«Der Papst lebt vor, was dann die kleinen Päpstlein nachmachen»
Von Michael Meier. Aktualisiert am 10.05.2011 11 Kommentare
Artikel zum Thema
- Wem nützt die Seligsprechung von Wojtyla?
- Vatikan stellt Papst-Aussagen zu Kondomen klar
- Papst nennt Missbrauch eine «Perversion»
David Berger, 43 Der katholische Theologe und Philosoph veröffentlichte 2010 das Buch «Der heilige Schein: Als schwuler Theologe in der katholischen Kirche».
Korrektur-Hinweis
Melden Sie uns sachliche oder formale Fehler.
Der Kölner Kardinal Joachim Meisner hat Ihnen die Lehrbefugnis entzogen, weil Sie «in Lehre und Lebensführung nicht mit den moralischen Normen der Kirche übereinstimmen». Kurz: weil Sie schwul sind?
Ja, das heisst es, auch wenn er dieses Wort vermieden hat – wie der Stier, der das rote Tuch nicht sehen will. Der Kardinal beanstandet meine Lebensführung, weil ich mit meinem Partner zusammenlebe.
Was heisst das konkret? Dürfen Sie am städtischen Ville-Gymnasium nicht mehr unterrichten?
Ich habe dort in sechs Klassen Religion unterrichtet. Das hat mir der Kardinal jetzt mit sofortiger Wirkung untersagt. Er trägt den Konflikt auf dem Rücken der Kinder aus: Die stehen mitten im Schuljahr ohne Religionslehrer da. Ich kann allerdings an der Schule mein Lehrpensum mit Deutschunterricht füllen.
Ist der eigentliche Grund für die Strafe nicht Ihr Buch «Der heilige Schein. Als schwuler Theologe in der katholischen Kirche»? Sie zeigen darin, wie die Ästhetik der lateinischen Messe homoerotische Neigungen sublimieren hilft.
Ja. Dass ich diesen Zusammenhang aufzeige und die Männerliturgie der lateinischen Messe als homosexuelle Subkultur beschreibe, hat den Klerus massiv verärgert und den Kardinal bis zur Weissglut gereizt. Dass ich mit einem Mann zusammenlebe, war in der katholischen Welt längst bekannt. Der eigentliche Auslöser für die Strafe war das Buch. Der Kardinal nennt es ausdrücklich im Dekret. Damit hätte ich den Nachweis erbracht, unfähig zu sein, weiterhin katholischen Religionsunterricht zu erteilen.
Für Sie ist der «neue Haute-CoutureWind unter Papst Benedikt XVI.» auch eine ästhetische Versuchung zum Fundamentalismus.
Natürlich. Und sie geht von der Spitze aus. Der Papst lebt vor, was dann die kleinen Päpstlein wie Kardinal Meisner nachmachen. Meine Kritik an der päpstlichen Liturgie hat in der zweiten Reihe Entsetzensschreie provoziert, weil man sich dort mit getroffen gefühlt.
Ihr Buch liegt bereits in 4. Auflage vor. Nur die Kirchenoberen lesen es nicht.
Doch, ich glaube schon, dass sie das Buch lesen. Es ist mir zugetragen worden, dass es gerade von Klerikern gelesen wird, die sagen, sie würden so ein Buch nie in die Hände nehmen. Die Neugierde ist eine der grossen Tugenden des Klerus. Darum bin ich mir sicher, dass Kardinal Meisner das Buch ganz genau gelesen hat. Etwas anderes würde mich auch enttäuschen.
Die Kirchenvolksbewegung «Wir sind Kirche» meint, Sie seien Opfer einer immer offensichtlicher werdenden Homophobie innerhalb der Kirche geworden. Ist das so?
