Kultur

Die Garantie für einen guten Abend

Von Simone Meier. Aktualisiert am 24.08.2010 3 Kommentare

Was fasziniert die Menschen an Massenunterhaltern wie der Blue Man Group oder dem Cirque du Soleil?

Verblüffung, Erstaunen, leichtes Amüsement»: Die drei stummen Bühnenfiguren der Blue Man Group in Aktion.

Verblüffung, Erstaunen, leichtes Amüsement»: Die drei stummen Bühnenfiguren der Blue Man Group in Aktion.
Bild: BB Promotion

Shows

Yamato Drummers of Japan: 24. bis 29.8., Theater 11, Oerlikon.Cirque du Soleil mit «Varekai»: 17. 9. bis 24. 10., Grand Chapiteau, Zürich.Michael Flatley mit «Lord of the Dance»: 22. 11., Hallenstadion Zürich.
Buch zum Thema:
Siegfried Kracauer: Das Ornament der Masse. Essays. Suhrkamp, Frankfurt am Main. 352 S., ca. 20 Fr.

Als die drei blauen Glatzen im vergangenen Winter im Theater 11 in Oerlikon gastierten, da waren sich nach der Premiere Pepe Lienhard und mehrere Ex-Mister-Schweiz einig, dass das «no schwierig zum Erkläre» sei, dass man das eben «gseh ha muess». «Isch e guete Abig gsi», fasste Pepe Lienhard das Erlebnis Blue Man Group höchst eloquent zusammen. Bis in den Mai hinein strömten Zehntausende hin und sagten sich danach wohl auch: «Isch e guete Abig gsi.» Und nicht viel mehr.

Aber was soll man auch sagen über einen «Abig», an dem es nichts herumzudeuten gibt. An dem ist, was ist. Drei Männer in blauen Latexmasken, die stumm auf allen möglichen Sachen herumprügeln oder Farbe verspritzen. Ihre Gesichter bewegen sie kaum, da ist nichts zu sehen als ab und zu ein bübisches Staunen und Triumphieren ob der eigenen Fähigkeiten. Die Schlichtheit ihrer Mimik entspricht der Einfachheit der Gefühle, die man angesichts ihrer Show entwickelt: Verblüffung, Erstaunen, leichtes Amüsement. Manche nennen das auch: Entspannung.

Von der Fabrik zur Show

Seit 1987 gibt es die Blue Man Group aus New York, sie setzt sich immer wieder aus anderen Performern zusammen, ungern aber arbeitet sie mit Leuten, die in einer Gewerkschaft sind. Das führte schon einmal dazu, dass sie bei einem Gastspiel in Kanada von allen Lehrern und Schulklassen boykottiert wurde, worauf die Presse über ihr nahendes Ende spekulierte. Die Blue Man Group gehört zu einem eiskalt kalkulierten kapitalistischen Unterhaltungssystem, fabriziert aus Versatzstücken einer blau maskierten, global wiedererkennbaren Industrie-Ästhetik.

Der kluge Frankfurter Soziologe und Journalist Siegfried Kracauer (1889–1966) hätte an ihnen seine Freude gehabt. Er war sich sicher, dass Massenunterhaltung dann am besten funktioniert, wenn sie auf die Arbeitsbedingungen der Massen eingeht. Wenn sie quasi das Fliessband und das Grossraumbüro – im Fall der Blue Man Group kann man auch sagen: das kaputte Siphonrohr – auf die Bühne bringt und die Darsteller selbst aufgehen in einem «Ornament der Masse» (so der Titel seines wichtigsten Essays). Das Beispiel von Showtänzerinnen war ihm dabei das liebste; hübsche Frauen, deren synchron gestreckte Beine in einem Muster aufgehen. Gleichgeschaltete Leiber, die nur noch schöne Zeichen sind für eine abstrakte Art von Natürlichkeit. So, wie auch das Fliessband dem Menschen zur neuen Natur geworden war.

Er sah daran nichts Verurteilenswertes, im Gegenteil, er hielt diese Art der Unterhaltung für die arbeitende Klasse für absolut «legitim». So wie er ihr auch zugestand, sich an «Erfolgsbüchern» zu ergötzen: «Das Gefühl ist alles, wenn alles andere fehlt», schrieb er, und man könnte diesen Satz heute auch bestens auf das unersättliche schweizerische Bedürfnis nach Mundartmusicals anwenden. Da, wo Geschichten aus dem überquellenden Chuchichäschtli der tradierten Schweizer Volksrührung erzählt werden, wo die Herzmelodien klingen und die Kassen klingeln.

Mythos und Militärdrill

Kracauer hielt die Analyse von «unscheinbaren Oberflächenäusserungen» für wichtiger als die Selbstgefälligkeit des Bildungsbürgertums. Und wenn er «Künstler» sagte, so dachte er an «the artist», jenen englischen Begriff, der den Artisten und den kritischen Kulturschaffenden in sich vereint und in dem sich Hoch- und Unterhaltungskultur nicht ausschliessen. Er hatte damit ein prophetisches Gespür dafür, was in der Zukunft massgeblich sein sollte: Heute, im Zeitalter der Massenmedien und der Globalisierung, die doch die grösste Massenbewegung aller Zeiten ist, wäre er gewiss ein begeisterter Zeitgenosse.

