Man muss genau hinschauen

Der Zürcher Germanist Peter von Matt wird 80 Jahre alt.

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Was ist Schadenfreude? Wo kommt sie her, worin liegt ihr Vergnügen, wann ist die klammheimliche Freude am Missgeschick des Nächsten legitim, wann schlägt sie um in Inhumanität? Fragen, die wir uns in der Regel nicht stellen. Peter von Matt kommt auf sie bei der Lektüre einer Novelle von Gottfried Keller. Da lacht ganz Seldwyla über das so lächerliche Elend der «Drei gerechten Kammmacher», und dem klugen Interpreten fällt auf, wie der Schriftsteller unsere Empfindungen und unser Urteil lenkt: auf einem schmalen Grad, links liegt das selbstgefällige «Geschieht ihnen recht», rechts das Mitleid mit den unglücklichen Gestalten. Und hinter diesem ambivalenten Gefühl, entdeckt von Matt, verbirgt sich noch mehr: die Erkenntnis, dass wir unsere Schwächen vor der Mitwelt verbergen, aber nicht ahnen, dass es die genauso hält. In der Schadenfreude bricht die Fassade des Nächsten auf, und wir stellen erleichtert fest: der ist ja auch ein fehlbarer, fehlerbehafteter Mensch. Wie wir.

So ergeht es einem, wenn man einen Essay, einen Aufsatz, das Kapitel eines Buches von Peter von Matt liest. Man lernt ein Stück Literatur – ein Gedicht, eine Theaterszene, einen Roman – ganz neu kennen. Und man lernt, dass Literatur Erkenntnisse bereithält, die man auf keinem anderen Weg, etwa der Wissenschaft, gewinnt; dass sie Wahrheiten enthält, die zu komplex sind, als dass sie auf den Begriff zu bringen wären. «Literatur denkt in Szenen», sagt von Matt, und: «Man muss genau hinschauen.»

Und was er sieht und erkennt, kann er so formulieren, dass es sich stets spannend und erhellend liest, ohne jemals lehrhaft zu wirken.

Und was er sieht und erkennt, kann er so formulieren, dass es sich stets spannend und erhellend liest, ohne jemals lehrhaft zu wirken. Deshalb ist Peter von Matt, der 1976 bis 2002 Professor für Neuere deutsche Literatur in Zürich war – auf dem Lehrstuhl seines Lehrers Emil Staiger –, nicht nur der bedeutendste Germanist des Landes geworden, sondern auch einer seiner führenden Intellektuellen. (Dass, wie Marcel Reich-Ranicki einmal sagte, niemand in der Schweiz so gut schreibe wir er, war wohl eher eine Gemeinheit gegenüber allen hiesigen Autoren.)

Längst fühlt er nicht nur der Literatur, sondern auch der Schweiz den Puls. Warum auch nicht? Wer die komplexesten ästhetischen Gebilde begreifen und deuten kann, der scheitert doch nicht an der verworrenen helvetischen Seelenlage. Von Matt hat auch hier hohe Analysequalitäten bewiesen. In den Bänden «Die tintenblauen Eidgenossen» oder «Das Kalb vor der Gotthardpost». Oder in zahlreichen Interviews und Interventionen, in denen er neuschweizerische Mythen lustvoll zerpflückt. «Die Mehrheit hat nicht immer recht», hält der den Populisten und ihrer «heiligen Kuh des Volksentscheids» entgegen, oder «Jedes Abstimmungsergebnis ist Zufall». Mit solchen Sätzen ist er heute womöglich der meistgehörte Schweizer Autor. Am heutigen Samstag wird er 80 Jahre alt.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 19.05.2017, 19:27 Uhr

Peter von Matt

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