«... heisst sterben lernen»

Zum Ende unserer Philosophie-Sommerserie lesen Sie ein paar sehr grundsätzliche Gedanken.

Tragische Figur aus Shakespeares «Hamlet»: Ophelia, hier ein Gemälde von John Everett Millais.

Tragische Figur aus Shakespeares «Hamlet»: Ophelia, hier ein Gemälde von John Everett Millais.

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Wir Menschen sind endliche Wesen; und diese Tatsache bereitet vielen Leid. Es fällt schwer, zu akzeptieren, dass es für mich einmal nicht mehr weitergeht, dass es eine Zeit geben wird, in der ich nicht mehr existiere.

Die Philosophie hat immer wieder versucht, dieses Leid zu explizieren, und hat es – in seltenen Fällen – sogar erträglicher gemacht. Im Anschluss an Platon und Montaigne ist letzteres sogar zum disziplinären Hauptziel erklärt worden: «Philosophieren heisst sterben lernen.»

Ein prominenter Vorschlag, das Leid an der eigenen Endlichkeit zu überwinden, besteht darin, sich aus der unmittelbaren, emotional aufgeladenen Betriebsamkeit des Alltags zu lösen. So fordert uns beispielsweise Spinoza auf, alles sub specie aeternitatis, also von einem zeitlich distanzierten Standpunkt der Ewigkeit aus zu betrachten. Und schon beim mittelalterlichen Mystiker Jakob Böhme heisst es: «Weme Zeit ist wie Ewigkeit, und Ewigkeit wie die Zeit; der ist befreyt von allem Streit.»

Jakob Böhme (1575 bis 1624).

Diese Ewigkeitsperspektive beinhaltet insbesondere das Aufgeben aller grundlegenden Unterscheidungen zwischen Vergangenem, Gegenwärtigem und Zukünftigem. Der Gegenwart kommt keine besondere Stellung in der zeitlichen Ordnung von Ereignissen zu, und überhaupt gibt es keine fundamentale Unterscheidung zwischen Vergangenheit und Zukunft. Ereignisse lassen sich schlicht gemäss einer Früher-später-Relation anordnen.

Nun ist unser Erleben und Empfinden aber ganz grundlegend davon geprägt, dass wir Dinge als gegenwärtig, zukünftig und vergangen wahrnehmen – und eben nicht bloss als früher oder später. Für den Moment mag es zwar gelingen – etwa in Form von Meditation – sich «in etwas zu verlieren», sodass die Unterscheidung von Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft keine Rolle spielt. Doch die fundamentale Differenz, die hier auf Ebene des Erlebens besteht, lässt sich kaum auf Dauer ausschalten. Letztlich besorgt mich eben doch derjenige Zahnarztbesuch, der mir nächste Woche bevorsteht – und nicht derjenige, den ich vergangene Woche hinter mich gebracht habe. Und Gleiches gilt mit Bezug auf die Endlichkeit meines Lebens: Zugegeben, ich habe keine schlimmen Erlebnisse oder Erinnerungen, die ich mit meiner Geburt oder der Zeit davor verbinde. Das rechtfertigt womöglich den Analogieschluss, ich werde auch mit meinem Tod und der Zeit danach keine schlimmen Erlebnisse und Erinnerungen verbinden. Doch dieser Analogieschluss befreit mich nicht von der Sorge über meine Endlichkeit – und dass dies so ist, zeigt, inwiefern es hier um mehr oder anderes geht als Kriterien rationalen Schlussfolgerns.

Kommen wir zurück zur Formulierung bei Böhme: Das Wort «Streit» kann man lesen als jegliche Form von Zwietracht oder Auseinandersetzung. Und hier machen die Wortbedeutungen bereits deutlich, worum es geht: nämlich um das Entzwei- oder Auseinanderfallen von etwas. Der Streit (im böhmeschen Sinne) bzw. allgemein das Leid hat immer mit Ent-zweiung zu tun, mit Unterscheiden und Auseinanderfallen. Doch damit eröffnet sich auch eine positive Seite. Dass ich die Welt wahrnehmen kann, dass ich überhaupt etwas in der Welt erlebe, basiert genau auf der Möglichkeit, mich von ihr als unterschieden zu finden. Sämtliches Empfinden basiert in diesem Sinne auf einem Unterscheiden – genau wie es die ursprüngliche Wortbedeutung von «em-pfinden» als «ent-finden» suggeriert.

