Bitte, das Ding soll verschwinden

Ist tatsächlich alles so total witzig? Nein, dieses dämliche Grinse-Emoji macht einem eigentlich nur noch schlechte Laune.

Mittlerweile inflationär verwendet: Das «Tears of Joy»-Emoji.

Mittlerweile inflationär verwendet: Das «Tears of Joy»-Emoji.

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Für alle, die erst kürzlich im Netz zugeschaltet haben – das oben stehende Emoticon mit dem Gattungsnamen «Tears of Joy» ist seit einigen Jahren das dominante Stilmittel in den sozialen Medien. Falls es nicht gleich ersichtlich ist, es soll ein fröhliches Gesicht darstellen. Eines, das vor lauter Spass Tränen lacht. Dieses Emoji wird mittlerweile inflationär verwendet, steht gerne im halben Dutzend unter Tweets, Whatsapp-Nachrichten, Eltern-SMS und Facebook-Einträgen und ist besonders beliebt auch als Zierleiste in Fachforen, in denen garantiert noch nie jemand über irgendwas Tränen gelacht hat.

An das Ende eines Eintrages oder Tweets gesetzt, bedeutet das Gesicht: Seht her, ich lache mich hier gerade so richtig schlapp. Über meinen eigenen Beitrag. Das allein ist schon fragwürdig. Aber eventuell noch verständlich, in einer Umgebung, in der zwar alle ironisch sind, aber eigentlich keiner mehr Ironie versteht. Deswegen herrscht ja auf den Kanälen und Streams längst Kennzeichnungspflicht für nicht ernst Gemeintes, denn sonst: Aua, Shitstorm. Für diese offenbar notwendige Kennzeichnung aller para-humoristischen Beiträge und süffisanter Antworten stünde eine ganze Reihe vergleichsweise dezenter Emojis zur Verfügung, zwinkernde, freundliche oder eben auch kichernde Gesichter. Verwendet wird aber am liebsten immer nur das hier: Die fiese Titanwurz der Fröhlichkeit.

Diese Epidemie des Lachtränengesichts aber muss endlich eingedämmt werden. Bitte, das Ding soll verschwinden.

Es ist nicht ganz leicht zu sezieren, was daran heute so abstossend ist. Erstens vielleicht – es ist immer zu billig übertrieben. Niemand lacht so, höchstens die Kinder in japanischen Zeichentrickfilmen. Schon gar nicht aber lacht jemand so im Zusammenhang mit den Witzeleien, die dieses Emoji im Web-Alltag heute meistens begleiten muss. Es steht dort ja beispielhaft hinter heiteren Anmerkungen der Güteklasse: «... dann hätte er doch gleich seine Frau mitnehmen können.» Oder: «Sieht man ja, welchen grandiosen Erfolg die FDP damit hatte.»

Der aktuelle Kommentarstrang unter dem neuen Facebook-Beitrag von 1860-Geldgeber Hasan Ismaik ist musterhaft für den völlig spassfreien Massenaufmarsch dieses Emojis. Hass, Schmähungen und kalter Hohn werden nonstop damit verniedlicht. Das harmloseste Beispiel: «Ich lach mich schlapp mit Euch traurigen 60ern. Immerhin taugt Ihr noch als guter Witz.» Und dahinter dreimal die feucht explodierende Grinsefratze.

Das Emoticon erinnert an Bierbankbesatzungen im Endstadium

Über derart mattes Gefrotzel werden also täglich hektoliterweise Tränen der Freude vergossen. Was für eine deprimierende Welt. Mag sein, dass es anfangs wirklich nur das Lustigste aller Emojis war und als solches 2015 sogar in den Oxford Dictionaries gewürdigt wurde. Heute ist das irre Lachgesicht aber vorwiegend zu einem Symbol für Schadenfreude, Hohn, Nachtreten und bitteren Sarkasmus verkommen.