Mir hat ein bekannter Kirchenkritiker geschrieben: «Was Sie in Ihrem Buch beschreiben haben, hat die Kirchenleitung jetzt an Ihnen selber vorexerziert.» Das heisst, diese bestraft mich wegen meines Buches, das eine Theorie der Homophobie vorstellt, indem sie mir die Lehrerlaubnis entzieht. Damit zeigt die Kirchenleitung auch praktisch, dass meine These richtig ist.
Im Szenemagazin «Fresh» sagten Sie, viele Theologen hielten im privaten Gespräch Joseph Ratzinger selber für homosexuell veranlagt: «Was er bei sich hasst, projiziert er auf andere und bekämpft es.» Hat das Ihnen geschadet?
Es ist möglich, dass das Meisners Vorgehen beschleunigt hat. Ich weiss, dass dieses Zitat in Italien Furore gemacht hat und durch viele Medien gegangen ist. Ich weiss auch, dass Kardinal Meisner am 1. Mai bei der Seligsprechung von Johannes Paul II. in Rom war. Ich könnte mir vorstellen, dass Meisner im Vatikan dazu angehalten wurde, das gegen mich gerichtete Dekret aus der Schublade hervorzuholen. Unterzeichnet wurde es jedenfalls am 2. Mai. Ich wusste von Anfang an, dass ich den Weg der Ehrlichkeit entweder konsequent gehen muss oder gar nicht. Ein bisschen ehrlich kann man nicht sein.
Der deutsche Politiker Volker Beck von den Grünen argwöhnt, dass die Kirche bei Missbrauchsfällen nur halb so konsequent gewesen sei wie bei Ihnen. Antisemitismus und antidemokratische Tendenzen machten Kardinal Meisner weniger Sorgen als ein Mensch, der offen zu seinem Leben stehe. Wie ist das zu verstehen?
Kardinal Meisner scheint mehr auf die Piusbruderschaft und auf rechtskatholische Sites zu hören als auf die vernünftigen Kräfte seiner Diözese, die ihn zur Mässigung aufgerufen haben. Der Entzug meiner Lehrerlaubnis ist vor allem vom Internetforum Kreuz.net gefordert worden, das antisemitisch, homophob und frauenfeindlich agiert und zugleich behauptet, die Sache mit dem Kindsmissbrauch durch Kleriker sei von Kirchenfeinden aufgebauscht worden. Kreuz.net hat applaudiert, als Uganda die Wiedereinführung der Todesstrafe für Homosexuelle ankündigte. Die Site hat offensichtlich den Kardinal zum Vorgehen gegen mich inspiriert. Das hat Volker Beck scharfsinnig erkannt. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 10.05.2011, 08:47 Uhr
Kommentar schreiben
Verbleibende Anzahl Zeichen:
11 Kommentare
In der Bibel wird Homosexualität als Greuel bezeichnet, genau wie das Essen von Schalentieren. Ich glaube aber kaum, dass einem Theologen die Lehrerlaubnis entzogen wird, weil er eine Muschel isst. Schliesslich wird heute der Besitz von Sklaven - in der Bibel ausdrücklich erlaubt - auch nicht mehr geduldet. Es wäre mal an der Zeit ein wenig mit der Zeit zu gehen, liebe Katholiken. Antworten
Die offizielle Position der Kirche gegenüber dem Ausleben der Homosexualität war immer klar und ohne Zweideutigkeit : Sie stellt eine schwere Sünde dar. D. Berger weiss dies als Theologe und soll bitte schön nicht erstaunt sein, wenn diese Position bis zur Entziehung der Lehrerlaubnis geht. Wenn ihm diese Position nicht passt, dann soll er austreten aus der Kirche. Antworten
Kultur
Remund führend in Werbetechnik
Kein Wunsch zu aufwendig, kein Format zu gross - Remund Werbetechnik löst jede Aufgabe mit modernster Technik.
Online-Wettbewerb
Jetzt mitmachen!: Gewinnen Sie einen Abend als Statist bei den Tellspielen Interlaken!

Bitte warten


