Kultur

«Die Ausschaffungsinitiative wird versinken in einem Meer von Ablehnung!»

Von Rico Bandle. Aktualisiert am 15.11.2010 175 Kommentare

Schweizer Schriftsteller, darunter Grössen wie Franz Hohler, Melinda Nadj Abonji oder Peter Stamm, machten sich gestern gegenseitig Mut für die kommende Abstimmung. Und wirkten dabei etwas hilflos.

Starkes Engagement gegen Initiative und Gegenvorschlag: Franz Hohler.

Starkes Engagement gegen Initiative und Gegenvorschlag: Franz Hohler.

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Die Gegenseite blossstellen: Schriftsteller Peter Stamm liest aus einer Rede von SVP-Nationalrat Oskar Freysinger (Zwischenbemerkungen von Ruth Schweikert).

Politik als Performance: Melinda Nadj Abonji und ihr Bühnenpartner Jurczok 1001.

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Wie kämpft man für etwas, wenn man glaubt, bereits verloren zu haben? Man flüchtet sich in die Ironie, frönt dem Galgenhumor, in diesem Fall: dem Ausschaffungshumor. So geschehen am Sonntagabend, als die Gruppe Kunst + Politik ins Zürcher Theater Neumarkt lud, um sich gegenseitig in seiner Abscheu gegenüber der Ausschaffungsinitiative zu bestätigen. Ein SVP-Buurezmorge mit umgekehrten Vorzeichen, mit Gratissuppe anstatt Gratiszopf, mit Bichsel anstatt Blocher, im schicken Theater anstatt im Landgasthof. Auf der Bühne versammelte sich ein beeindruckendes Aufgebot an einheimischen Schriftstellern: Melinda Nadj Abonji, Franz Hohler, Tim Krohn, Dorothee Elmiger, Peter Stamm und als stummer Zuschauer im Publikum Peter Bichsel.

Die Vertreter der intellektuellen Schweiz hackten auf der Bühne Gemüse, das später zu Suppe verarbeitet wurde. Dazu gab es Darbietungen, in denen unter anderem Statements der Initiativ-Befürworter vorgelesen wurden, was nicht selten für Heiterkeit an diesem sonst eher bedrückenden bunten Abend sorgte. Ruth Schweikert führte als aufgekratztes Hausmütterchen durch das Programm, redete fast unentwegt. Der Autor Simon Froehling mimte Roger Federer («immerhin habe ich nur gegen einen EU-Ausländer verloren, das ist nicht so schlimm»), der Theatermann Tim Zulauf liess die Zuschauer mit kopierten Original-Stimmzetteln über die Initiative abstimmen (das Publikum stimmte – oh Wunder – klar zweimal Nein). Und da war noch eine Gruppe von Asylbewerbern, die in einem vielbeklatschten kurzen Theaterstück aufzeigten, wie unmenschlich die Schweiz mit Flüchtlingen umgeht.

Keine Lust an der Debatte

Im Abstimmungskampf zur Minarettinitiative hielten sich die Schweizer Kulturschaffenden noch weitgehend im Hintergrund. Jetzt, bei der Ausschaffungsinitiative zeigen sie ein Engagement wie schon lange nicht mehr. Man wolle sich im Nachhinein nicht mehr vorwerfen lassen müssen, man habe nichts getan, so der Tenor. Und man hat erkannt, dass wenn die politische Stimmung nach rechts bewegt, sich für eine Gegenöffentlichkeit vonseiten der Kulturschaffenden neue Perspektiven eröffnen.

120 Kulturschaffende haben auf der Internet-Plattform der Gruppe Kunst + Politik einen kurzen Text zur Ausschaffungsinitiative geschrieben. Liest man die Texte durch, so könnte man meinen, alle Kulturschaffenden in der Schweiz seien gleicher Meinung. Aber ist das tatsächlich so? Gemäss Guy Krneta, einem der Initianten von Kultur + Politik, wurde explizit dazu aufgerufen, Beiträge gegen die Initiative einzureichen. Zwei Befürworter des Gegenvorschlags haben ihren Text nach anfänglicher Zusage wieder zurückgezogen, sie glaubten, diese Plattform sei nicht die richtige um ihr Anliegen kundzutun.

Vergewaltigung von einem Schweizer

Tatsächlich sind jene Kulturschaffenden, die nicht klassischen linken Anliegen folgen, in der Minderheit. Aber es gibt sie, von Andreas Thiel bis Thomas Hürlimann. Kritische Zwischenfragen aus dem eigenen Lager sucht man hier vergebens, Kunst + Politik ist keine Plattform für kontroverse Auseinandersetzung. Dabei hätten viele Kulturschaffende durchaus die Gabe, ihre Argumente bei einem Disput pointiert und wirkungsvoll zu formulieren. Die Drehbuchautorin und Regisseurin Katja Früh meint zum Beispiel: «Wenn ich das nächste Mal vergewaltigt werde, bin ich froh, wenn es ein Schweizer ist.» Und der Literaturwissenschaftler Peter Utz fragt: «Muss Michael Schumacher abfahren, wenn ihm einmal die Pferde durchgehen?»

Franz Hohler machte bei seinem Auftritt den Anwesenden Mut: «Die Ausschaffungsinitiative wird versinken in einem Meer von Ablehnung!», sagte er und las seinen «Gegenvorschlag» vor, den er einige Tage zuvor bereits im «Tages-Anzeiger» veröffentlicht hatte. Für das Publikum im übervollen Theater eine Wohltat. Hoffnung, dass die Abstimmung noch zu gewinnen ist, hat aber trotzdem kaum jemand mehr. Ruth Schweikert meinte am Ende des Abends, als hätte sie schon resigniert: «Ich wünsche euch für die Abstimmung gute Nerven.» (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 15.11.2010, 13:59 Uhr

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175 Kommentare

Hans Christian Müller

17.11.2010, 17:14 Uhr
Melden 1 Empfehlung

Die Beiträge der Schweizer Intellektuellen zur Ausschaffungsinitiative bestätigen: In der Welt der Intellektuellen ist internationaler Austausch üblich, wichtig, friedlich und fast immer unproblematisch. Keine Kriminalität. Sie erleben die Multikultur"alität" anders als der Büezer, der Handwerker, der Regionalpolitiker und sie finden daher den Turmbau zu Babel nur nett und erfrischend. Antworten


josé bütler

17.11.2010, 15:29 Uhr
Melden 1 Empfehlung

vor 20 jahren hatten personen aus ex-jugoslawien ein gutes image in der schweiz. sie waren begehrte und bewährte arbeitskräfte. dann "begann" der krieg auf dem balkan. wir haben viele flüchtlinge aus dieser region aufgenommen. das image dieser leute hat in letzter zeit sehr gelitten. kann mir jemand sagen, wieso dies so ist??? Antworten



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