«Auf den Grind geschissen»

Der Steuerstreit ist eine hochkomplexe Angelegenheit. Nichtsdestotrotz debattieren landauf, landab lauter selbsternannte Experten darüber und behelfen sich mit Grobianismen.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

«Es wird uns ständig auf den Grind geschissen», sagte TeleZüri-Moderator Markus Gilli im letzten «SonnTalk»; «das isch eso», pflichtete This Jenny (SVP) bei. Hauptthema der Sendung war der Steuerstreit zwischen der Schweiz und Deutschland, von dem man – trotz Abkommen – bis heute nicht so recht weiss, ob er jetzt eigentlich beigelegt ist oder nicht (wahrscheinlich nicht).

«Es wird uns ständig auf den Grind geschissen», sagte also der Moderator und fügte sich ein in die Reihe jener, die das so zähe wie komplizierte Tauziehen zwischen Bankgeheimnisreste-Verteidigern und Steuergeld-Eintreibern auf eine dreckige Affekthandlung reduzieren: Die bösen Deutschen plagen uns arme Schweizer, der teutonische Riese entleert sich über dem helvetischen Zwerg.

Ein HSG-Studium, das wäre nett

Doch steht Gilli mit seiner ungelenken Vereinfachung nicht allein da, gleich en masse bissen sich die Beobachter die Zähne am Steuerstreit-Dossier aus, besonders spektakulär «Club»-Moderatorin Karin Frei vor einer Woche («Schnitt, Schnitt!»). Doch das vertrackte Thema war nun einmal da und wollte erörtert und kommentiert werden, auch wenn zum grundlegenden Verständnis wohl ein paar Jahre HSG-Studium nötig gewesen wären. Dass sich selbst die Experten hüben wie drüben nicht einig waren und mal die Schweiz, mal Deutschland als Gewinner ausriefen, machte die Sache auch nicht einfacher.

Mit Erleichterung erinnerten sich die Kommentatoren da eines gewissen Peer Steinbrücks, der mal beiläufig den mittlerweile berühmt gewordenen Satz von der Kavallerie fallen gelassen und so einen prächtigen Wortschatz aufgeschlossen hatte, mit dem sich Konflikte bebildern und Halbwissen kaschieren lassen. Es geht hin und her zwischen der Schweiz und Deutschland: Wem bleibt die Indianer-Rolle? Verzögerungstaktik: Ziehen sich die Schweizer ins Fort zurück? Die Staatsanwaltschaft erlässt einen Haftbefehl: Jetzt galoppiert die helvetische Kavallerie nach Berlin! Schäuble freut sich öffentlich über das Abkommen: Haben die Deutschen uns etwa billige Glasperlen vertickt? Et cetera.

Ärger über eigenes Unwissen

Zugegeben, diese Wortspielereien sind ganz nett. Doch wird einem die eigentliche Komplexität der Materie erst ernsthaft bewusst, wenn man das Steuerabkommen tatsächlich zu konsultieren beginnt; da surrt bald der Kopf (siehe Bildstrecke oben).

Und so hat Gillis Ausruf vielleicht eine überraschende, unbewusste und ganz und gar unpatriotische Ursache: nämlich den Ärger darüber, im Zug der Finanzkrise andauernd mit juristischen und ökonomischen Themen konfrontiert zu werden, die den Horizont von uns Laien übersteigen. Oder eben: «Es wird uns ständig...»

(Erstellt: 10.04.2012, 13:49 Uhr)

Artikel zum Thema

Die Schweiz schickt ihre Kavallerie

Das Steuerabkommen mit Deutschland ist auf der Kippe und just in dem Moment bläst der Schweizer Bundesanwalt zum Gegenangriff. War das geschickt? Das war es – der Coup ist gelungen. Mehr...

Deutscher Finanzminister spricht neue Drohungen gegen Schweiz aus

Nils Schmid kündet den Kauf weiterer Daten-CDs an. Der Finanzminister von Baden-Württemberg erlaube seinen Steuerbeamten, aktiv nach Daten von Schweizer Banken zu forschen. Mehr...

Die Steinbrückin

Hannelore Kraft ist im Steuerstreit die wichtigste Gegenspielerin der Schweiz. Die Sozialdemokratin will in Nordrhein-Westfalen ihre Wiederwahl sichern – und damit in der Partei aufsteigen. Mehr...

Werbung

DIE IPHONE-APP

News, Hintergründe, Wetter, Staumelder und vieles mehr.

Blogs

KulturStattBern Verherrlichung oder Demontage?

Service

DIE IPHONE-APP

Vom Hintergrundbericht bis zum Live-Fernsehen – alles auf Ihrem iPhone.

Die Welt in Bildern

Festgesunken: Holländische Retter bringen einen Mann im Hafen von Harlingen in Sicherheit. Das Boot sank in Folge des ersten Sturmes der Saison (22. Oktober 2014).
(Bild: Catrinus van der Veen) Mehr...