Man sieht, was man sehen will

Der Berner Malerpoet Ernst Kreidolf gilt als heiterer Gestalter von Kinderbüchern. Nur wenige wissen, dass er auch ein kritischer Zeitzeuge war.

Romantische Idylle oder bedrohliches Kriegsszenario? Ernst Kreidolf: «Eisenhüte, Rittersporn und Germen», 1918/19, Aquarell, Kunstmuseum Bern.

Romantische Idylle oder bedrohliches Kriegsszenario? Ernst Kreidolf: «Eisenhüte, Rittersporn und Germen», 1918/19, Aquarell, Kunstmuseum Bern. Bild: Pro Litteris, Zürich

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«Wintermärchen». «Alpenblumenmärchen» – so heissen die bekanntesten Bilderbücher des Berner Malers und Zeichners Ernst Kreidolf (1893–1956). Obwohl sie bereits Anfang des letzten Jahrhunderts entstanden, sind die Bücher vielen bis heute vertraut. Kreidolfs Pflanzen mit ihren menschlichen Gesichtern vergisst man nicht so schnell. Das Geheimnis ihres Reizes rührt wohl daher, dass die Wesen der Fantasie entspringen, aber auch von Kreidolfs scharfer Beobachtungsgabe zeugen. Denn Kreidolf zeichnet die Blumen und Pflanzen mit botanischer Genauigkeit. Aber trotz seiner wissenschaftlichen Akribie möchte er mehr erfassen als das reine Abbild. In den Lebenserinnerungen hält er fest, dass er das «Wesen» sichtbar machen möchte.

Das gelingt ihm in den «Alpenblumenmärchen». Die vermenschlichten Blüten haben eine Persönlichkeit, sie zeigen Charakter. Und der stimmt exakt mit ihren botanischen Eigenschaften überein: Eine Alpenpflanze, die heilt, ist als Mensch eine Helferin. Und eine toxische Pflanze zeichnet Kreidolf auch in Menschengestalt als «Giftspritze».

Kenntnisreich verwebt der Künstler seine Pflanzengeschichten mit griechischen Mythen. Zum Beispiel da, wo er den schönen Adonis im Kampf mit einem Eber (mit Eberkrautkranz) zeigt. Die Szene ist nicht der Fantasie entsprungen, sondern nimmt Bezug auf die Geschichte vom eifersüchtigen Kriegsgott Mars, der sich in einen Eber verwandelt, um Adonis zu töten, weil er die Liebe der Aphrodite gewinnen möchte.

Kritischer Zeitzeuge

Die schön gestaltete Schau im Schloss Spiez fokussiert auf Kreidolfs Beziehung zu den Alpen. Das Thema, das erstaunlicherweise zuvor noch nie Gegenstand einer Ausstellung war, ist spannend und ergiebig. Kuratorin Sibylle Walther hat aus rund 80 Öl- und Aquarellbildern, Zeichnungen, Skizzen sowie Originaldokumenten, Briefen und Fotos aus der Burgergemeinde Bern eine aufschlussreiche Ausstellung gestaltet.

Sie ermöglicht, die Behauptung selber zu überprüfen, dass Kreidolf mehr als ein naiver Kinderbücher-Maler war. Als kritischer Zeuge seiner Zeit reflektiert er in seinen Pflanzenbildern nämlich auch die politischen Verhältnisse. Auf einem der Aquarelle aus den «Alpenblumenmärchen» sind vier Ritter zu sehen. Die hageren Herren mit Bärten tragen Blätterröcke und Pflanzenhüte und stützen sich auf ihre Schwerter, als wären es Spazierstöcke. Zwei blicken in die Ferne, wo am Himmel die Sonne untergeht. Schatten legen sich über die Berghänge, über denen farbige Falter und Insekten in die Dämmerung ausschwärmen. Ein romantisches Szenario.

Doch die Realität, die Kreidolf meint, ist eine andere. Die drei Kerle – der blaue Eisenhut, der weisse Germer und der Rittersporn – gehören zu den giftigsten Pflanzen im Alpenraum. Die fliegenden Insekten erinnern an Kriegsflugzeuge, und der blutige Horizont verweist auf eine ferne Schlacht. Aus dem Schattendunkel lässt Kreidolf Horden geflügelter Heuschrecken strömen. Es ist ein alttestamentarisches Motiv, das nichts Gutes verheisst. Doch die Ritter stehen noch auf sicherem Grund. Es kann kein Zufall sein, dass die Umrisse der Insel unter ihnen Füssen an die Schweizer Grenze erinnern.

Totes Gebein wird lebendig

Ernst Kreidolf ist kein kindlicher Träumer, auch wenn er sich in märchenhaften Aquarellen ausdrückt. Er ist ein Visionär, der Stellung bezieht. In einigen Bildern zeichnet er gegen Gewalt, Habgier, Krieg und Zerstörung an. Auch der Tod ist sein Thema. Er kennt das lähmende Gefühl wachsender Verzweiflung, wenn er gegen einen Berg von Vorurteilen um Anerkennung als Künstler ringt. Hier beginnen seine persönlichen Abgründe. Im dämonischen Aquarell «Wurzelspuk» scheint sogar sein Urvertrauen in die Natur erschüttert. Die Wurzeln am Fuss des Berges leuchten wie totes Gebein.

Kreidolfs emphatische Beziehung zu Fauna und Flora beginnt in frühester Kindheit. Der gebürtige Berner wächst bei den Grosseltern auf einem Bauernbetrieb im Thurgau auf. Er liebt es, alles, was ihn umgibt, zu beobachten, abzuzeichnen. Bauer werden möchte er aber nicht. Von seinem Wunsch, die Kunstschule zu besuchen, halten seine Eltern aber nichts. Er muss eine Lithografenlehre machen, fühlt sich eingesperrt und spürt die Kreativität verkümmern.

Erst als gelernter Lithograf darf er in München an die Kunstgewerbeschule. Und da schafft er auch den Sprung an die Akademie der Bildenden Künste. Er wird zur Kerze, die an beiden Enden brennt, leidet unter dem Druck an depressiven Verstimmungen: Tags studiert und zeichnet er, nachts verdient er Geld mit der Anfertigung von Verbrecherbildern für das Münchner Fahndungsblatt. Der Krieg zwingt ihn 1918 zurück nach Bern. Hier entwickelt er seine künstlerische Arbeit in vielerlei Richtung weiter und wird durch unterschiedlichste Auftragsarbeiten gefördert, bis er 1956 stirbt. Kreidolfs Werk klingt nach. Und die Distanz zu seiner Bilderpoesie schafft Raum für neue Lesarten auf seine Kunst, wie sie zu seiner Lebzeit nicht möglich gewesen war.

Schloss Spiez: «Bergzauber und Wurzelspuk»: bis 8. 10., www.schloss-spiez.ch (Vom 26. 11. bis 25. 2 .2018 gastiert die Schau im Kunstmuseum Appenzell.)

Zur Ausstellung ist in der Schriftenreihe «Passepartout» der Burgerbibliothek Bern ein 96-seitiges, reich bebildertes Begleitbuch erschienen (ca. Fr. 39.–). (Der Bund)

Erstellt: 15.06.2017, 06:53 Uhr

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