Kultur

«Die Schweizer sind schnell beleidigt»

Interview: Rico Bandle. Aktualisiert am 13.12.2010 5 Kommentare

Alfredo Lardelli will von Roger Schawinski eine Million Franken, weil dieser ihn «Verkehrsrowdy» nannte. Auch sonst wimmelt es heute von Leuten, die sich in «ihren Gefühlen verletzt» fühlen. Weshalb?

Hans Raeth, studierter Psychologe, lebt als Schriftsteller und Drehbuchautor in Berlin. Sein Buch «‹Sie Affe!› ‹Du Schwein!›: Die Kunst der Beleidigung» ist unter dem Autorennahmen Hans G. Raeth als Taschenbuch im Heyne Verlag erschienen.

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Herr Raeth, Sie haben das Buch «Die Kunst der Beleidigung» geschrieben. Weshalb fühlen sich so viele Leute wegen vermeintlichen Lappalien gleich beleidigt?
Das Naturell einzelner Menschen und Völker ist sehr unterschiedlich. Da die Schweizer ein höfliches Volk sind, sind die Leute da wohl schneller beleidigt als andere Menschen, weil sie den schroffen Umgangston nicht gewohnt sind. Ein anderer Grund kann sein: Strategie. Sich beleidigt zu fühlen, oder öffentlich beleidigt zu sein, kann einen anderen beispielsweise politisch ins Abseits stellen.

Gibt es auch einen biologischen Grund, dass man sich beleidigt fühlt?
Eine Beleidigung ist ein Angriff auf die Ehre. Ein Stinkefinger mag Sie persönlich vielleicht nicht treffen, sicherlich aber, wenn ich Ihnen sagen würde: «Sie sind ein mieser Journalist.» Historisch gesehen kam erst mit dem Begriff der Ehre auch die Beleidigung auf. Zunächst war durch die Sünde die Ehre Gottes in Gefahr. Später dann die Ehre der Herrschenden, etwa in Form der Majestätsbeleidigung. Noch später kamen Sub-Ehren hinzu, die beleidigt werden konnten, zum Beispiel die Offiziersehre oder die Handwerkerehre. Bis heute kann sich jeder in seinem Kontext ziemlich rasch beleidigt fühlen, insbesondere wenn es um Dinge geht, die man sehr persönlich nimmt. Ich glaube aber, dass es sich dabei um ein gesellschaftliches und nicht um ein biologisches Phänomen handelt.

Mode ist zurzeit, dass man sich «in seinen Gefühlen verletzt» fühlt. Deshalb wurde die Political Correctness erfunden. Wie konnte es so weit kommen?
Gerade wenn es um Political Correctness geht, steckt oft Strategie dahinter. Man macht darauf aufmerksam, dass man als Gruppe beleidigungsfähig ist, womit zugleich die Gruppe bekannt gemacht wird. Mit verletzten Gefühlen zu argumentieren ist also unter Werbeaspekten eine gute Idee. Man darf aber nicht vergessen: Es gibt selbstverständlich auch ernsthafte Gefühlsverletzungen, die nicht strategisch motiviert sind, gerade wenn es um Minderheiten geht. Aber weil es so schwierig ist, wahrhafte und strategische Bekundungen von Gefühlsverletzungen zu unterscheiden, ist es eine scharfe politische Waffe, wenn jemand sagt: «Ich bin in meinen Gefühlen verletzt.» Dies gilt auch im Kleinen, zum Beispiel in der Partnerschaft. Wenn die Frau behauptet, «du hast meine Gefühle verletzt», hat der Mann eine ganz schlechte Argumentationsbasis.

Sagt das etwas über eine Gesellschaft oder eine Religionsgruppe aus, wenn sich deren Angehörige schnell verletzt fühlen?
Dass die Political Correctness dermassen in Mode gekommen ist, hat mit der Globalisierung zu tun, mit der Verfügbarkeit von Bildern und dass so viele Meinungen, Ansichten, Lebensformen etc. aufeinandertreffen. Wenn man nicht mehr unter sich ist, muss man mehr aufpassen, niemandem zu nahe zu treten. Die Beleidigung ist allerdings in der globalisierten Welt leider auch ein probates Mittel, um bei Konflikten aufeinander einzudreschen.

