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Als Worte töten konnten
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Die «Prawda» war einer jener hässlichen Zwerge, die sich auf die Schulter des Riesen UdSSR hockten, solcherart ungeheuerlich anwuchsen und schliesslich, als der Koloss 1991 zu Boden ging, kopfvoran in den Dreck stürzten.
Noch Ende der 80er-Jahre verfügte die «Prawda» über eine 500-köpfige Redaktion und über eine Auflage von mehr als zehn Millionen Stück, heute sinds 12 Redaktoren und ein paar Tausend Leser. Die Grösse der Zeitung stand immer in direkter Korrelation zur Macht der Kommunistischen Partei Russlands.
«Prawda» heisst zu Deutsch «Wahrheit» – es war von Anfang an eine ganz eigene, esoterische Wahrheit, der sich die Macher verpflichtet fühlten; eine Wahrheit, der auch gegen Traditionen und Mehrheiten zum Durchbruch verholfen werden sollte. Es war die Wahrheit des Wladimir Iljitsch Uljanow, genannt Lenin.
Blosse Erwähnung als Todesurteil
Schon im Exil plante der marxistische Vordenker den Aufbau einer Parteizeitung. In der ersten Maiwoche 1912 lief die «Prawda» dann als Provinzblatt erstmals in St.Petersburg von der Druckpresse. Von Anfang an diente die «Prawda»-Redaktion den Bolschewiki als Kaderschule: Erster Herausgeber war Wjatscheslaw Molotow, der spätere Aussenminister und skrupellose Hitlerhände-Schüttler (der von Molotow arrangierte Hitler-Stalin-Pakt von 1940 zerstückelte das geschlagene Polen brüderlich zwischen den beiden Terrorregimes), 1913 übernahm niemand Geringerer als Josef Stalin die Chefredaktion.
Nachdem Stalin die Macht im aufstrebenden Sowjetstaat an sich gerissen hatte, kam seinem Leibblatt eine ganz besondere, bösartige Funktion zu. Während der sogenannten «Stalinschen Säuberung», bei der zwischen 1936 und 1939 Millionen ermordet und verschleppt wurden, war die «Prawda» das zentrale Denunziations-Medium des Gewaltherrschers. Unterstellungen, Andeutungen, ja blosse Erwähnungen in der «Prawda» konnten einem Todesurteil gleichkommen.
Auch innerhalb der Zeitung kam es zu Ermordungen. Allzu freigeistige Schreiber wurden liquidiert und durch angepasstere Autoren ersetzt; der kluge Philosoph Nikolai Bucharin etwa, 1930 noch Chefredaktor, wurde mit einem Spionagevorwurf desavouiert und 1937 erschossen. So gaben in der Redaktion je länger je mehr grobschlächtige Ideologen wie Lew Mechlis, Bucharins Nachfolger und Stalins wichtigster PR-Mann, den Ton an.
Keine Läuterung
Im Zweiten Weltkrieg versuchten die Nazis, die Bevölkerung der besetzten russischen Gebiete mit kostenlosen «Prawda»-Fälschungen zu manipulieren; nach der katastrophalen Niederlage von Stalingrad im Januar 1943 wurde das Experiment aber bereits wieder eingestellt.
Ihre eigentliche Blütezeit erlebte die «Prawda» dann während des Kalten Kriegs, als das Blatt nationalistische Triumphe wie die Sputnik-Mission propagandistisch ausschlachten konnte, sich dabei immer in einer uneingeschränkt-üppigen Monopolstellung wissend – konstant regnete das zweifelhafte Manna der sowjetischen Planwirtschaft auf die Redaktion nieder.
1989 folgte dann der besagte tiefe Sturz in die Niederung gewöhnlicher Tageszeitungen, die sich mit mühsam akquirierten Anzeigen am Leben erhalten. Eine Läuterung zeitigte der schockartige Eintritt in die Marktwirtschaft jedoch nicht, der Wahrheit ist die «Prawda» bis heute nicht verpflichtet, noch immer verklärt sie ihre schaurige Vergangenheit – auf dem Pult des Chefredaktors steht bis heute die Büste eines gewissen Josef Stalin. (DerBund.ch/Newsnet)
Erstellt: 09.05.2012, 10:24 Uhr
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