Kultur

Das Ende der Vorstellung

Von Simone Meier. Aktualisiert am 29.04.2011 4 Kommentare

Weiss Google Earth mehr, als gut für uns ist? Unserer Autorin wäre es jedenfalls lieber, hätte sie nicht gesehen, was mit ihrem alten Au-pair-Haus in London geschehen ist.

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Ich habe schon mein altes Velo auf Google (GOOG 591.53 -2.01%) Street View gesehen und unseren Balkon, der genau auf diesem einen Föteli nicht besonders aufgeräumt aussah. Die Blumenkisten wirkten ein wenig verwahrlost, und ich habe mich über mich selbst geärgert, denn die Balkonbepflanzung ist mein Haushaltsressort. Ich habe mich nach dieser etwas frustrierenden Google-Erfahrung neugierig weitergezappt, weg aus Zürich und übers Meer nach London, in eine Strasse beziehungsweise ein Strässchen, wohin es mich vor meinem halben Leben verschlagen hatte, als meine Eltern nach dem Gymi fanden: «So, jetzt mach endlich mal was Praktisches!» Als ich Au-pair werden musste.

Wie beim grossen Gatsby

Das Strässchen hiess damals und heisst noch immer Courtenay Avenue, es liegt in einem steinreichen Wohnquartier am nördlichen Rand von Hampstead Heath, einem riesigen Park, wo im Sommer halb London picknickt. Das Haus meiner Arbeitgeber hiess damals Courtenay House, es war eine Nachkriegsvilla im viktorianischen Roter-Backstein-Stil, und am schönsten war es, von der Terrasse in den Garten hinunterzugehen, so, als wäre man zu Besuch beim grossen Gatsby.

Es war die neureiche Kulisse eines alt gewordenen Ehepaars, dessen drei Töchter selbst schon längst erwachsen waren. Er war Grundstückmakler, sie eine Vertraute von Margaret Thatcher. Wir verstanden uns in vielem gut; was Politik betraf, verstanden wir uns gar nicht.

Zehn Jahre nach meinem Job erfuhr ich, dass der Mann gestorben war. Und ein paar Jahre später sah ich auf Google Earth – Street View gibt es von der Courtenay Avenue nicht –, dass Courtenay House nicht mehr existierte. Es klaffte dort, gut sichtbar aus der Google-Vogelperspektive, eine Baugrube. Das Wohnhaus, das Gesindehaus, der Tennisplatz, der Garten, um den sich ein Gärtner täglich gekümmert hatte – alles weg. Ungefähr ein Jahr später zeigte mir Google Earth ein neues Haus.

Wieder ein Jahr später beschloss ich, mir die virtuelle Dokumentation vom Verschwinden eines Stücks meiner Realität in echt anzuschauen. Man ist sich das ja sonst nicht gewohnt. Normalerweise sind die virtuellen Verlängerungen von Arbeit oder Freizeit, also all die kleinen Ablenkungsmanöver, mit denen man sich auf dem Computer so durch den Tag schlängeln kann, freundlich. Quellen der Unterhaltung, der Zustimmung, der Mitteilsamkeit, des Teilens. Verletzungen sind da gar nicht spürbar. Etwa, wenn man auf Facebook ( 31.91 -3.39%) von jemandem «entfreundet» wird. Man wird da vernichtet, und es tut gar nicht weh, die Nebensächlichkeit und die Diskretion, mit der sich so ein Entfreundungsakt vollziehen lässt, übertrifft jede noch so gesittete reale Trennung.

Silber putzen bis zum Umfallen

Aber dass das Haus nicht mehr da war, das liess mir keine Ruhe. Weil da ein realer Erfahrungswert drinsteckte. Weil ich da jeden Tag von Hand Seidenunterwäsche gewaschen, bis zum Umfallen Silber geputzt und zum ersten Mal im Leben Yorkshire Pudding und ein Dessert namens Pavlova und schottischen Wildlachs, Wachteleier und Fasan gegessen hatte. Weil wenige Hundert Meter weiter Hampstead Heath begann, und nicht einfach begann, sondern mit einem riesigen, lang gestreckten weissen Herrenhaus eröffnet wurde, mit Kenwood House, wo später, 1999, Julia Roberts in «Notting Hill» in einem historischen Kostüm über den Rasen neben dem Magnolienbaum schwebte. Weil mir diese Ecke von London in ihrer total versnobten Britishness für ein paar Monate als Studienerfahrung jenseits jeder zentraleuropäischen Normalität sehr gut gefallen hatte.

