Aus dem prallen Leben
Von Oliver Meiler. Aktualisiert am 07.02.2011 3 Kommentare
Er war ein wunderbarer Geschichtenerzähler. 30 Jahre lang nahm er die Leser des «Spiegels» mit auf seine Reisen durch Asien. Durch die Dämmerung taumelnder Despoten. Beflügelt von hoffnungsfroh lodernden Revolutionen, die dann doch in Blut und Terror endeten. Tiziano Terzani, 1938 in Florenz geboren, 2004 bei Pisa gestorben, gibt die Vorlage zum Film «Das Ende ist mein Anfang». Ab Donnerstag läuft er im Kino. Der Film handelt von Terzanis Umgang mit der Krankheit und dem nahenden Krebstod. «Warum haben wir bloss solche Angst vor dem Sterben, wo es doch alle schon getan haben vor uns?», fragt Bruno Ganz im Film. Er spielt Terzani. In diesem Satz ist viel drin vom Wesen und vom Witz dieses Italieners, der sein Herz an Asien verlor.
Und das eher zufällig, nach einer Stage, die er als junger Mann bei der japanischen Filiale der Schreibmaschinenfirma Olivetti gemacht hatte. Terzani war studierter Jurist, bildete sich dann in Amerika weiter, wo er auch Chinesisch lernte. Doch er wusste genau, dass er zurück nach Asien wollte. Mit aller Kraft und mit seiner deutschen Frau Angela Staude. Ein Stipendium der Columbia University brachte ihn nach China – als Journalistenlehrling. «Doch keine italienische Zeitung wollte mich», sagte er einmal mit dem Lächeln des späten Triumphs. So klopfte der Vielsprachige bei diversen Zeitungshäusern Europas an. Beim «Spiegel» bekam er eine Anstellung. Er konnte ja gut Deutsch, versetzt mit einem feinen italienischen Akzent.
Aus nächster Nähe
Das Heft schickte ihn 1969 nach Singapur. Später zog das Paar mit seinen zwei Kindern nach Hongkong, dann nach Peking, wo Terzani nach einigen Jahren kritischer Berichterstattung verhaftet wurde: «Sie hielten mich für einen Spion.» Er wurde aus dem Land geworfen, zog nach Tokio, dann nach Bangkok. Er war einer von wenigen Reportern, die in Saigon ausharrten, als die Kommunisten die Macht übernahmen. In Kambodscha stand er einmal vor dem Gewehrlauf eines Roten Khmer. Er lachte ihn an, und der erbarmte sich seiner.
Ein ganzes Jahr lang reiste er nur mit Zug, Bus und Schiff durch Asien, weil ihm ein Wahrsager prophezeit hatte, er würde in jenem Jahr bei einem Flugzeugabsturz sterben. 1991 war er zufällig auf einer Reise durch Sibirien, als man gegen Michail Gorbatschow putschte. Statt schnell nach Moskau zu fahren, reiste er langsam von einem Satellitenstaat zum nächsten. So konnte er die Implosion des sowjetischen Imperiums beschreiben. Aus nächster Nähe. Das machte ihn bekannt. Nun berichtete Terzani auch für grosse italienische Zeitungen und zuweilen für das Tessiner Fernsehen.
Geschichten zum Erzählen
1997 entdeckten seine Ärzte einen Tumor. Die Familie lebte damals in Indien. Terzani zog sich zurück in eine Hütte ohne Licht und Telefon. Er besann sich auf sich, wurde spirituell. Im Film sagt er: «Der Tod ist das einzig Neue, das mir noch passieren kann.» Es blieben ihm sieben Jahre. Nach 9/11 erhob Terzani seine Stimme noch einmal laut gegen den Krieg, widersprach mit Macht einer anderen grossen italienischen Reporterin: Oriana Fallaci. Sie lieferten sich in den Feuilletons einen heftigen Streit.
Kurz vor dem Tod redete er dann viel mit seinem Sohn Folco. Er erzählte ihm Geschichten aus seinem prallen Leben. Geschichten, die man sich nach seinem Tod erzählen sollte. Nicht nur in der Familie. Es wurde ein Buch daraus. Es trägt denselben Titel wie der Film. Als wärs eine mystische Maxime. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 07.02.2011, 08:07 Uhr
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3 Kommentare
seine schriften sind einfach grossartig und können herzen, wenn sie noch nicht ganz kalt sind, berühren und verändern. sehr empfehlenswerte lektüre, wenn man es satt hat von einem schickimicki dasein und nach dem wesentlichen im leben strebt. nie belehrend, nie besserwissend, nie guruhaft, sondern selbstkritisch und neugierig führt er den leser vor dem spiegel seiner eigenen existenz... Antworten
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