Kultur
Das Todesspiel
Das «Todesspiel»
Am 9. August 1942 fand im Nazi-besetzten Kiew eines der extremsten Fussballspiele der Sportgeschichte statt. Es trat der FC Start gegen ein Team ausgewählter Wehrmachtsoldaten an. Der FC Start bestand aus ukrainischen Zwangsarbeitern, darunter auch einige Ex-Spieler der Spitzenmannschaft Dynamo Kiew; wenige Tage zuvor hatte der FC Start die Flak-Elf – eine Equipe der Luftwaffe also – mit 5:1 deklassiert. Die deutschen Besatzer sannen auf Rache und kündigten das Revanche-Spiel mit einer aufwendigen Plakataktion in der Stadt an.
Die Ukrainer begannen den Match mit einer Provokation, indem sie den obligaten Hitlergruss verweigerten. Die Deutschen ihrerseits gingen gleich brutal zur Sache und zertraten dem ukrainischen Torwart den Kopf; bald führten sie mit 1:0. Doch die spielerische Klasse der Ukrainer überwog – trotz miserabler Vorbereitung, schlechter Ernährung und eines parteiischen Schiedsrichters. Zur Halbzeit stand es 3:1 für den FC Start. In der Pause besuchte offenbar ein SS-Mann die Ukrainer in der Kabine. «Sie können nicht gewinnen!», soll er den Zwangsarbeitern erklärt haben, und: «Ich bitte Sie, einen Moment über die Folgen nachzudenken.»
Doch die Ukrainer spielten sich in einen Rausch. Das jüngste Teammitglied narrte die Deutschen – nachdem er Verteidigung und Torwart ausgedribbelt hatte, versenkte er den Ball nicht im leeren Tor, sondern kickte ihn demonstrativ zurück ins Spiel. 5:3 stand es für den FC Start, als der Match abgepfiffen wurde. Das Stadion raste vor Begeisterung, sogar die mit den Nazis verbündeten rumänischen und ungarischen Soldaten jubelten den Ukrainern zu. Die Demütigung der Besatzungsmacht war enorm.
Die Nachgeschichte des «Todesspiels» ist umstritten. Die von der sowjetischen Propaganda lange Zeit kolportierte Behauptung, ukrainische Spieler seien wegen ihres Sieges hingerichtet worden, liess sich nicht erhärten; die aktuelle Forschung geht nicht mehr von einem direkten Zusammenhang zwischen dem Spiel und später erfolgten Exekutionen und Deportationen der Spieler aus. (lsch)
Philipp Ther (*1967) ist Professor für ostmitteleuropäische Geschichte an der Universität Wien. Er wurde mehrfach für seine Arbeiten prämiert, unter anderem mit dem prestigeträchtigen Richard-G.-Plaschka-Preis.
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Herr Ther, welchen Stellenwert hat das «Todesspiel» hinsichtlich der ukrainischen Aufarbeitung der Nazi-Zeit?
Einen hohen. Das rührt daher, dass während des Sowjet-Regimes Widerstandsmythen geprägt und gepflegt wurden. Das Bild des heroischen Widerstands, das auch den Mythos des Todesspiels bekräftigt, überlagerte alles; man konnte andere, weniger bequeme Aspekte der deutschen Besatzung, die von 1941 bis 1944 dauerte, verdrängen. Zum Beispiel jenen, dass der Widerstand gegen die Nationalsozialisten keineswegs so ausgeprägt war, wie die Sowjet-Propaganda glauben machte. Viele Ukrainer begrüssten die Wehrmacht erst einmal als Befreier – ein tragischer Irrtum.
Gibt es andere moderne Mythen, die mit dem Todesspiel vergleichbar sind?
Ja, zum Beispiel hier in Österreich. Das Team um Matthias Sindelar besiegte im sogenannten Anschlussspiel vom 3. April 1938 das deutsche Team. Sindelar avancierte wegen seines mysteriösen Tods 1939 nach dem Zweiten Weltkrieg zu einer Figur, die sich für die Betonung des österreichischen Widerstands hervorragend eignete.
Eignet sich der Fussball für solche Heroisierungen besonders gut?
