Das gab Ärger

Der «Burgdorfer Literaturskandal»

Nach einer Lesung des schwulen Autors Guido Bachmann im Gymnasium Burgdorf kam es 1967 zum Eklat: Ein siebzehnjähriger Schüler wurde als «Rädelsführer» temporär ausgeschlossen.

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Der junge Dichter war eine auffallende Erscheinung. Bekennend homosexuell, pflegte er den Habitus eines Dandys mit rahmengenähten Schuhen, violetten Gamaschen und silberner Krawattennadel. In Bern bewohnte er, aufgewachsen in einem engen katholisch-­kleinbürgerlichen Milieu, eine Wohnung in der Junkerngasse und arbeitete als Sekretär eines Bundeshilfswerks. Am 17. Januar 1967 reiste der 26-jährige Guido Bachmann nach Burgdorf. Im Luftschutzkeller eines Neubaus las er auf Einladung der «Gruppe 67» aus seinem literarischen Erstling «Gilgamesch», der einige Monate zuvor erschienen war.

Motivisch angelehnt an das babylonische Epos von der Männerfreundschaft zwischen Gilgamesch und Enkidu, wird in bildmächtiger Sprache von Liebes­beziehungen zwischen Knaben und Männern erzählt. Die expliziten homo­erotischen Passagen hatten bei der Kritik für Aufsehen gesorgt, in der Schweiz wurde das Buch von der Kritik aber nahezu totgeschwiegen. Der kleine Wiesbadener Limes-Verlag, der den Erstling herausgegeben hatte, sah sich bemüssigt, dem Werk eine Warnung beizulegen: «Der Eigentümer dieses Buches hat sich verpflichtet, den Band verschlossen aufzubewahren und Jugendlichen nicht zugänglich zu machen. Er wird den Band ausserdem weder privat noch gewerblich ausleihen.» Der Verlagswarnung zum Trotz las und diskutierte die vornehmlich aus Gymnasiasten bestehende Gruppe das Werk von Guido Bachmann. Gründer war ein Gymnasiast

Treibende Kraft hinter der nonkonformistischen Gruppe 67 war der damals 18-jährige Gymnasiast Martin Schwander, Sohn eines Zahnarztes aus Oberburg. Bereits als Achtjähriger verfolgte er abends auf Radio Beromünster, wie die Revolutionäre um Fidel Castro in Kuba den Kampf gegen Diktator Battista aufnahmen. Zusammen mit einigen anderen aufmüpfigen Mitschülern und gleichaltrigen Lehrlingen beschloss er Ende 1966 aus dem «Elfenbeinturm» auszubrechen und gründete die Gruppe, «um Werke aktueller Autoren kennenzulernen und uns kritisch auszutauschen statt Vorurteile zu pflegen».

Der junge Martin Schwander war über den damaligen Burgdorfer Stadtbibliothekar Sergius Golowin auch auf den Diskussionskeller Junkere 37 in der Berner Altstadt aufmerksam gemacht worden, wo er Persönlichkeiten wie Theo Pinkus, Zürcher Verleger und Buchhändler, oder den marxistischen Kunsthistoriker Konrad Farner kennen lernte und Zeuge des legendären Auftritts des Philosophen Theodor W. Adorno wurde. Bereits mit der Einladung des Berner «Gammlerpoeten» René E. Mueller nach Burgdorf hatte die «Gruppe 67» bei der Schulleitung Stirnrunzeln provoziert. Vier Tage nach Bachmanns Lesung wurden Schwander und einige Mitschüler zum Rektor Emmanuel Leidig zitiert. Schwander wurde ohne Umschweife der Schule verwiesen, die anderen kamen mit Verweisen davon. Vom zutiefst empörten Rektor – der das Corpus Delicti als «Schweinerei» brandmarkte, aber selbstverständlich nicht gelesen hatte – wurde Martin Schwander wegen «Verbreitung von Pornographie an Minderjährige» auch gleich dem Jugendanwalt überstellt. Im Verhör empfahl ihm dieser zwecks geistiger Läuterung bodenständig-völkische Lektüre.

