Kultur

Arbeiten im Weinberg der Erinnerung

Von Martin Ebel. Aktualisiert am 09.06.2011 1 Kommentar

Jorge Semprún verkörpert den Kampf gegen die beiden Totalitarismen des 20. Jahrhunderts: KZ-Häftling, Agent und Funktionär der spanischen KP, später Kritiker des Kommunismus. Jetzt ist der Autor 87-jährig in Paris gestorben.

Meister der assoziativen Prosa: Jorge Semprún (1923–2011).

Meister der assoziativen Prosa: Jorge Semprún (1923–2011).
Bild: Keystone

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Bei manchen Autoren überragt die Gestalt zu Lebzeiten das Werk. Jorge Semprún ist so ein Fall: als Zeitzeuge und moralische Instanz, als Opfer und Gestalter von Geschichte. Im Moment des Todes drängen sich diese Aspekte übermächtig in den Vordergrund, weil der persönliche Eindruck noch unmittelbar spürbar ist. In der Nachwelt muss sich das Werk gegen die Person aber durchsetzen, sonst verschwinden beide.

Das KZ als Heimat

Bei Jorge Semprún ist dieses Werk von der Person nicht zu trennen. Er hat über fünf Jahrzehnte eigentlich immer an demselben Buch geschrieben: eine Auseinandersetzung mit seiner eigenen Biografie. Es ist die Geschichte eines jungen Spaniers aus bester Familie (Adel, Grossbürgertum, hohe politische Ämter), die, weil auf republikanischer Seite stehend, beim Ausbruch des Bürgerkriegs 1936 das Land verlassen musste. Seit dem 13. Lebensjahr lebte Jorge in Frankreich, in dessen Sprache er fast alle seine Bücher schreiben sollte. Schriftsteller wollte er immer werden, aber die Geschichte kam ihm dazwischen. Die Deutschen besetzten das Gastland, der junge Kommunist ging in die Résistance, wurde enttarnt, verhaftet, gefoltert und ins Konzentrationslager Buchenwald deportiert.

Was er dort erlebte, prägte sein weiteres Leben entscheidend – und sein Schreiben. Buchenwald, hat der früh Exilierte sehr viel später einmal gesagt, sei seine eigentliche Heimat. In immer neuen Bruchstücken und in immer neuer Betrachtung durchtränkt die Grenzerfahrung von äusserster Demütigung, ständiger Nähe des Todes, aber auch Solidarität unter den politischen Häftlingen, seine Bücher.

Erholung in Ascona

In seinem ersten Roman «Die grosse Reise» (1963) dominiert noch die Sicht des Kommunisten, der im tiefsten Grauen nicht am sinnvollen und letztlich siegreichen Lauf der Weltgeschichte zweifelt. 1980 kommt er in «Was für ein schöner Sonntag» auf die Haftzeit zurück. Inzwischen ist er aus der spanischen KP ausgeschlossen worden, hat Solschenizyn und Schalamow, also die russische Gulag-Literatur gelesen, und arbeitet die Parallelen der Unterdrückungsmechanismen heraus. Aber auch Goethe – Weimar liegt nicht weit von Buchenwald – spielt hinein, die geringen Chancen des Humanitätsgedankens in einer Welt ideologischer Machtkämpfe.

In «Schreiben oder Leben» (1994) nimmt er die Erfahrung des Lagers noch einmal auf, erinnert sich an die verzweifelten Versuche, danach ein «normales» Leben zu führen, geradezurücken, was verrückt worden war (eine Zeit lang erholt er sich in Ascona), und die Unmöglichkeit, dieser Erfahrung schreiberisch Herr zu werden. Semprún hat nach der Befreiung beschlossen, Buchenwald zu vergessen und zu leben: Er tut es wieder als politischer Kämpfer, wieder im Untergrund, diesmal gegen das faschistische Herrschaftssystem seines Geburtslandes. Von 1953 bis 1962 koordiniert er den Widerstand gegen das Franco-Regime, von 1957 bis 1962 unter dem Decknamen Federico Sanchez in Spanien selbst. Er wurde eine Legende, immer in Gefahr, nie enttarnt, nie gefasst, aber dann von den eigenen Genossen ausgebootet, denen sein Eurokommunismus nicht passte (vielmehr: denen er zu früh kam).

Literarische Erinnerungsarbeit

Wenn Semprún sich fortan mit Machthabern und Machtstrukturen befasste, zeigte er mit einem Finger stets auch auf sich selbst: Kritik und Selbstkritik, dieses kommunistische Ritual, nahm er, der zum innersten Führungszirkel der spanischen KP gehört hatte, bitter ernst. Seine politische Autobiografie «Federico Sanchez» (1977) gehört zu den glaubwürdigsten Abrechnungen mit der wirkmächtigsten politischen Heilslehre des 20. Jahrhunderts. Das doppelte lebensgeschichtliche Kapital brachte er auch in eine Reihe Drehbücher ein: «La guerre est finie» (1966, Regie: Alain Resnais), «Z» (1969) und «Section spéciale» (1975, Regie jeweils Constantin Costa-Gavras) gewinnen ihre Durchschlagskraft aus der Authentizität des Erlebten wie der Schärfe der analytischen Aufarbeitung durch den Drehbuchautor Semprún.

Bis in die letzten Jahre schrieb er, unterbrochen noch einmal von drei Jahren aktiver Politik, als Kulturminister des neuen demokratischen Spaniens (1988–1991 unter Felipe González), Buch um Buch: eine immerwährende Umwälzung und Befragung der eigenen Biografie – und des prekären Gedächtnisses. Semprúns Bücher sind Erinnerungsarbeit, aber fern jeder rituellen Erstarrung, wie man sie aus offiziellen Zeremonien kennt. Sie gewinnen ihre irritierende Kraft gerade aus der Unverlässlichkeit. Sein zweiter Roman «Die Ohnmacht» (1967) etwa beginnt damit, dass der Held aus der Bewusstlosigkeit erwacht (er ist aus einem Zug gefallen) und alles, was er erlebt hat, mühsam rekonstruieren muss. Identität besteht aus dem, was man von sich weiss – man ist der, der man gewesen ist, und das weiss man nie ganz genau.

Diese Erinnerungsarbeit ist für Semprún ein politischer Auftrag an sich selbst – angesichts der von totalitären Parteien ausgeübten Vergangenheitskorrektur, bei der missliebige Genossen aus der Geschichte radiert werden. Sie ist aber auch das einzige Mittel, seiner selbst habhaft zu werden. Und hier schliesst sich der Kreis: Das Schreiben, Semprúns ursprüngliches Lebensziel, wird, nach der bewussten «Kur der Aphasie», zur Rückgewinnung der eigenen Identität. Eine Rückgewinnung, die nichts Fixes, Endgültiges haben kann. Und die sich literarisch in der Semprún eigenen assoziativen, Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft durcheinanderwirbelnden Schreibweise niederschlägt. So ist die überragende Gestalt Jorge Semprúns nur in seinen Werken wirklich aufgehoben. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 08.06.2011, 20:10 Uhr

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1 Kommentar

gabriela merlini

09.06.2011, 08:04 Uhr
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"Ihr könnt tun, was ihr zu tun habt, ich werde derweil diese Hand wärmen." Der alte König in seinem Exil, Arno Geiger. Die Versprechen, die wir uns nie geben mussten, doch nicht gebrochen wurden. Die Worte, die wir nie sprechen mussten. Ein Mensch hat diese Erde verlassen. Antworten



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