Kultur

Linus Schöpfer
Redaktor Kultur


«Auf den Grind geschissen»

Aktualisiert am 10.04.2012 57 Kommentare

Der Steuerstreit ist eine hochkomplexe Angelegenheit. Nichtsdestotrotz debattieren landauf, landab lauter selbsternannte Experten darüber und behelfen sich mit Grobianismen.

1/5 Freund des kleinen verbalen Affekts: Moderator Gilli.
Screenshot Tele Züri

   

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«Es wird uns ständig auf den Grind geschissen», sagte TeleZüri-Moderator Markus Gilli im letzten «SonnTalk»; «das isch eso», pflichtete This Jenny (SVP) bei. Hauptthema der Sendung war der Steuerstreit zwischen der Schweiz und Deutschland, von dem man – trotz Abkommen – bis heute nicht so recht weiss, ob er jetzt eigentlich beigelegt ist oder nicht (wahrscheinlich nicht).

«Es wird uns ständig auf den Grind geschissen», sagte also der Moderator und fügte sich ein in die Reihe jener, die das so zähe wie komplizierte Tauziehen zwischen Bankgeheimnisreste-Verteidigern und Steuergeld-Eintreibern auf eine dreckige Affekthandlung reduzieren: Die bösen Deutschen plagen uns arme Schweizer, der teutonische Riese entleert sich über dem helvetischen Zwerg.

Ein HSG-Studium, das wäre nett

Doch steht Gilli mit seiner ungelenken Vereinfachung nicht allein da, gleich en masse bissen sich die Beobachter die Zähne am Steuerstreit-Dossier aus, besonders spektakulär «Club»-Moderatorin Karin Frei vor einer Woche («Schnitt, Schnitt!»). Doch das vertrackte Thema war nun einmal da und wollte erörtert und kommentiert werden, auch wenn zum grundlegenden Verständnis wohl ein paar Jahre HSG-Studium nötig gewesen wären. Dass sich selbst die Experten hüben wie drüben nicht einig waren und mal die Schweiz, mal Deutschland als Gewinner ausriefen, machte die Sache auch nicht einfacher.

Mit Erleichterung erinnerten sich die Kommentatoren da eines gewissen Peer Steinbrücks, der mal beiläufig den mittlerweile berühmt gewordenen Satz von der Kavallerie fallen gelassen und so einen prächtigen Wortschatz aufgeschlossen hatte, mit dem sich Konflikte bebildern und Halbwissen kaschieren lassen. Es geht hin und her zwischen der Schweiz und Deutschland: Wem bleibt die Indianer-Rolle? Verzögerungstaktik: Ziehen sich die Schweizer ins Fort zurück? Die Staatsanwaltschaft erlässt einen Haftbefehl: Jetzt galoppiert die helvetische Kavallerie nach Berlin! Schäuble freut sich öffentlich über das Abkommen: Haben die Deutschen uns etwa billige Glasperlen vertickt? Et cetera.

Ärger über eigenes Unwissen

Zugegeben, diese Wortspielereien sind ganz nett. Doch wird einem die eigentliche Komplexität der Materie erst ernsthaft bewusst, wenn man das Steuerabkommen tatsächlich zu konsultieren beginnt; da surrt bald der Kopf (siehe Bildstrecke oben).

Und so hat Gillis Ausruf vielleicht eine überraschende, unbewusste und ganz und gar unpatriotische Ursache: nämlich den Ärger darüber, im Zug der Finanzkrise andauernd mit juristischen und ökonomischen Themen konfrontiert zu werden, die den Horizont von uns Laien übersteigen. Oder eben: «Es wird uns ständig...»

Erstellt: 10.04.2012, 13:49 Uhr

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57 Kommentare

Herbert Berger

10.04.2012, 13:51 Uhr
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Tele Gilli ist ja wohl hoffentlich nicht der Massstab für die Schweizer Politik. Hoffentlich... Antworten


Peter Schenk

10.04.2012, 13:54 Uhr
Melden 139 Empfehlung 0

Das alles ist ja nichts Neues, wird doch der Journalismus seit Jahren - nicht ohne Grund - wie folgt definiert: Journalismus heisst, jemandem etwas zu erklären, das man selber nicht versteht. Antworten



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