Sportwettkämpfe ganz allgemein eignen sich gut hierfür. Ein anderes Beispiel, das ich als Kind selbst erlebt habe, war die Eishockey-WM 1976: Der Sieg der Tschechoslowakei über die hoch favorisierte UdSSR. Dieser Sieg wurde als Revanche, als Reaktion auf den Einmarsch der Roten Armee von 1968 empfunden und stilisiert. Sport setzt Emotionen frei und eignet sich daher ideal für Heroisierungen.
Abseits des Sports: Welche Heroisierungen wurden in der Ukraine aus der Nazi-Zeit abgeleitet?
Hier hat in den letzten zehn Jahren ein fundamentaler Wandel eingesetzt: Unter dem früheren Präsidenten Juschtschenko wurden erstmals Angehörige des Widerstands gegen die Rote Armee anerkannt. Das ist problematisch, weil Angehörige der Organisation Ukrainischer Nationalisten (OUN) vorher mit den Nationalsozialisten kollaboriert und sich an der massenhaften Ermordung von Juden beteiligt hatten. Beispielhaft für diese Diskussion ist die kontroverse Figur des OUN-Führers Stepan Bandera, zu dessen Ehre in Lemberg vor einigen Jahren ein grosses Denkmal errichtet wurde. Bandera war trotz seiner faschistischen Anschauungen ins KZ Sachsenhausen gebracht worden, weil er im Juni 1941 einen unabhängigen ukrainischen Staat ausgerufen hatte; 1959 wurde er von einem sowjetischen Agenten in München ermordet. Der bewaffnete Widerstand gegen die sowjetische Herrschaft zog sich hin bis in die 1950er-Jahre. Mehr als Hunderttausend Menschen fielen ihm zum Opfer, dazu kam eine grosse Zahl an Deportierten. Das Grundkonzept der Heroisierung ist aber weiterhin dasselbe.
Inwiefern?
Ob nun antifaschistische oder antikommunistische Widerstandskämpfer verehrt werden: In beiden Fällen handelt es sich um eine Geschichtsschreibung, die auf Helden abzielt; eine Geschichtsschreibung, die aus der heutigen west- oder mitteleuropäischen Perspektive gesehen als überholt erscheint. Wir leben hier in einem postheroischen Zeitalter. Eher einer postmodernen, auf die Opfer fokussierten Perspektive entspricht das Narrativ des ukrainischen Holodomor. Hier geht es um die Erinnerung an die über drei Millionen Toten der Hungersnot von 1932/33, die von Stalin gezielt initiiert worden war, um die Kollektivierung durchzusetzen.
Zurück in die Gegenwart: Inwiefern könnten die Fussballeuropameisterschaften die gesellschaftliche Entwicklung der Ukraine beeinflussen?
Als ich erstmals von der Ausrichtung der Fussball-EM in Polen und der Ukraine hörte, dachte ich: «Das ist ein kluger, ja genialer Schachzug von Uefa-Chef Platini.» Dies, weil ein solcher Grossevent die seit der Orangen Revolution von 2004 ohnehin sehr guten Beziehungen zwischen den beiden Ländern weiter voranbringen könnte. Man darf nicht vergessen, dass es gegen Ende des Zweiten Weltkriegs zu grossen Verwerfungen zwischen Polen und Ukrainern gekommen ist. Der polnische Zugang zur Ukraine ist nunmehr wesentlich informierter und engagierter als etwa jener der meisten Deutschen – wenn beispielsweise Kanzlerin Merkel die Ukraine wie kürzlich geschehen mit Weissrussland vergleicht, dann zeugt das von Ignoranz. Ausserdem könnte die EM die Unabhängigkeit der Ukraine bestärken; noch immer ist sie der Schlüsselstaat des Ostens, umworben sowohl von der EU wie auch von Russland. So weit die optimistische Erwartung. Heute bin ich allerdings skeptischer.
Wieso?
Die Bauvergabe der Stadien verlief katastrophal. Die Fussballarenen sind teilweise doppelt so teuer wie vergleichbare westliche Stadien – dabei müssten sie halb so teuer sein! Da floss massiv Geld in schwarze Kanäle, das Land hat sich sehr verausgabt. Eine Stärkung der Zivilgesellschaft, eine Liberalisierung, sehe ich bis dato nicht. Es ist folglich zu befürchten, dass sich die Meisterschaften kontraproduktiv auswirken werden.
(DerBund.ch/Newsnet)
Erstellt: 01.06.2012, 10:52 Uhr









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