Kultur

Der hartnäckigste Feind Berlusconis

Von Susanne Kübler. Aktualisiert am 11.02.2010 2 Kommentare

Beppe Grillo ist Satiriker, Umweltschützer, Blogger und Berserker. Und er kämpft wie kein anderer gegen Silvio Berlusconi. Morgen tritt er in Zürich auf.

Liebt die Provokation: Beppe Grillo.

Liebt die Provokation: Beppe Grillo. (Bild: )

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Beppe Grillo tritt am Freitag, 20.30 Uhr, im Kongresshaus Zürich auf.

Der Mann ist eine Naturgewalt. Beppe Grillo, 61 Jahre alt, aus Genua, wütet auf der Bühne mit der Energie eines Spitzensportlers. Er schreit und schwitzt, flüstert und fleht, und es ist nicht nur Show, nein: Beppe Grillo ist wirklich wütend. Wütend auf die italienischen Politiker (und insbesondere auf den «Psychopädozwergen» Silvio Berlusconi), wütend auf die Industriellen, die Mafiosi, die Umweltsünder, wobei das alles oft dieselben sind. Grillo kann einen nerven oder anstecken mit seiner Wut, und sie dringt problemlos auch durch eine nicht besonders gute Handyverbindung.

Beppe Grillo, Sie sind dauernd wütend; wie gefällt Ihnen das neue Klima der Liebe, das Berlusconi derzeit predigt?
Grossartig, ich bin mit meinem ganzen Ich darin eingetaucht. Und jetzt komme ich sozusagen in evangelischer Mission in die Schweiz, um euch davon zu predigen und vielleicht auch, um ein paar Antikörper mitzubringen.

Aber der Mann ist ein Genie, oder nicht? Er war nach all den Skandalen ziemlich angeschlagen, dann wurde er von einem verwirrten Mann angegriffen, konnte sich mit blutigem Gesicht als Märtyrer profilieren – und ist wieder da.
Das hat weniger mit seiner Genialität zu tun als mit der Unfähigkeit der Italiener, sich gewisse Dinge klar zu machen. Und natürlich liegt es an den Medien, in denen es gar keine Information mehr gibt.

Informationen gibt es dafür in Ihrem Blog, der von Zehntausenden gelesen wird.
Ja. Aber gerade jetzt wird ein Gesetz diskutiert, aufgrund dessen die Agcom (Autorità per le Garanzie nelle Comunicazioni, Anm. d. Red.) ohne weiteres einen Blog oder eine Internetsite schliessen könnte. Und die Agcom ist eine politische Behörde.

Das Gesetz wäre gegen Sie gerichtet?
Ich hoffe nein, aber ich fürchte ja.

Sicher ist: Beppe Grillos Blog ist unbeliebt, bei den Rechten wie bei den Linken. Sie alle werden attackiert, in polemischem Ton, aber durchaus auch mit Argumenten. Denn Grillo weiss, wovon er redet. Sein Vater betrieb eine kleine Firma, die Schweissbrenner herstellte, und der Sohn hätte sie übernehmen sollen. So liess er sich als Buchhalter ausbilden, bevor er in Nachtklubs und später im staatlichen Fernsehen seine Karriere als Alleinunterhalter startete. Er kennt die Logik des Marktes, und er kann Bilanzen lesen – was ihm beispielsweise erlaubte, den skandalösen Absturz des italienischen Milchproduzenten Parmalat vorauszusagen. Er tat es in Stadien, im Internet und auf DVD, aber nicht in den Medien. Seit seinem spektakulären Angriff auf den damals noch mächtigen, später als korrupt verurteilten Bettino Craxi 1987 wurde Grillo von den Bildschirmen verbannt. Auch in den grossen Zeitungen kommt er schon lange nicht mehr zu Wort. Seine Gefolgschaft wächst dennoch. Es sind mittlerweile viele in Italien, die genug haben von Politikern, die vom Volk reden, aber nur an sich und ihre Seilschaften denken.

Gibt es Politiker, die Sie schätzen?
Nur Antonio Di Pietro, der sich in den Neunzigerjahren als Staatsanwalt beim Kampf gegen die Korruption einen Namen gemacht hat – und heute mit seiner Partei Italia dei valori als Einziger echte Opposition betreibt.

Di Pietro ist derzeit stark unter Beschuss: Er hat nach dem Angriff auf Berlusconi gesagt, dass dieser die aufgeheizte Atmosphäre mitzuverantworten habe.
Di Pietro ist wie das Kryptonit, vor dem alle diese Supermänner Angst haben. Die anderen Politiker fürchten ihn, weil er die Wahrheit sagt. Deshalb attackieren sie ihn nun – wegen persönlicher Dinge, wegen seines Sohnes, seiner Wohnungen . . .

