«Ankommen auf dem höchsten Niveau oder rausfliegen»

Das aktuelle Unisystem drohe zu bersten, warnt Mittelbau-Vertreter Odilo Huber. Weil falsche Anreize gesetzt würden, könnten Doktoren als Sozialhilfeempfänger enden, und auch die Lehre leide zusehends.

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Herr Doktor Huber, war es ein Traum von Ihnen, Wissenschaftler zu werden?
Ja, tatsächlich. Forschung ist ein ganz spezieller Arbeitsbereich, in dem man sich persönlich hervorragend entfalten kann. Ich komme ursprünglich aus Deutschland, habe dann in Fribourg eine Promotionsstelle angeboten bekommen. Momentan arbeite ich an meiner Habilitation.

Was würde es für Sie bedeuten, wenn Sie dereinst keine Professur bekämen?
Nun... (Pause) dann würde ich dieses Schicksal mit vielen anderen teilen, auf jede Professur kommen schätzungsweise vier gescheiterte Bewerber. Als Lektor – eine der ganz, ganz wenigen Stellen neben den Professuren, die an der Uni unbefristet sind – bin ich in einer einigermassen privilegierten Situation. Aber ich habe natürlich Kollegen, die abgelehnt wurden. Für sie stellte das einen harten Schicksalsschlag dar. Vor allem, wenn sie in ein Förderungsprojekt wie jenes des Schweizerischen Nationalfonds (SNF) eingebunden waren, mitunter bereits auf Förderprofessuren gearbeitet hatten und dann doch nicht berufen wurden. Dann fällt das plötzlich weg, sie stehen ganz ohne Möglichkeit da, längerfristig an der Uni bleiben zu können.

Wie gingen Ihre Kollegen mit dieser Niederlage um?
Einige konnten in der Wirtschaft unterkommen. Aber eine so logische Option, wie das der Rektor der Uni Zürich Ihnen gegenüber dargestellt hat , ist diese Alternative keineswegs. Sehr viele Leute – Sprachwissenschaftler etwa oder Historiker – arbeiten schlicht in Bereichen, mit denen die Wirtschaft rein gar nichts anfangen kann, davor darf man die Augen nicht verschliessen. Ich kenne Extremfälle, promovierte Geisteswissenschaftler, die, nachdem sie den Sprung auf eine Professur nicht geschafft hatten, als Sozialfälle geendet haben. Die meisten finden eine Stelle, für die sie aber teilweise völlig überqualifiziert sind, zum Beispiel als Bibliothekare.

Wo liegt die Ursache dieses Problems?
Das Problem ist, dass Forschern um die 40 ein extremer Karriereknick droht, weil eine permanente Entwicklung nicht gegeben ist. Es gibt in der Schweiz zwar hervorragende Förderinstrumente wie den Nationalfonds, dem steht aber nicht die Möglichkeit des Wechsels in sichere Stellen gegenüber. Das englische System wäre besser: Hier erhalten die Nachwuchswissenschaftler relativ früh eine unbefristete Stelle als Lektor, und sie können sich kontinuierlich durch Leistung hocharbeiten, was dann im Gegenzug dazu führen kann, das jemand erst mit 60 Professor wird. In der Schweiz gibt es momentan einen aggressiven Wettstreit um die raren, aber eben ausserordentlich gut dotierten und sicheren Professuren. Wer in diesem Wettstreit unterliegt, hat es schwer, in der Wissenschaft verbleiben zu können. Motto: ankommen auf dem höchsten Niveau oder rausfliegen.

Hinzu kommt die einseitige Beziehung zwischen den Doktoranden und den Professoren. Die Assistierenden sind komplett abhängig von der Gunst der Professoren und werden sich hüten, in irgendeiner Form Kritik zu üben – obschon sie ja die einzigen sind, die die Alltagsarbeit der Professoren profund beurteilen können.
Als diffizil an dieser Beziehung erscheint mir zumal, dass sich die wissenschaftliche Autonomie des Professors, die absolut gerechtfertigt ist, zu einer generellen, organisatorischen Autonomie wandelt. Wenn der Professor seine Stelle wechselt oder stirbt, steht der Promovierende ganz allein, ohne Betreuer da, weil er ja als Teil dieser autonomen Organisation völlig abhängig ist.

Auch bekommt man sehr häufig zu hören, dass Professoren unliebsame Arbeiten derart oft an Assistenten abschieben, sodass diese kaum noch zum Forschen kommen. Wie beurteilen Sie diese Kritik?
Das ist in der Tat ein Problem. Verschärfend kommt hinzu, dass seitens des Nationalfonds nur Forschungsprojekte gefördert werden: Wer ein solches Stipendium erhält, kann komplett auf seine wissenschaftlichen Projekte fokussieren, wer sich jedoch mit der Lehre abgeben muss, wie etwa die Lehrstuhlassistenten, die ebenfalls doktorieren, hat viel schlechtere Chancen auf eine akademische Karriere; der Begriff der «Ausbeutung» ist hier nicht übertrieben. Das aktuelle Unisystem droht zu bersten, weil zum einen der Nationalfonds immer mehr Nachwuchsforscher fördert und zum andern die gleichbleibende Zahl an regulären universitären Kräften die steigende Zahl der Studierenden zu betreuen hat und der administrative Aufwand, bedingt durch die Bologna-Reform, stetig steigt. Das Auseinanderfallen von Forschung und Lehre ist unverkennbar. So sehr die Forschung in der Öffentlichkeit wahrgenommen und honoriert wird, so wenig ist das für die Lehre – ebenfalls eine Hauptaufgabe der Universitäten für die Gesellschaft – der Fall.

«Wer promoviert, hat keinen Beruf, sondern ist in Ausbildung», sagte der Rektor der Uni Zürich, Andreas Fischer, gegenüber DerBund.ch/Newsnet. Sehen Sie das auch so?
Nein, da bin ich völlig anderer Meinung, das ist grotesk. Wenn jemand einen Master abgeschlossen hat und dann in die Wirtschaft geht, dann heisst es auch nicht, er sei weiter in Ausbildung. Die Doktorierenden leisten einen wesentlichen Beitrag zur Forschungsarbeit, was eine der zentralen Aufgaben der Universitäten darstellt. So was kann niemand leisten, der in Ausbildung ist.

Was sind eigentlich Ihre nächsten wissenschaftlichen Projekte?
Ich beschäftige mich derzeit mit dem Phänomen der aufkommenden Religiosität unter den Jugendlichen Georgiens, es geht um eine psychologische Abbildung dieser Religiosität.

Ein nächster Schritt zur rettenden Professur?
(lacht) Das kann man nicht sagen... unter Umständen.

(DerBund.ch/Newsnet)

(Erstellt: 23.02.2012, 15:23 Uhr)

Odilo Huber (*1967) präsidiert die nationale Mittelbau-Vereinigung Actionuni, die sich für eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen von Assistenten und Privatdozenten einsetzt. Der promovierte Psychologe leitet ausserdem die Mittelbau-Vereinigung der Uni Fribourg.

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