Das Ende des Feminismus
Von Michèle Binswanger. Aktualisiert am 27.05.2011 102 Kommentare
Alice Schwarzers Einsatz hat sich beim Kachelmann-Prozess verzettelt. (Bild: Keystone )
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Wie auch immer das Urteil im Prozess gegen Wettermoderator Jörg Kachelmann Ende Mai ausfallen wird – und man muss davon ausgehen, dass Kachelmann als freier Mann aus dem Gerichtsgebäude spazieren wird –, es gibt in dieser Angelegenheit nur Verlierer.
Keine Schonung
Zunächst Kachelmann. Vor rund einem Jahr wurde er verhaftet – vor laufender Kamera. Vier Monate steckte er in Untersuchungshaft, und die Medien breiteten den Fall genüsslich aus. Der Fall, das schien in diesem Fall vor allem Kachelmanns Intim- und Privatleben zu sein. Dieses wurde in allen Details ausgeleuchtet und kommentiert, wobei auch Falschmeldungen verbreitet wurden und für Interviews bezahlt wurde, in denen Kachelmanns Ex-Gespielinnen für mehrere Zehntausend Euros aus ihrem Intimleben mit dem Angeklagten berichten und sich gleich noch ihren weiblichen Frust von der Seele reden durften. Alles unter dem Vorwand, dass sich hier vielleicht der entscheidende Fingerzeig auf Kachelmanns Charakter und damit auf die Möglichkeit seiner Schuld oder Unschuld finden könnte. Kein Geheimnis, das da nicht an die Öffentlichkeit gezerrt worden wäre – keinerlei Schonung für den Angeklagten.
Eine besonders unselige Rolle spielte dabei Alice Schwarzer. Ausgerechnet für «Bild» sass die Feministin vom Dienst im Gerichtssaal, um über den Prozess zu berichten. Stattdessen nutzte sie ihre Position, um eine Kampagne gegen Kachelmann loszutreten, in der allfällige Fakten keine, ihre eigenen Vorurteile hingegen die Hauptrolle spielten. Von Anfang an war Kachelmann für sie der prototypische Täter, und zwar allein deshalb, weil er ein Mann war und der Vorwurf im Raum stand. Statt sachliche brachte sie moralische Argumente in Anschlag: Kachelmann führte ein unstetes Doppelleben, Kachelmann hatte Frauen enttäuscht, er hatte gelogen, er stand auf Sexspielchen und war zudem ein Narzisst. So einer kann ja nur ein Täter sein, das ist Frau Schwarzers Meinung. Und selbst wenn er es nicht getan hat, sollte er für seinen liederlichen Lebenswandel verurteilt werden, so insinuiert sie. Denn mit seinem Verhalten habe Kachelmann, so Schwarzer, «die Menschenwürde der Frau verletzt».
Kein Talibanstaat
Nur leben wir nicht in einem Talibanstaat, und Kachelmann stand auch nicht wegen seiner Lebensführung vor Gericht. «Von diesem Prozess geht ein fatales Signal für die Opfer aus», sagt Schwarzer. Die Frage ist, wer das Opfer ist.
Vergewaltigung galt viel zu lange als Kavaliersdelikt. Dass sie heute geahndet wird, haben wir unserem Rechtsstaat zu verdanken, der die sexuelle Selbstbestimmung schützt. Gerade in Fällen, da die Beteiligten sich nahe standen, vielleicht sogar eine Liebesbeziehung pflegten, ist es äusserst schwierig, Zwang oder Freiwilligkeit auseinanderzudröseln. Gerade deshalb ist es wichtig, nicht vorschnell zu urteilen und sich an die Fakten zu halten.
Zweifelt man als Frau am Vergewaltigungsvorwurf, dann wird man oft als Verräterin des eigenen Geschlechts gebrandmarkt. Würde die Zugehörigkeit zum einen oder andern Geschlecht automatisch darüber bestimmen, wer im Recht und wer im Unrecht ist. Das ist aber nicht so. Es gibt Männer, die vergewaltigen, und es gibt Frauen, die den Vorwurf dazu benutzen, Männer auszuhebeln.
Auch Frauen können lügen
In ihrem Blog schrieb Schwarzer weiter: «Vielleicht geht Ihnen aufgrund Ihrer Sexualpraktiken aber auch alles durcheinander. Vielleicht wissen Sie gar nicht, dass das kein Spielchen ist, wenn eine Frau im Ernstfall Nein sagt, sondern Ernst. Und übrigens: Auch nette Männer vergewaltigen manchmal, Kollege Kachelmann. Leider.» Vielleicht geht hier aber auch Frau Schwarzer aufgrund ihrer moralischen Missbilligung von Kachelmanns Sexualpraktiken alles durcheinander. Vielleicht weiss sie gar nicht, dass das kein Spielchen ist, wenn jemand aufgrund eines Verdachts fertiggemacht wird. Übrigens: Auch Frauen, die sich als Opfer ausgeben, sind manchmal durchtriebene Lügnerinnen. Leider. Feministinnen, die diese Tatsache so konsequent ausblenden, wie Frau Schwarzer, sind die Totengräberinnen des Feminismus.
Frau Schwarzers Verhalten gibt jenen Stimmen Auftrieb, die im Feminismus einen Sexismus mit umgekehrten Vorzeichen sehen, der jeden Mann grundsätzlich für einen Täter und jede Frau für ein Opfer hält. Das ist deshalb fatal, weil gerade aus dieser Ecke immer penetranter zu hören ist: Alle Frauen sind Lügnerinnen und die Männer ihre Opfer. Dabei geht es hier letztlich gar nicht um Frau oder Mann, sondern um Recht und Unrecht. Vor allem um das Recht auf ein faires Verfahren und den Schutz der Intimsphäre – auch wenn sie einigen Menschen moralisch zweifelhaft erscheint.
(DerBund.ch/Newsnet)
Erstellt: 27.05.2011, 11:39 Uhr
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