Wenn ich jemanden beleidigen möchte, wie gehe ich am besten vor?
Jede Beleidigung fusst darauf, dass jemand die Nerven verliert. Deshalb kann man diese Frage nicht beantworten. Wenn man davor steht, jemanden zu beleidigen, sollte man aber zumindest kurz die Rechtslage zu überblicken versuchen. Was allerdings auch nicht ganz einfach ist. In Deutschland würde ein «Verkehrsrowdy» wohl höchstens eine sehr kleine Geldstrafe nach sich ziehen, aber nicht in einer Forderung von einer Million Franken gipfeln. Aber in der Schweiz ist ja auch mehr Geld vorhanden...

Verschafft jemanden zu beleidigen Befriedigung?
Ja klar. Man rastet kurz aus, danach muss man sich fürchterlich schämen, aber es ist dennoch ein Akt der Befriedigung. Es ist doch schön: Ich muss jemanden nicht schlagen, ich kann das anders machen. Folgendes Zitat von Churchill finde ich sehr zutreffend: «Lieber einander beschimpfen als einander beschiessen.» Nicht unterschätzen darf man zudem den Unterhaltungswert. An Beleidigungen hängen sogar eine Menge Jobs! Zudem muss gesagt sein: Eine Beleidigung kann einen positiven Effekt haben. Dann nämlich, wenn sie nicht nur als Waffe eingesetzt wird, um jemanden zu verletzen, sondern als eine ehrliche Äusserung und ein Mittel des unverblümten Dialogs. Eine Beleidigung kann eine Sache viel schneller auf den Punkt bringen als manch langes Gespräch.

Ist Ihr Buch auch als Plädoyer fürs Beleidigen zu verstehen?
Auf jeden Fall. Allerdings nicht wahllos. Es sollte schon irgendwie Spass machen, einen weiterbringen und nicht in einen unsinnigen Gartenzaunkrieg ausarten. Übrigens kann es auch hilfreich sein, eine Beleidigung einzustecken, selbst wenn es schmerzt. Erstens kann ein Funke Wahrheit darin stecken. Und zweitens muss man sich nicht immer selbst schonen.

Wie reagiert man am besten, wenn man beleidigt wird?
Selbstironie ist natürlich immer ganz schön. Eine Variante wäre vielleicht, wenn man zugibt, dass man viel Dreck am Stecken hat, aber nicht den, der einem vorgeworfen wird. Gut ist auch: Einfach einmal die Fresse halten und darüber nachdenken, was einem an den Kopf geworfen wurde. Man kann ja nicht immer schnell und geschickt zurückschlagen. Mark Twain hat sinngemäss einmal gesagt, Schlagfertigkeit sei das, was einem 24 Stunden später einfalle. Ich finde, da hat er recht. (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 13.12.2010, 10:56 Uhr

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5 Kommentare

ueli räz

13.12.2010, 11:51 Uhr
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Sachlich gesehen ist das Wort Beleidigung unendlich dehnbar und komplex. Beleidigungen können bei gewissen zarten Naturen auch hochgradige Paranoia auslösen. Eigentlich sind in der Schweiz Beleidigungen eher harmlos und selten... ist ja enorm schlecht für's dicke Business und die fetten Gewinne. Zu Recht ausgeteilt sind und bleiben aber Beleidigungen immer ein Risiko, auch ohne teure Anwälte Antworten


Hans Breitenmoser

13.12.2010, 11:19 Uhr
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"Einfach einmal die Fresse halten und darüber nachdenken, was einem an den Kopf geworfen wurde." Dieser Satz ist leider den meisten Politikern unbekannt bzw. sie verstehen ihn nicht. Jeweils sehr schön zu beobachten in der Arena auf SF. Antworten



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