirma nicht einen festen Betrag, sondern Tantiemen ausgehandelt.

Doch Tönnesmann gibt sich nicht mit der Entstehungsgeschichte des Spiels zufrieden. Für ihn ist der stark vereinfachte Stadtplan, der alles aufweist, was eine Stadt haben muss, Ausdruck einer urbanen architektonischen Utopie. Und es erstaunt nicht, wenn der Professor, der ein ausgewiesener Kenner der Renaissance ist, für seine Recherchen gerade in diese Zeit hinabgestiegen ist und sogar in der Antike Vorbilder gesucht und gefunden hat. Obwohl es schon etwas Fantasie braucht, um in Monopoly Vitruvs antike Idealstadt, Albrecht Dürers Stadtgrundrisse oder Frank Lloyd Wrights «Broadacre City» zu erkennen.

«Lieber mal übers Ziel hinausschiessen»

Die ringförmige Anordnung der Gebäude und die kurzen Wege sind zwar Prinzipien rationaler Stadtplanung, doch bei Monopoly ergibt sich diese Struktur ganz logisch aus dem Spielfluss. Und wenn Tönnesmann in den Maximalmieten die Illustration eines entfesselten Kapitalismus sieht, die im Spiel bekanntlich höher sind als die Kaufpreise der Grundstücke, darf man ihm entgegenhalten, dass das Spiel ja Dynamik bekommen müsse, wenn es irgendwann fertig sein solle.

Solche Einwände nimmt Tönnesmann gelassen. Ja, er freut sich geradezu darüber, denn so fühlt er sich in seinen Gedanken und Ausführungen ernst genommen. «Lieber mal etwas übers Ziel hinausschiessen als nichts andenken und anstossen», sagt er. Rheinländer sind eben vollmundig und haben zu kleinen Übertreibungen ein durchaus kollegiales Verhältnis. Im Fall von Tönnesmann kommt noch Geduld mit sich selber hinzu, denn es ging acht Jahre, bis er sich tatsächlich hinsetzte und das Buch dann in vier Monaten herunterschrieb. Es beginnt sehr persönlich, mit Erinnerungen an graue Nachmittage in Bonn, seiner Heimatstadt. Da war Monopoly ein Lichtblick, obwohl Tönnesmann am Schluss immer verlor. Vier Wörter sind ihm heute, nach 50 Jahren, immer noch im Ohr: «Rücke vor zur Schlossallee». Kein freundliches «bitte» habe die vernichtende Botschaft gemildert, kein höfliches «Sie» habe angezeigt, dass ihm Respekt auch im Angesicht der Niederlage gebührt hätte. Nein: «Ein schlichter Imperativ vernichtet meine Existenz!» Wieder ein Spiel verloren, aber der nächste graue Nachmittag kam mit Sicherheit.

Wer sich im hiesigen Nebelgrau in sein Buch vertieft, wird nicht nur von einer anschaulichen, erfrischend unprofessoralen Sprache überrascht. Tönnesmann erzählt die Geschichte des Spiels mit ihren kulturhistorischen Bezügen, skurrilen Hakenschlägen und Anekdoten so packend, dass man darüber glatt die Zeit vergisst, der Tag vergeht und irgendwann Johnny Walker kommt.

Die Quäkerin und der Gauner

Das Whiskyglas stand vermutlich auch damals auf den Salontischen, als Anfang des 20. Jahrhunderts die besseren Kreise an der US-Ostküste Wirtschaftsspiele wie «The Landlord’s Game» spielten. Es kann als Ur-Monopoly gelten und wurde ausgerechnet von einer Quäkerin, der Stenografin Elizabeth Magie aus Chicago, erfunden. Bis in die 1930er-Jahre kursierten davon viele handgefertigte Kopien und Varianten wie «Atlantic City Board», und die Upperclass hatte viel Spass, feine Adressen an guten Lagen auch auf dem Spielfeld zu kaufen.

Inzwischen ist erwiesen, dass der gewiefte Heizungsinstallateur Charles Darrow sich bei diesen Vorlagen grosszügig bediente und sein wesentliches Verdienst darin besteht, dass er die Regeln der kauzigen Vorgänger vereinfachte, das Spiel bis zur Serienreife perfektionierte und ihm einen eingängigen Namen gab. Und das ist nicht gerade wenig, findet Andreas Tönnesmann. Und heute? Auch Spielmuffel können nicht übersehen, dass die scheinbar unerschöpflichen Möglichkeiten zur Geldvermehrung Kinder wie Erwachsene seit Generationen faszinieren. Mehr als 200 Millionen Mal wurde Monopoly seit seiner Patentierung vor 76 Jahren verkauft. 43 Länderversionen sind im Umlauf. Es wurde heimlich im KZ auf einem bekritzelten Wachstuch gespielt und in den Ostblock geschmuggelt, wo es lange verboten war. Und es hat etliche satirische Varianten provoziert wie das «Anti-Monopoly» (1973) von Ralph Anspach, einem amerikanischen Wirtschaftswissenschafter.

Dass sich die Regeln des Kapitalismus, die quasi im Kinderzimmer erlernt werden, heute so entfesselt darstellen, darf man wohl nicht dem Spiel anlasten. Doch es sei aktueller denn je, findet Tönnesmann: «Ich hätte nie gedacht, dass Immobilien wieder so wichtig werden könnten. In den 80er-Jahren traute man ja vor allem den Aktienkursen.» Insofern hat sich Monopoly wieder clever in die Gegenwart gespielt. (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 01.12.2011, 08:21 Uhr

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3 Kommentare

Thomas Wirt

01.12.2011, 10:59 Uhr
Melden 8 Empfehlung

Professor Tönnesmann ist ein herausragender Dozent mit unglaublichem Wissen. Viele Kollegen, wie beispielweise der gefeierte Philipp Ursprung kommen da um Welten nicht heran. Letzterer langweilt vor allem mit seinen Wirren Erzählungen und Theorien.
Allerdings hat Herr Tönnesmann einen Artikel mit so launigen Rheinländer-Gags nicht verdient.
Antworten


Andreas Rüfenacht

01.12.2011, 09:01 Uhr
Melden 2 Empfehlung

Vielleicht liegt die Entfesselung des Kapitalismus doch in den Kinderzimmern. Wenigstens ich verlor immer wieder gegen meine beiden Spiel-Konkurrenten, weil diese sich zusammengetan hatten, sich gegenseitig gute Hotelpreise zuschanzten, Verpfändungen optimierten und die Bank gegen mich einsetzten. Ich beschäftige mich heute daher auch mit Kunst und Kultur und nicht mit Geld und Banken... Antworten



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