Nicht nur seine Funktion, auch das Gesicht selbst ist unangenehm. Vor allem, weil es einen nicht anschaut. Da sind nur diese verkniffenen Schlitze. Wer so blöd selbstgerecht und grell auflacht, das mutmasst man als Betrachter irgendwann, den interessiert die Wirklichkeit eigentlich gar nicht. So einer will sich nur auf die Schenkel klatschen, über die Doofheit der anderen oder seinen eigenen Gag wiehern. Dieser Gesichtsausdruck erinnert stimmungsmässig an Bierbankbesatzungen im Endstadium und den Moment, an dem ihre Heiterkeit jederzeit in handfeste Pöbelei umschlagen kann. Es ist jedenfalls keine gesunde Freude.

Irgendwie ist «Tears of Joy» damit auch eine symbolträchtige Fussnote der Fake-News-Debatte geworden und nicht von ungefähr oft Sättigungsbeilage bei populistischen Schmähbeiträgen. Die Botschaft der Grimasse ist dann: Erzähl mir doch, was du willst, ich sehe nix und lache über alles. Wer sich vom Geschehen abwendet und jede Nachricht nur noch fatalistisch einsortieren kann, der lacht so. Dieser Mensch ist im Rotbereich seiner Zurechnungsfähigkeit angekommen. Es gäbe doch auch ein kotzendes Gesicht, warum lieber dieses böse Lachen? Und angesichts der Weltlage wirkt die Lache des Emojis unter aktuellen Nachrichten sowieso meistens etwa so passend wie ein Furzkissen im OP.

Irgendwie lässt das Emoji heute auch den Absender nicht mehr besonders gut aussehen. Natürlich ist es meistens lieb gemeint. Aber eine Person, die offenbar jede zweite Wortmeldung oder Nachricht urkomisch findet und ständig wie in ein Megafon schreilacht, die würde man im echten Leben ja auch irgendwann etwas skeptisch beäugen.

Woher kommt denn überhaupt der Bedarf an derart übertrieben dargestellter Fröhlichkeit? Reicht das normale Lachgesicht nicht mehr, vielleicht aus dem gleichen Grund, aus dem heute auch jedes Tellergericht mindestens «sehr, sehr lecker» sein muss? Geht es also um Aufmerksamkeit, die man sich nur noch vom drei- bis achtfachen Superlativ verspricht? Und ändert das achtfache Gesicht irgendwas am Inhalt des Postings, an der Tageslaune oder dem Selbstwert des Postenden? Nein, eher wirkt es, als würde der Absender seiner unfassbaren Fröhlichkeit selbst nicht trauen.

Lieber mal wieder im echten Leben Freudentränen vergiessen

Ein weiteres Einsatzfeld der Lachtränen ist die verkappte Kritik geworden. Man kann damit ziemlich ausgewachsene Gemeinheiten servieren, zum Beispiel unter einem Bild auf Instagram, und sie dann abschliessend mit dem Gesicht gewissermassen als superlustigen Irrtum oder Gag entwerten. Etwa hinter einem Kommentar wie: «Dachte schon, da siehst du aber krank aus!» Hahaha. Auch wenn gar kein Witz vorkommt, tun die krassen Lachtränen so, als wäre hier irgendwo ein Witz versteckt gewesen. Und bevor man genauer darüber nachdenken kann, rauscht ohnehin schon wieder anderes darüber.

Nicht zuletzt – solche Tears of Joy waren eigentlich mal eine emotionale Extremsituation. Als Mensch kann man sich jedenfalls meist ziemlich lange an die paar Momente im Leben erinnern, an denen man wirklich vor Freude Tränen vergossen hat. Schon wegen der Entwertung dieser Besonderheit ist es schade, dass diese Reaktion jetzt in solchen Mengen, in jeder SMS vorkommt. Eine Nummer kleiner tut es eigentlich immer auch. Und vielleicht sollte sich jeder mit einem losen Finger an der Emoji-Taste lieber vornehmen, wieder mal im echten Leben ein paar Freudentränen zu vergiessen. (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 06.06.2017, 12:03 Uhr

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