Nun gibt es verschiedene Ausprägungen oder Formen dieses Unterscheidens – wie zum Beispiel die gerade erwähnte zwischen der Welt und mir. Allerdings basiert sie, wie auch andere, auf einer grundlegenderen Form, nämlich einem zeitlichen Unterscheiden oder Auseinanderfallen. Die Unterscheidung zwischen mir und der Welt basiert vor allem darauf, dass ich mich immer wieder neu von ihr unterscheide. Oder, um ein anderes Beispiel zu geben: Ich mag vielleicht meine Augen schliessen und keinerlei räumliche Gegebenheiten mehr voneinander unterscheiden. Aber die Zeit als die «Form des inneren Sinn» (Kant) kann ich so nicht ausschalten.

Immanuel Kant (1724–1804).

Selbst bei geschlossenen Augen fallen meine inneren Zustände fortwährend auseinander in gegenwärtige und (nunmehr) vergangene. Ohne diese immer wieder neue Abspaltung des Vergangenen von dem, was jetzt gegenwärtig ist, wäre ich eben gar kein empfindsames und bewusstes Wesen im üblichen Sinne. Um es mit einem anderen Protagonisten der klassischen deutschen Philosophie auszudrücken: «Wo keine Zeit, da ist kein Individuum, wo kein Individuum, keine Empfindung, und umgekehrt.» (Feuerbach).

Im Gegensatz zur oben erwähnten Ewigkeitsperspektive, die in gewisser Weise von einer gegebenen Menge aller Tatsachen ausgeht, betont dieses fortwährende Unterscheiden oder Ent-finden eine Prozesshaftigkeit. Es konstituiert eine Gerichtetheit und damit einen Sinn (so wie man von einem «Drehsinn» oder «Uhrzeigersinn» spricht). Anders formuliert: Ein sinnvolles Leben ist eines mit einer Orientierung oder Richtung, und das wiederum ist gebunden an die Möglichkeit fortwährenden Unterscheidens oder Ent-findens.

Nun wissen wir aber auch (per Induktionsschluss), dass es für uns in der Praxis nicht für immer die Möglichkeit des fortwährenden Unterscheidens geben wird. Das ist genau das Leid, was von unserer Endlichkeit herrührt. Eine Abmilderung, die wir uns verschaffen können, ist die gerade erwähnte Einsicht, nach der wir ohne dieses Ent-finden eben von Anfang an keine empfindsamen Wesen wären. Eine andere Möglichkeit der Abmilderung, die abschliessend zumindest kurz genannt werden sollte, besteht darin, andere dazu zu bewegen, Unterscheidungen und Unterscheidungsgewohnheiten fortzusetzen, die wir bereits pflegen. Die Möglichkeit des fortwährenden Unterscheidens wird dann zwar nicht mehr von mir, aber eben doch in meinem Sinne fortgesetzt. Und diese Hoffnung auf eine (zumindest zeitweise) «Transzendierung der eigenen Endlichkeit» motiviert, so scheint es, viele unserer alltäglichen Handlungen und Aktivitäten: vom politischen Engagement und der Kindererziehung bis hin zu Einträgen in Sportranglisten und Blogbeiträgen im Internet.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 29.07.2016, 12:55 Uhr

Der Autor

Norman Sieroka ist habilitierter Dozent für Philosophie an der ETH Zürich.

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Die Serie

Wie beeinflussen ästhetische Fragen das Leben? Wann gefällt uns etwas? Werden wir unvernünftig, wenn es um schöne Dinge geht?

In unserer Sommerserie beschäftigen sich Philosophen mit dem Thema Schönheit. Zwischen dem 18. und dem 29. Juli lesen Sie auf DerBund.ch/Newsnet werktäglich einen Text hiesiger Philosophen dazu. Die Fragen stammen teils von Lesern, teils von der Kulturredaktion, teils von den Autoren selber.

Die Serie ist in einer Kooperation mit dem Schweizer Onlineportal für Philosophie, Philosophie.ch, entstanden. Das Portal hat kostenlose Dossiers zu grossen, aber auch alltäglichen Themen erstellt – so etwa zu Mensch, Gesundheit oder Zukunft. (lsch)

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