Wahrscheinlich wäre er, der Massenromantiker, der vor Hitler nach Amerika floh, allerdings nicht davon begeistert gewesen, dass sich im Kern der wortlosen Unterhaltung für die Massen von heute strengster Militärdrill befindet, verpackt im Gewand uralter Märchen und Mythen. Etwa in der heroisch zurechtstilisierten Saga der Yamato Drummers of Japan (seit 1993), die – wenn sie nicht touren – in einem abgelegenen, klosterähnlichen Lager leben, wo sie jeden Morgen zuerst zehn Kilometer laufen, um dann statt Hanteln zehn Kilogramm schwere Trommeln zu stemmen, die früher einmal in Kriegen verwendet wurden, um Ortsgrenzen zu markieren. Hartes Handwerk, Heldentum und Tradition verschmelzen hier zu einer Marke. Es kommt einem vor wie die aktuelle Schweizer Faszination fürs Schwingen.

Mythen und Klischees

Mythos und Militärdrill finden sich auch in den ungerührt vor sich hin lächelnden und steppenden Fräuleins aus Michael Flatleys irischen Tanzshows «Riverdance» oder «Lord of the Dance» (seit 1994). Gemeinsam mit ein paar schneidigen Herren klappern sich diese Tillergirls von heute durch die bekanntesten Stichworte aus keltischen Mythen und durch die liebsten Irland-Klischees von Pauschaltouristen.

Wahrscheinlich hätte Siegfried Kracauer sein Herz am gründlichsten an den Cirque du Soleil verloren. «It’s all about the patterns!» – «Es dreht sich alles um die Muster!», schwärmte neulich ein Fan auf Youtube. Und die Muster, die der kanadische Überzirkus (seit 1984) mit seinen Artisten auf dem Boden und in der Luft formt, sind tatsächlich die spektakulärsten und ebenmässigsten, die es zu sehen gibt.

«Wohlgeratene Grossartigkeit»

Doch damit all die Artisten, die sich da in Geometrie finden, die sich ineinanderwinden und furchtlos aufeinander zufliegen, nicht ganz so einschüchternd daherkommen, werden sie in einen gehörigen Fantasy-Pomp gepackt. Dagegen nimmt sich die Tourismuswerbung der irischen Tänzer und japanischen Trommler aus wie reinste Bauhaus-Architektur im Vergleich zu Versailles. Im 2002 geschaffenen Cirque-Programm «Varekai» etwa geht es um Ikarus, der im Dschungel zwischenlandet, und andere wackere Fortschreibungen griechischer Sagen. Begleitet werden sie von liturgisch anmutenden Kitschgesängen, die Kostüme schwanken zwischen antiken Fabelwesen und den Teletubbies. Die anstrengendsten Akrobatiknummern der Welt werden verniedlicht, Gefühl kommt automatisch auf.

Rund 3800 Menschen beschäftigt der Cirque du Soleil weltweit, 1000 davon sind Artisten, 21 Shows hat er im Angebot, er ist eines der grössten Unterhaltungsunternehmen der Welt und muss den Geschmack des Publikums um jeden Preis treffen. Seine kindliche Feenästhetik ist alles andere als unschuldig. Sie ist, um es mit Kracauer zu sagen, «eine hochgezüchtete, kunstgewerbliche Phantasie» von «wohlgeratener Grossartigkeit», ein «Gesamtkunstwerk der Effekte», das mit seinen Aktionen, Klängen und Kostümen alle Sinne des Publikums anspringt und den Verstand in purem Erstaunen ruhen lässt. Es ist die Kultur der Zerstreuung. Oder halt etwas schlichter: «Isch e guete Abig gsi.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 23.08.2010, 19:47 Uhr

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3 Kommentare

Reto Kohler

24.08.2010, 09:51 Uhr
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Sofern man die letzten zehn Jahre nicht hinter dem Mond gelebt hat und vielleicht ab und an eine Party besucht hat, hat alles isoliert schon besser gesehen. Man wird bei der Blue Man Group den Eindruck nicht los, dass sie realisieren mussten, nichts ausserordentlich gut, sondern alles ein bisschen zu können: So ist dann diese Potpourri-Show entstanden, welche die anspruchslosen Massen begeistert. Antworten


Thomas Läubli

24.08.2010, 16:34 Uhr
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Warum muss man hier Unterhaltung zu Tode theoretisieren? Das wirkt leider reichlich bemüht. Unterhaltung ist Unterhaltung und will nichts weiter sein. Ein Artikel über Philosophie, Kunst oder Wissenschaft wäre der Veröffentlichung hundertmal vorzuziehen und würde dem Leser auch einen geistigen Mehrwert geben. Antworten



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