Solidarität vom «Blick»

Aber Martin Schwander erfuhr auch viel Solidarität, Max Frisch bezeugte dem Gymnasiasten in einem Brief seine Sympathie, in den Medien wurde der «Burgdorfer Literaturskandal» zum Thema, sogar die «Frankfurter Allgemeine Zeitung» berichtete darüber. Als der «Blick» drei Wochen nach der Lesung in einer Titelgeschichte Burg­dorf als «Hochburg der Spiessbürgerei» verdächtigte und sich auf die Seite des «Rädelsführers» schlug, drehte der Wind. Die Mittelschulkommission empfahl die Wiederaufnahme des Schülers. Martin Schwander durfte nach vier Wochen den Unterricht wieder besuchen und die Matura machen. «Nur dieser allgemeine Protest ermöglichte meine Rückkehr an die Schule», ist Martin Schwander überzeugt.

Im Mai 1967 wurde die Affäre sogar im Berner Grossen Rat diskutiert. Er- ziehungsdirektor Simon Kohler (FDP) bezeichnete die Absichten des Rektors zwar als redlich, die gewählten Mittel jedoch als unangemessen. Der spätere Berner LDU-Gemeinderat Hans Martin Sutermeister gab in der Parlaments­debatte zu bedenken, dass die unverhüllte Brutalität des modernen Krimis und das snobistische Kokettieren mit der Amoral – als Beispiel erwähnte er Dürrenmatts «Der Besuch der alten Dame» – «auf Jugendliche viel verheerender wirkt als eine verschlüsselte literarische Erotik à la ‹Gilgamesch›».

Bürgerliche Vertreter betonten dagegen das «Verantwortungsbewusstsein gegenüber der Jugend» und spendeten dem Rektor Lob, während die Linke von einer Bedrohung der Gedankenfreiheit sprach und eine unzulässige Einmischung der Schulleitung ­kritisierte.

Der Burgerdorfer Literaturskandal, so sehr er heute als Posse erscheint, war für Guido Bachmann ein traumatisches Erlebnis. Nicht zuletzt verlor er als Folge davon seine Stelle beim Bund. «Von dieser Beleidigung hat er sich zeitlebens nicht mehr erholt», schrieb der Dramatiker Hans-Jörg Schneider 2003 in einem Nachruf in der «Basler Zeitung». Bachmann legte seinen extravaganten Kleidungsstil ab und verkehrte fortan meist in Jeans in der linksalternativen Szene. Obwohl er bereits 1971 den Grossen Literaturpreis des Kantons Bern erhielt, blieb der «Burgdorfer Literaturskandal» für den Dichter eine offene Wunde.

«Der Dorfkommunist»

Martin Schwander hielt seinen 68er-Idealen auch später die Treue. Er engagierte sich in der Friedensbewegung und verweigerte den Militärdienst. Als Begründung gab er ein Zitat aus dem Kommunistischen Manifest an: «Die Arbeiter haben kein Vaterland. Man kann ihnen nicht nehmen, was sie nicht haben.» Dem Schreiben legte er eine Schrift von Mao über den Volkskrieg bei. Vor Gericht verteidigte ihn der Schriftsteller Walter Matthias Diggelmann. Schwander wurde zu sieben Monaten Gefängnis verurteilt. Später trat er in die PDA ein und fand als Sozialarbeiter keine Stelle, weil er aus der Kirche ausgetreten war. Bis zur Schliessung durch die Bundespolizei 1983 arbeitete er für die sowjetische Nachrichtenagentur Nowosti.

Der Oberburger «Dorfkommunist» machte später, als PDA-Mitglied auf der Liste der SP/Gewerkschaften, eine erstaunliche politische Karriere auf Gemeindeebene und brachte es schliesslich bis zum Gemeinderats-­Vizepräsidenten.

Bis zu seinem Rücktritt 2012 amtete das einst fleissig fichierte Sicherheits­risiko acht Jahre lang als Mitglied der Exekutive, zuerst verantwortlich für das Ressort Sicherheit und später für Bildung. Auch wenn die Welt der Gemeindepolitik eine kleine Welt sei, schrieb er anlässlich seines Rücktritts vor zwei Jahren, «ist es halt die Welt, in der ich lebe und in der ich mich bewege. Insofern kann ich niemandem versprechen, dass ich mich künftig da ganz heraushalten werde...» (Der Bund)

Erstellt: 10.08.2014, 12:13 Uhr

Eine Kleinstadt am Pranger: «Blick»-Aushang im Februar 1967. (Bild: zvg/Privatarchiv)

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