Auch Sie werden immer wieder angegriffen – weil Sie als Umweltschützer eine Jacht und einen Ferrari besitzen. Oder weil Sie im Jahr 4,3 Millionen Euro verdienen.
Ich habe nichts zu verstecken! Ich bin Freiberufler und verdiene das, was ich verdiene. Ich bitte niemanden um etwas, ich beziehe keine öffentlichen Gelder. Und ich habe einen Ruf, den ich mir in vierzig Jahren erarbeitet habe. Der Ruf ist das Einzige, was zählt, wenn man im Internet überleben will. Da kommt alles heraus, was du gemacht hast. Das Netz hat eine Erinnerung – im Unterschied zum Fernsehen.

Und das Netz ist auch Ihr Einstiegstor in die Politik?
Persönlich werde ich nicht in die Politik einsteigen. Aber zusammen mit meinen Verbündeten schaue ich derzeit, dass wir uns bei den Regionalwahlen im Frühling beteiligen können. Zumindest in sieben Regionen sollten wir die dafür notwendigen Unterschriften beisammen haben. Unsere Leute würden dann nicht als Einzelne agieren, sondern sozusagen als Vertreter des Netzwerks, als Sprecher einer kollektiven Intelligenz.

Beppe Grillo selbst funktioniert ebenfalls wie ein Netzwerk, das blitzschnell alles Mögliche und manchmal auch Unmögliche verknüpft. Wenn man ihn zum Beispiel fragt, warum er den geplanten Hochgeschwindigkeitszug zwischen Turin und Lyon als Verbrechen bezeichnet, referiert er in einer knappen Minute über die schützenswerte Landschaft des Val di Susa, über den Unsinn des Güterverkehrs, über die falschen Daten, auf denen die Planung basiere, und die Vorzüge des Schweizer Zugnetzes, das auch ohne Superschnellzüge auskomme. Das ist wohl das Erfolgsrezept von Beppe Grillo: dass er einerseits eine Unmenge von Fakten im Kopf hat. Und andererseits ein paar durchaus populistische Schlagworte, die es ihm erlauben, seine Anliegen einem breiten Publikum zu vermitteln. Ich bin einer von euch, signalisiert er seinen Fans, und ich unterstütze jeden Einzelnen von euch im Kampf gegen «die da oben».

Wo sehen Sie das Hauptproblem der heutigen Politik?
Beim WEF in Davos haben jene Leute über die Zukunft der Welt diskutiert, die diese Welt ökologisch an den Abgrund gebracht haben. Jene, die die Wirtschaftskrise verursacht haben, redeten dort darüber, wie sie zu überwinden sei. Das ist doch verrückt!

Sie würden alle heimschicken?
Ja, alle. Es braucht neue Gesichter, die weder von rechts noch von links sind – informierte Bürger mit Helm.

Mit Helm?
Bürger, die für ihre Sache kämpfen können. Wir können das ja von euch lernen, in der Schweiz kommen die Referenden von der Basis her. Das ist das einzig Richtige.

Aber Sie kommen wohl nicht in die Schweiz, um uns Komplimente zu machen?
Na ja, es gibt schon das eine oder andere Thema, das man aufgreifen kann. Die erste Hälfte des Abends wird von der Schweiz handeln.

Vom Bankgeheimnis?
Das verrate ich natürlich nicht!

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.02.2010, 07:07 Uhr

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2 Kommentare

Heinz Gisler

11.02.2010, 09:53 Uhr
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Dieser Mann macht Polit-Satire und bleibt stark. Berlusconi hat sonst keinen starken politischen Kontrahenden. Etwa weil diese alle bieder und normiert auftreten. Im Netz darf man das nicht. Und in Italien wird eine Crew in der Politik auftrumpfen. VOR ALLEN mitteleuropäischen Ländern wird dort die Regierungs-Spitze wechseln. Ausser in der Schweiz. Da kommt Tito Tettamanti auf Moritz Leuenberger. Antworten


Heidy Nussbaumer

11.02.2010, 09:58 Uhr
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Die Italiener sind zum groessten Teil einer mediatischen Hirnwaesche unterzogen ,dass sich nicht einmal mehr kritische Meinungen entwickeln koennen.Ich weiss von wo ich rede,weil ich seit 33 Jahren in einem kleinen Dorf in Italien lebe und ich habe den ganzen Entwicklungsgang miterlebt. und habe keine grossen Hoffnungen dass es sich aendert in der naechsten Zeit Antworten



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