Ich fuhr also hin, über die U-Bahn-Station Golders Green, wie einst mit dem 210er-Bus weiter, vorbei am Fussballplatz für reiche Buben, den es noch immer gibt. Courtenay Avenue war wie einst eine bewachte Privatstrasse, bloss hingen jetzt von jeder Strassenlaterne Überwachungskameras, und der Security-Mann sass hinter einem Arsenal von Bildschirmen und schaute böse. «Ich hab hier mal gearbeitet, unten in Courtenay House, dürfte ich mal die Strasse hoch- und runtergehen?», fragte ich den Mann, der etwa so jung war wie ich damals. «Wieso?» fragte er, «das Haus ist weg.» – «Um der alten Nachbarschaft Adieu zu sagen.» – «Und wie lange wollen Sie da sein, auf der Strasse?» – «Fünf Minuten.» – «Okay, aber gehen Sie bitte in der Mitte, so, dass ich Sie immer sehen kann, und beeilen Sie sich wirklich, ich will nachher keine Beschwerden von den Anwohnern.»

Besenkammer der Queen

Meine alte Strasse war an diesem Frühlingstag 2011 noch neureicher, als ich sie in Erinnerung hatte. Ein einziges Haus, das Seven Oaks, erkannte ich wieder, der ganze Rest schien aus den Ruinen von pseudoviktorianischen Nachkriegsvillen auferstanden, auch jetzt wieder pseudoviktorianisch aus rotem Stein, aber sichtbar teurer, grösser und protziger als die Vorgänger. Mein altes Haus hätte dagegen wie eine Besenkammer der Queen gewirkt, schon klar, dass es wegmusste. Und es war, als wäre ein Stück Vorstellung an seinem Ende angekommen. Abgeknickt von der informativen Beflissenheit von Google Earth. Schritt für Schritt, Parzelle für Parzelle genau so, wie ich es auf dem Computerbildschirm schon gesehen hatte.

Bis dahin hatten sie für mich einfach so weiter vor sich hin gelebt, das Haus und die Leute, die irische Haushälterin zum Beispiel, die genauso alt war wie ihre Arbeitgeber und als junge Frau zu ihnen ins neue Haus gekommen und geblieben war. Der Gärtner, der eine eigene Gärtner-Keksbüchse in der Küche stehen hatte, die nur ihm gehörte. Die grosse und die kleine Mary, beide um die sechzig, die sonst in Ascot bei den Pferderennen servierten und immer wieder bei uns und in der Küche Kette rauchten und böse über die Leute herzogen, denen sie im Speisesaal viel zu teures Essen auftrugen. Jetzt sind sie weggepackte Sentimentalitäten, ein Film. Mein privates Stück «Gosford Park» eben.

Doch etwas war an diesem Frühlingstag genauso wie früher, der Duft der Lindenblüten nämlich, der süss und träge über meinem alten Quartier hing. Ich hatte ihn ganz vergessen, und auch Google Earth hatte mich nicht daran erinnert. Thank God! dachte ich und nahm ein paar Nasen voll, und die Toten und Vergangenen waren nur noch halb so tot. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 28.04.2011, 20:13 Uhr

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4 Kommentare

Gerhard Keller

29.04.2011, 11:42 Uhr
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Ein sehr schön geschriebener Beitrag der einen mit nimmt und vor Augen führt, wie das Leben doch ständiges Vergehen und Werden ist. Auch in Gegenden die hunderte Jahre keine Veränderung erfuhren. Antworten


Giorgio Girardet

30.04.2011, 17:01 Uhr
Melden 1 Empfehlung

Das "Klageweib" in ihrer allerköstlichsten Tantenhaftigkeit: the very, very best of "Simone Meier". Antworten



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